Meinung
05.04.2014

Neue Lebensformen von Apple

Maschinen schieben sich zwischen die Menschen. Sie wollen Schicksal spielen und möglicherweise eigene Existenzformen entwickeln. Und dann verschwindet auch noch der Pudding!

Mein Besuch aß mir meine Nachspeise weg. Ich war zu einem Routinecheck im Krankenhaus und lag wehrlos im Bett.

„Der Mensch ist ja ein bißchen wie ein MacBook“, sagte der Besuch mitfühlend und schaufelte den Vanillepudding in sich hinein. „Er kann den Akku nicht selbst tauschen und braucht allesmögliche Spezialwerkzeug.“ Der Besuch wies in einer Generalgeste auf das Gesamtkrankenhaus rundherum.

Ich tastete auf dem Nachttisch nach einem geeigneten Wurfgeschoß, bekam aber nur eine halbvolle Dose Ananassaft zu greifen. Den köstlichen Saft nun ohne Durst nur deshalb in mich hineinzuschütten, um die leere Dose nach dem bösen Puddingräuber schmeissen zu können, widerstrebte mir. Also beschloß ich, meinen Besuch angemessen zu beschimpfen und verwandelte übungshalber das einfache Wort „Nachttischlampe“ in das komplexere „Nachttischschlampe“, wobei ich versuchte, den Zischlaut besonders bösartig klingen zu lassen.

Zu meinem Bedauern versandete der Angriff allerdings, da der Besuch „Nachtischlampe“ verstand und mir den leeren Puddingbecher auf den Nachttisch stellte und dann auf meine Playlist schielte.

Erroll Gamer. Coole Musik.“

Garner“, sagte ich. „Der Mann heißt Erroll Garner.“

„Spielt doch auch gut“, sagte der Besuch, der immerzu das letzte Wort haben mußte.

Als hinge das Schicksal der Menschheit davon ab

Ich hatte meinen Rechner auf dem angewinkelten Ausleger des Nachttischs stehen und klappte ihn auf, um eine temporäre kleine, silbrigweiß strahlende Wand zwischen mir und dem Besuch zu errichten. Draußen vor dem Fenster war ein Wetter, das nicht recht wußte, was es mit sich anfangen sollte. Eine graue Wolkenfläche wurde von einem breiten Lichtfächer durchschnitten, wie von einem Kuchenmesser Gottes.

Kuchen.

Nachtisch.

Mein Pudding.

„Weißt du“, sagte der Besuch, „alle reden immer davon, wie es mit der Firma Apple weitergeht. Als hinge das Schicksal der Menschheit davon ab. Ich meine, welche Maschinen noch kommen werden – iPads, dünn wie Seifenblasen. iHolodecks. iHolungsreisen in Wunderwelten aus dem App Store.“

„Appsi Cola“, sagte ich.

„Das“, sagte der Besuch und stieß mit dem Zeigefinger ein zentimetertiefes Loch in die Luft, „ist alles viel zu kurz gedacht. Die Konkurrenz schläft nicht. Die Frau von Obergoogle Sergei Brin hat zum Beispiel schon vor sechs Jahren eine Firma gegründet, die genetische Informationen an Privatleute verkauft. Apple –“, sagte der Besuch und machte eine dramatische Pause, „muß organisch werden. Nicht nur einfach öko.“ Greenpeace hatte die Firma gerade wegen der Nutzung „grüner“ Energie in der großen, grauen Apple-Datenwolke gelobt.

Dieser fiebrige Visionsglanz in den Augen

Mein Besuch bekam diesen fiebrigen Visionsglanz in den Augen und ich überlegte, ob ich nicht doch zur Ernüchterung die Ananassaftdose werfen sollte. Dann versuchte ich, mir neue Lebensformen von Apple vorzustellen. Haustiere mit Chlorophyllstoffwechsel. Kakteen mit abgerundeten Stacheln. Dann kam die Visite und mein Besuch erhob sich, so wie man früher in der Schule aufstand, wenn der Lehrer die Klasse betrat.

Die Visite bestand aus einem Oberarzt, der eine Frisur wie ein handverkabeltes Motherboard hatte, zwei Assistenzärztinnen und einem Stethoskop-Sherpa. Der Rang von Ärzten läßt sich bekanntlich mit der Waage ermitteln: je mehr Material einer mit sich herumschleppt, desto niedriger steht er in der Hierarchie.

„Geht Ihnen gut“, sagte der Oberarzt aufgeräumt, aber undeutlich und ich fragte mich, ob das als Feststellung oder als Frage gemeint war. Mein Besuch, der „Pudding gut?“ verstanden hatte, nahm beschämt den leeren Puddingbecher wieder an sich und begann sich weitschweifig zu rechtfertigen. Die Ärzteschaft hörte ihm verständnislos zu. Der Besuch verließ schließlich mitsamt Becher das Zimmer und da, wo die Person gewesen war, stürzte nun die Luft in das besucherförmige Kurzzeitvakuum.

„Laßt mich hier liegen“

Die Ärzte standen um meinen Rechner herum und gaben anerkennende Laute von sich. „Ich hab nur das Kleine“, sagte eine der beiden Assistenzärztinnen. Ich versuchte, die Aufmerksamkeit des Konsiliums auf mich zu lenken, aber es gelang mir nicht, auch nicht, als ich schmerzandeutungsvoll zu stöhnen begann und schließlich den Kopf auf die Art zur Seite kippen ließ, die man aus Wildwestfilmen als unverkennbares Zeichen kennt, dass jemand gerade gestorben ist („Laßt mich hier liegen. Reitet weiter“). Der Stethoskop-Sherpa hatte ein Fieberthermometer unter das MacBook gelegt, das nun piepte und mit bewunderndem Raunen abgelesen wurde. „Und man hört nicht mal den Lüfter“, sagte der Oberarzt, dann war die Visite vorbei und ich tat wieder so, als lebte ich.

Gleich danach kam mein Besuch wieder herein, in der Hand zwei Becher Pudding, und ich suchte nochmal was von Erroll Garner raus.