Coronavirus disease (COVID-19) vaccination campaign in Ronda

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Meinung

Der naturalistische Fehlschluss: Impfen ist nicht unnatürlich

Klar ist: Auf die Impfung zu verzichten bringt viel größere Gefahren mit sich als die Impfung. Und daher ist es für uns Menschen völlig natürlich, uns impfen zu lassen.

„Wenn ich am Virus sterbe, dann ist das wenigstens natürlich“, erklärte mir kürzlich ein überzeugter Impfgegner. Wenn ihm aber die Impfung schaden sollte, so meinte er, dann läge das an einem bewusst gesetzten, künstlichen Eingriff, und das wäre moralisch gesehen viel schlimmer.

Das ist eine verblüffende Argumentation: Die Krankheit ist irgendwie akzeptabel, weil sie zum Lauf der Natur gehört. Die Impfung hingegen wird als Eingriff in die natürliche Ordnung der Dinge gesehen und ist daher abzulehnen.

Auf diese merkwürdige Zweiteilung der Welt stößt man erstaunlich oft: Auf der einen Seite das Natürliche, Gesunde und Gute, auf der anderen Seite das Künstliche, Menschengemachte, Gefährliche. Pflanzen sind gesund, Chemie ist giftig. Handauflegen ist gut, Skalpelle sind böse. Naturheilkunde ist sicher, Pharmazie ist gefährlich. Man bezeichnet das als „naturalistischen Fehlschluss“ oder „naturalistic fallacy“.

Lieber Quantenphysik als Blinddarmentzündung

Dass man das so nicht sagen kann, ist ziemlich offensichtlich: Einige der stärksten Gifte, die wir kennen, sind völlig natürlichen Ursprungs. Es ist absolut natürlich, an einer Blinddarmentzündung zu sterben, im Schnee zu erfrieren oder sich ausschließlich von Früchten und Wurzeln zu ernähren. Lebensrettende Operationen, Fußbodenheizungen und gefüllte Melanzani mit Schafkäse hingegen sind ausgesprochen künstliche Dinge, die wir Menschen erfunden haben. Genauso wie Schriftzeichen, Musikfestivals und Quantenphysik.

Natürlich ist es wahr, dass wir Menschen oft großen Schaden anrichten, indem wir künstlich in die Natur eingreifen – denken wir nur an die drohende Klimakatastrophe. Aber das bedeutet nicht, dass es sinnvoll ist, eine Trennlinie zwischen dem Guten, Natürlichen und dem Üblen und Künstlichen zu ziehen. Gerade wenn wir die Umweltprobleme lösen wollen, die wir in den vergangenen Jahrzehnten verursacht haben, sollten wir lernen, uns selbst als Teil der Natur zu sehen. Und dann stellen wir fest: Die Trennung zwischen „natürlich“ und „künstlich“ ist ihrerseits ziemlich künstlich.

Forschen und Verändern liegt in unserer Natur

Wir Menschen sind eine Spezies, die sich im Lauf der Evolution darauf spezialisiert hat, die Natur zu analysieren, zu verändern und zu nutzen. Es liegt in unserer Natur, uns nicht bloß mit dem zufriedenzugeben, was die Natur für uns zu bieten hat. Es ist völlig natürlich, dass wir über das Natürliche hinausgehen.

Zu behaupten, es sei ein Eingriff in ein natürlich vorgegebenes Schicksal, wenn wir unsere natürliche menschliche Intelligenz nutzen um Probleme zu lösen, ist genauso falsch als würde man einer Giraffe erklären, sie soll ihren langen Hals nicht unnatürlicherweise dafür nutzen, an die Blätter ganz oben am Baum heranzukommen.

Besser als jede andere Spezies unseres Planeten gelingt es uns, die Konsequenzen unserer Handlung vorherzusehen und danach zu entscheiden. Eine Kuh kann nicht herausfinden, ob sich eine Impfung für sie lohnt. Wir können das schon. Klar ist: Auf die Impfung zu verzichten bringt viel größere Gefahren mit sich als die Impfung. Und daher ist es für uns Menschen völlig natürlich, uns impfen zu lassen. Genau wie es für die Giraffe natürlich ist, ihren Hals nach den höchsten Blättern zu strecken.

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Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen, schreibt er regelmäßig auf futurezone.at und in der Tageszeitung KURIER.

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