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Meinung

„Zurück zur Natur“ ist unmöglich

Es gibt kein „Zurück zur Natur“, diese Option haben wir bereits vor langer Zeit verspielt. Es gibt nur die Hoffnung, einen neuen, intelligenten, nachhaltigen Umgang mit der Natur zu finden.

„Wir müssen einfach wieder lernen, im Einklang mit der Natur zu leben. So wie früher. Oder so wie indigene Völker!“ Das klingt freundlich und nett, ist aber bei näherer Betrachtung eine gefährliche Illusion. Es gibt kein „Zurück zur Natur“, diese Option haben wir bereits vor langer Zeit verspielt. Es gibt nur die Hoffnung, einen neuen, intelligenten, nachhaltigen Umgang mit der Natur zu finden. Technikfeindliche Romantik wird uns dabei allerdings nicht helfen – ganz im Gegenteil.

Hinter der Forderung, die Umwelt zu schützen, indem man einfach aufhört, in sie einzugreifen, steckt die Vorstellung, wir hätten unseren Einfluss auf die Natur einfach ein bisschen übertrieben, und müssten uns jetzt eben wieder zurücknehmen. Wie wenn sich ein Kind ein etwas zu großes Stück von der Geburtstagstorte abgeschnitten hat, und nun ermahnt wird, beim zweiten Stück zurückhaltender zu sein, damit für die anderen auch noch genug bleibt.

Aber das beschreibt die Situation der Menschheit falsch. Wir sind eher das Kind, das kopfüber in die Torte gesprungen ist, sie in kleine Krümelchen zerpflückt und sich portionsweise in die Nase gesteckt hat. Ein Zurück zur Ursprungstorte ist nicht mehr möglich. Wenn wir wollen, dass alle etwas zu essen bekommen, müssen wir uns etwas Neues einfallen lassen.

Der Mensch als bestimmende Spezies

Seit es uns Menschen gibt, greifen wir in die Natur ein. Zehntausende Jahre hat es gedauert, dass sich Menschen auf dem ganzen Globus ausbreiteten – und überall, von Australien bis Sibirien oder Südamerika – kam es daraufhin zu einem Aussterben großer Tierarten. Heute gibt es so viele Menschen, dass wir insgesamt etwa ein Drittel der Gesamtmasse aller Säugetiere auf diesem Planeten ausmachen. Über 60 Prozent der Säugetier-Biomasse besteht aus Nutztieren, die nur deshalb leben, weil wir Menschen das so wollen – etwa Kühe und Schweine. Nur etwa vier Prozent sind wildlebende Säugetiere, von der Spitzmaus über den Löwen bis zum Blauwal.

Über 97 Prozent der Landfläche gelten als „stark vom Menschen beeinflusst“, über die genaue Zahl lässt sich streiten. Eine Trennlinie zwischen „natürlichem“ Gebiet und „menschlich beeinflusstem Gebiet“ lässt sich ohnehin nicht ziehen, wenn der Mensch drastisch in Kreisläufe eingreift, die den gesamten Planeten betreffen. Das sehen wir sehr deutlich an der Klimakrise.

Aus großer Macht folgt große Verantwortung

Ökologisch gesehen ist der Mensch die wirkmächtigste Spezies, die je auf diesem Planeten gelebt hat. Und aus großer Macht folgt auch große Verantwortung.

Im Mittelmeerraum wurden schon vor Jahrhunderten große Wälder abgeholzt, ein karges Buschland breitete sich aus. Wenn ein Ökosystem mal kippt, dann kehrt es nicht unbedingt von selbst wieder zum Ursprungszustand zurück, auch wenn man beschließt, es ab nun in Ruhe zu lassen.

Wir haben die Welt durcheinandergebracht, wir haben uns nun anzustrengen, zumindest möglichst viel davon noch irgendwie zu retten. Ein Arzt, der an den Organen des Patienten herumschnippelt und bemerkt, dass die Operation vielleicht doch nicht optimal läuft, kann auch nicht einfach sagen: „Ich überlasse den Patienten jetzt einfach sich selbst! Ich mische mich da nicht mehr ein!“ Er hat gefälligst dafür zu sorgen, die Situation so gut wie möglich in Ordnung zu bringen.

Unser Ziel sollte daher sein, so rasch wie möglich zu einem nachhaltigen, zukunftstauglichen Umgang mit den anderen Spezies dieses Planeten zu finden und dabei eine möglichst große Vielfalt von Ökosystemen zu bewahren. Ein romantisches Idealbild vorindustrieller Zeiten reicht dafür nicht. Erstens gibt es viel mehr Menschen als man mit vorindustriellen Möglichkeiten ernähren könnte, und zweitens können wir all das, was wir mit dummen technologischen Eingriffen bereits kaputtgemacht haben, in vielen Fällen nur mit klugen technologischen Eingriffen ausgleichen.

Wir werden viel Wissenschaft und Technologie brauchen – um Treibhausgase wieder zu entfernen, um die Meere wieder sauberzumachen, um Tieren und Pflanzen neue Chancen zu bieten. Wir werden vermutlich Gentechnik brauchen und erneuerbare Energie, CO2-Speicherung und Biotech-Verfahren, die wir heute noch gar nicht kennen. Es wird mühsam und anstrengend, aber wir haben keine andere Wahl. Wir haben uns nun mal entschieden, die dominierende Spezies auf diesem Planeten zu sein. Jetzt müssen wir die Verantwortung tragen, die wir uns damit aufgebürdet haben. An die Arbeit!

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Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen, schreibt er regelmäßig auf futurezone.at und in der Tageszeitung KURIER.

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