Warum muss man beim Fernsehen so oft die Laustärke anpassen?

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Digital Life
01/15/2020

Warum gibt es am Fernseher keine einheitliche Lautstärke?

Je nach Medienquelle oder Kanal erhält man am TV unterschiedliche Lautstärken. Wir erklären, warum das so ist.

von David Kotrba

Viele Fernseher-Besitzer kennen das Phänomen, dass man an einem TV-Abend kaum um den ständigen Griff zur Fernbedienung herumkommt, um unterschiedliche Lautstärken-Niveaus anzupassen. Wechselt man etwa von Kabelfernsehen zu Netflix oder von einem TV-Sender zum anderen, ist der Ton ein mal zu leise und ein mal zu laut. Warum das so ist, hat mehrere Gründe.

Akustisches Abrüsten

Zunächst einmal muss man zwischen zwei Begriffen unterscheiden: Lautstärke und Lautheit. Lautstärke ist die physikalisch messbare Stärke des Schalls, Lautheit dagegen die vom Menschen empfundene Lautstärke. Der englische Begriff dafür lautet Loudness. Vielleicht hat der eine oder andere Leser ja schon einmal über den "Loudness war" gelesen. Dabei handelt es sich quasi um akustisches Heischen nach Aufmerksamkeit nach dem Motto: Wer lauter schreit, wird am ehesten gehört.

Im Alltag begegnet einem der Loudness War am ehesten in Form von plärrenden Werbespots zwischen den üblichen Fernseh- und Radiosendungen. Eine Zeit lang gab es auch in der Musikindustrie ein Lautheits-Wettrüsten, das vor allem Pop-Produktionen betraf. Der dadurch reduzierte Dynamikumfang (Unterschied zwischen den leisesten und lautesten Stellen eines Musikstücks) stößt aber beim Publikum auf viel Kritik, weshalb es Bestrebungen gibt, Normen zu kreieren, Maximalpegel festzuschreiben und somit quasi akustisch abzurüsten.

Viele Einflussfaktoren

Neben dem Loudness War gibt es aber auch noch andere Gründe, warum man beim Fernsehen mit unterschiedlichen Lautstärken konfrontiert ist. Fernsehproduktionen und Fernsehsender sind relativ frei in der Wahl ihrer Laustärkepegel. Dazu kommen unterschiedliche Übertragungswege mit unterschiedlichen Formen der Signalverarbeitung.

"Die Laustärke zwischen den unterschiedlichen Quellen hängt von den internen elektronischen Schaltkreisen im TV-Gerät ab und davon, über welche Eingänge die Quellen an das TV-Gerät angeschlossen sind", teilt der ORF der futurezone mit. "Ob man über analoge Anschlüsse (SCART, AV-Eingang) oder über digitale HDMI-Anschlüsse die Verbindung herstellt, wird schon einen Unterschied machen. Die Audiomischung mit den internen Quellen im TV-Gerät ist dann noch eine weitere Ebene."

Ein Beispiel: "Kabelfernsehen im Format DVB-C wird für gewöhnlich direkt mit dem Fernseher empfangen. Terrestrisches TV hingegen wird im DVB-T-Format mit einer Antenne empfangen und dann mit einem DVB-T-Receiver dekodiert", schildert Eric Kurz vom Institut für Signalverarbeitung und Sprachkommunikation an der TU Graz. "Der Receiver besitzt oft eine eigene Lautstärkeregelung, die zu leise eingestellt ist. Somit wird das dekodierte Audiosignal mit zu wenig Pegel an den Fernseher weitergeleitet und ist im Vergleich zum DVB-C-Audiosignal leiser."

Unterschiede zwischen Sendern

Während manche Videostreaming-Dienste Filme und Serien in einheitlicher Lautstärke anbieten, herrscht andernorts akustische Vielfalt. Bei A1 TV werden etwa Bild- und Tonsignal einzelner Sender nicht nachbearbeitet. "Wenn uns ein Sender einen Pegel vorgibt, geben wir den eins zu eins weiter", heißt es seitens A1.

Der ORF und die österreichischen Privatsender haben eine Vereinbarung über eine einheitliche Laustärke für alle Programmelemente getroffen, die mit 1. September 2012 in Kraft trat. Das bedeutet einerseits, dass es keine Laustärkenunterschiede zwischen den Sendern mehr gibt, andererseits, dass es auch im Programm keine höhere Laustärke für Werbung oder Programmhinweise gibt. "Für die Zuschauerinnen und Zuschauer bedeutet dies, dass der Griff zur Fernbedienung zum Ausgleichen unerwarteter Laustärkesprünge an sich nicht mehr erforderlich ist", schildert der ORF.

Vereinheitlichung

In Europa gibt es eine Regelung, die Lautstärken im Fernsehen auf ein einheitliches Niveau bringen soll. Die Empfehlung R 128 der European Broadcasting Union (EBU) wurde bereits 2011 veröffentlicht, verbindlich ist sie aber nicht. "Lautheitsunstimmigkeiten zwischen Programmen und Kanälen sind die Ursache für die meisten Beschwerden der Zuschauer/Hörer", heißt es in dem Dokument. Mit R 128 soll ein "Audiopegelungs-Paradigma" geschaffen werden. Der ORF hat das Verfahren laut eigenen Angaben federführend mitentwickelt.

Die Programmlautheit soll laut der EBU auf den Zielwert -23,0 LUFS normalisiert werden. Davon soll im Idealfall nicht mehr als ein LU abgewichen werden. Was ist darunter zu verstehen? LUFS steht für "Loudness Unit relative to Full Scale". Es handelt sich - wie Dezibel - um eine Skala für Lautstärke, allerdings um eine absolute und nicht um eine logarithmische. Sie orientiert sich am Wert 0 dBFS (Decibels relative to Full Scale), das ist die maximale Aussteuerung eines 24-Bit-Digitalsignals.

Pegelanpassung

In Zukunft könnten Fernsehzuschauer also verschiedenste Sender mit einer einheitlichen Laustärke konsumieren können - wenn die Sender der EBU-Empfehlung folgen. Mit modernen TV-Geräten haben es Zuschauer meist aber auch selbst in der Hand, Lautstärkenunterschiede zu minimieren, und zwar nicht sprichwörtlich, durch den Griff zur Fernbedienung, sondern automatisch. In vielen Fernsehern ist die Möglichkeit einer Pegelanpassung vorhanden, bei der Lautstärken je nach Sender und je nach Eingang variiert werden können - manuell oder automatisch.