Meinung
23.11.2013

Maschinen gegen die Nacht

Programmierer, Dichter und Partymenschen lieben die Nacht. Was stört, ist, dass man müde wird. Der Kampf dagegen lohnt sich.

Wer nachts schläft, der weiß nicht, wie schön es ist, wach zu träumen. Nicht zu schlafen ist die einzige Droge, die bei mir wirkt und meiner Arbeit nützt, dem Schreiben. Die Sache hat natürlich ihren Preis. Ich brauche Tage, um mich von einer durchwacht durchgemachten Nacht zu erholen. Aber ich bin einfach zu gern wach, und zwar am liebsten in der Nacht.

Ich hasse es. Ich würde mich lieber hinlegen und schlafen, aber es läuft immer auf das selbe hinaus. Eigentlich sollte ich arbeiten, tagsüber, aber dann warte ich, bis ich müde bin und kämpfe gegen die Müdigkeit. Für diesen Kampf muß ich Energien freilegen, die einem gewöhnlich nicht zur Verfügung stehen, die Fettreserven der Seele. Einen Teil dieser Energien kann ich in die Arbeit umlenken.

Traumwandlerische Sicherheit

In den ersten Stunden nach Mitternacht versucht die Müdigkeit, mich zu betäuben. Nach einer Weile schläft die Müdigkeit ein, aber ohne mich. Ist dieser Punkt erreicht, fühle ich mich gewissermaßen destilliert, ganz kompakt und zugleich leicht wie Balsaholz. Dann stellt sich, wenn es gut läuft, der zentrale Zustand ein - eine traumwandlerische Sicherheit.

Es läuft nicht immer gut, aber wenn, dann kann ich aus den symphonischen Gleichzeitigkeiten des Unbewußten schöpfen. Ich kann die jede Vernunft überschreitenden Geschwindigkeiten und Verbindungswunder des Träumens ins Wachsein herüberholen.

Die Nacht kommt. Der Raum verlischt, von allen Seiten her flutet Horizont durch die Straßen auf einen zu, und in der Dunkelheit öffnen sich die Fluchten aus Licht. Ich fühle Millionen Menschen um mich herum schlafen. Die Wirklichkeit hat ihre Blätter eingerollt, die Phantasie phosphoresziert; ihr gegenüber leuchtet der Bildschirm meines Computers. Ich bin der schweigende Mann auf dem Leuchtturm, der sitzt neben der großen Brennschale, die dreht sich, und der Mann wacht.

Eine kybernetische Kaulquappe

An einer Bushaltestelle steht eine Frau als zauberhafte Silhouette vor der beleuchteten Reklamerückwand. Die Nacht ist unergründlich, die Liebe gleichermaßen, das fügt sich. Manche Nacht bringt die Entscheidung. Dann setzt ihre Dunkelheit sich wie eine Katze an den Rand der hellen Lust. Da ist sie, die Nacht, die nicht mit dir schläft.

Ein schwerer Anschein von Licht liegt auf dem Bildschirm. Darunter schwimmt das schwarze, weiß gesäumte Schema des Mauspfeils wie eine kybernetische Kaulquappe durch die Untiefe des Bildschirmglases. Die Nacht nickt mir zu. Nickt die Nacht, fängt es an zu regnen. Ich setze mich an das Fenster zum Hinterhof und horche auf den Regen in den Bäumen, ein feines Sieden, und auf den Regen auf der Plattierung, der da wie eine zerknüllte Plastiktüte klingt, die sich langsam wieder aufbläht. Später horche ich vom Fenster an der Straße aus auf den Regen auf dem Asphalt, der zischt sacht, wie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Es ist die neue Zeit

Tagsüber finde ich keine Muße für sowas. Jetzt sind hier nur noch die Nacht und ich. Der Nachtvogel bin ich, der Mann auf dem Leuchtturm. Der Mann, der hier seit hunderttausend Jahren sitzt. Ich trinke ein Glas Sherry und warte, auf nichts. Ich verliere den Schlaf, wie eine leere Brieftasche. Ein Sturm drückt Regentropfen gegen das Fenster. Aus den Boxen knistert es nicht mehr, es ist die neue Zeit, dann kommt Musik. Der elektrische Strom treibt die Maschinen gegen die Nacht.

Schon vor 800.000 Jahren an den ersten Feuern konnten die Frühmenschen sehen, was sich uns heute durch einen Blick aus dem Flugzeugfenster hinunter in die Nacht zeigt. In der Glut, in der zu winzigen Avenues, Straßenschluchten und Blöcken aufgeplatzten Baumrinde verglühenden Feuerholzes und den verwehenden Lichtflügen darin sah der Mensch der Vorzeit bereits das Erscheinungsbild der großen, nachtleuchtenden Städte des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

Früher gab es die Nacht als einen Fluchtraum, in den sich die Müdigkeit zurückgezogen hat. Sie wurde vom elektrischen Licht verscheucht und es bildete sich eine neuzeitliche Form der Erschöpfung aus, eine Unruhe. Dies war zugleich die Geburtsstunde des jugendlichen Nachtlebens, das seither irrlichternd über den Planeten flackert. Und während die Jugend nach dem verlorenen Paradies sucht, erzählt das Licht zur guten Nacht die Geschichte der Welt.