Meinung
25.01.2014

Der Hyper-Konsument

Unsere Daten liefern wir bereits unfreiwillig ab, in Zukunft wird die ganze Wirtschaft so funktionieren. Das nächste revolutionäre Stück Hardware wird der Kaufen-Knopf.

Auf dem Schulweg konnte ich früher in der Straßenbahn manchmal dem Fahrer über die Schulter schauen. Neben der großen Kurbel, mit der die Geschwindigkeit geregelt wurde, gab es einen interessanten Knopf, unter dem ein beschriftetes Schild festgeschraubt war. Auf dem Schild stand „Totmann”. Lange hielt ich das für einen ungewöhnlichen Firmennamen, bis ich erfuhr, dass der Knopf so heißt, weil er dazu da ist, festzustellen, ob der Mann, der vor ihm steht, noch lebt oder tot ist.

Liefern, noch ehe bestellt wird

Was früher schlicht Totmannknopf und heute Sicherheitsfahrschaltung heißt, muß auch von Lokführern in modernen Zügen nach wie vor alle 30 Sekunden betätigt werden. Wenn nicht, etwa weil der Fahrer ohnmächtig geworden ist, wird nach einer Warnung eine Zwangsbremsung ausgelöst. Daran mußte ich sofort denken, als ich die Meldung las, Amazon habe einen „antizipatorischen Paketversand“ zum Patent angemeldet. Dabei sollen Käufe algorithmisch vorausgeahnt und die entsprechenden Logistikzentren schon mit Waren beschickt werden, noch ehe etwas bestellt wird. Diese Prognosen sollen von Programmen erstellt werden, die bis dahin gelernt haben sollen, in den zunehmend gewaltigen Mengen an Kundendaten entsprechend nutzbare Strukturen zu erkennen, etwa die Entwicklung von Vorlieben oder potentielle Kaufgewohnheiten.

Das Rechnen vor dem Sturm

Die Entwicklung ist nicht neu. Das Vokabular hat sich gewandelt, statt Data Mining heißt es heute Big Data. Vor allem aber hat die Leistungsfähigkeit von Hardware und Software um ein Vielfaches zugenommen. Im September 2004, während Hurricane Frances auf die Küste Floridas zuraste und Meteorologen Vorhersagen über seinen Weg bekanntgaben, nahmen die IT-Spezialisten des weltgrößten Handelskonzerns Wal-Mart in einem Rechenzentrum in Arkansas ein anderes beeindruckendes Prognosewerkzeug in Betrieb.

Tage vor der Ankunft von Frances untersuchten sie, womit Umsatz gemacht worden war, als ein paar Wochen zuvor Hurricane Charly zugeschlagen hatte. Es stellte sich heraus, dass nicht bloß die üblichen Taschenlampen in die Supermärkte an der Küste geliefert werden mußten. Der Top-Seller vor dem Unwetter war Bier. „Aber wir wußten zum Beispiel nicht“, staunte Rechenzentrumsleiterin Linda Dillman, „dass die Leute vor einem Hurricane siebenmal mehr Pop Tarts als sonst kaufen.“ (Pop Tarts sind Teigtäschchen mit Marmeladefüllung, die getoastet werden).

Heute dienen Satellitenbilder von Unternehmen wie DigitalGlobe oder GeoEye nicht mehr nur dazu, die Landkarten von Google oder Bing aufzuhübschen. Analysten von Banken ordern aktuelle Aufnahmen, um die Angaben von Warenhausketten zu ihren Kundenzahlen zu verifizieren. Dazu werden Parkplätze aus der Luft beobachtet und beispielsweise erfasst, welchen Einfluss spezielle Werbekampagnen auf die Zahl der Kunden haben. Immer mehr solcher Quellen werden genutzt, um immer detailreichere Röntgenbilder unserer Bedürfnisse und Wünsche erstellen zu können.

Wenn man nicht drückt, wird geliefert.

Was dem permanent verbesserten Angebotsfluß noch fehlt, ist ein ebenso permanent konsumwilliges Gegenüber: der Hyper-Konsument. Der nur gelegentlich konsumierende Mensch müßte zum Wohle der wachstumsorientierten digitalen Ökonomie konsequent beschleunigt werden. Dazu bedarf es eines Kaufen-Knopfs, der nach dem Prinzip der Totmann-Schaltung funktioniert: Wenn man nicht in regelmäßigen Abständen den Knopf drückt, wird geliefert.

Das alte Buchclub-Prinzip, nach dem ein sogenannter Hauptvorschlagsband geliefert wurde, sofern man unwillig war, sich selber etwas auszusuchen, könnte die ganze Weltwirtschaft voranbringen. Und auch Gewerkschaften und Konsumentenschutz hätten eine neue, zeitgemäße Aufgabe. Sie könnten zum Beispiel die Zeit aushandeln, die vergehen muß, ehe man wieder „Nicht liefern!“ drücken muß.