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Meinung
12/22/2019

Das Christkind ist keine Lüge

Wir sollten Kinder zu wissenschaftlich denkenden Menschen erziehen. Aber ein bisschen Magie darf schon dabei sein.

von Florian Aigner

Jeden Tag erzählt man uns Blödsinn. Der Wunderheiler verspricht uns Gesundheit durch bunte Heilkristalle, die Wahrsagerin behauptet, mit Tarot-Karten in die Zukunft zu blicken, und Donald Trump hält den Klimawandel für einen Schwindel, erfunden von den Chinesen.

In einer Welt voller Falschmeldungen müssen wir unbedingt lernen, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Ist es da nicht ein furchtbarer Fehler, Kindern vom Christkind oder vom Weihnachtsmann zu erzählen? Zwingen wir sie damit nicht schon in den ersten Lebensjahren auf einen Pfad der Wissenschaftsfeindlichkeit, der bei wirren Verschwörungstheorien, esoterischem Aberglauben oder merkwürdigen Politikern endet?

Nein, so einfach ist das nicht. Nicht alles was falsch ist, ist eine Lüge. Kinder leben in einer magischen Welt – nicht weil sie belogen wurden, sondern weil das ein ganz natürliches Stadium der psychologischen Entwicklung ist. Die Puppe möchte auf dem Tisch sitzen. Der Ball wird weggelegt, weil er jetzt schlafen muss. Und unter dem Bett wohnt möglicherweise ein Monster, aber nur wenn das Licht ausgeschaltet ist. Das ist ganz normal.

Das Christkind als Vertrauensbruch?

Manche Kinder erleben die Enthüllung über die wahren Urheber der Weihnachtsgeschenke als Enttäuschung. Der Psychologe Christopher Boyle und die Sozialwissenschaftlerin Kathy McKay mutmaßten im Fachmagazin „Lancet Psychology“, dass dadurch das Vertrauen in die Eltern beschädigt werden kann. Doch nicht jeder macht solche Erfahrungen.

Ich selbst kann mich an keinen speziellen Zeitpunkt erinnern, an dem mir die Sache mit dem Christkind schlagartig klar wurde. Es war wohl eher ein kontinuierlicher Prozess: Schritt für Schritt lernt man als Kind, reale Wirklichkeit von Phantasie zu unterscheiden. Und wenn sich diese beiden Kategorien im Kopf voneinander getrennt haben, dann erscheint die Zuordnung ganz natürlich: Das Christkind, die Zahnfee und Spiderman gehören in die eine Kategorie, der Nachbarhund, das Jausenbrot und Mamas Lesebrille in die andere.

Und wenn man nicht ganz sicher ist, dann kann man die Sache mit Schulfreunden diskutieren. Dann wird das Christkind vielleicht sogar zum wunderbaren Training für rational-wissenschaftliches Denken: Ist die Christkind-Theorie logisch haltbar? Gibt es andere Theorien, mit denen man die experimentellen Befunde (nämlich die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum) erklären kann? Gibt es mögliche Messungen (heimliche Stöberaktionen im Kleiderschrank der Eltern), mit denen man alternative Thesen testen könnte?

Faktische Wahrheiten und metaphorische Wahrheiten

Vor allem aber lernen Kinder durch das Christkind etwas sehr Wichtiges – nämlich dass es unterschiedliche Arten von Geschichten gibt. Manche beschreiben reale Sachverhalte in der physischen Welt. Aber es gibt auch Wahrheiten, die mit der physischen Realität nichts zu tun haben. Ein Kinofilm, der uns zu Tränen rührt, ist keine Lüge. Ein Musikstück muss nicht durch statistische Analysen untermauert werden. Eine Liebeserklärung kennt keine Maßeinheit.

Es gibt Fragen, für die ist die Wissenschaft zuständig. Und es gibt andere, in denen man andere Mittel braucht. Dazwischen zu unterscheiden, ist auch für Erwachsene nicht immer einfach. Vielleicht kann uns das Christkind ein bisschen dabei helfen.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen