Netzpolitik 19.04.2018

„Ihr wollt Zuckerberg nicht als Chefredakteur der Weltmedien“

© Bild: 4Gamechangers / 4Gamechangers / Moni Fellner

Der Ton im Kampf zwischen Tech- und Medienkonzernen wird rauer, auch in Österreich. Auf dem Festival 4Gamechangers wurde darüber diskutiert.

Medien- und Technologie-Konzerne sind bereits seit mehreren Jahren auf Kriegsfuß miteinander. Kein Wunder, entziehen Facebook, Google und Co. mit ihrem werbebasiertem Geschäftsmodell doch Medienkonzernen Milliarden an Umsatz. Zugleich, so kritisieren Medienunternehmen, müssen sich Technologie-Konzerne nicht an die gleichen strikten Regeln halten. Ein Ungleichgewicht, das auch auf dem Digital-Festival 4Gamechangers für eine heftige Diskussion sorgte.

„Social Media hat dem Journalismus und unserer Arbeit viel gebracht“, sagt Corinna Milborn, Journalistin beim TV-Sender Puls4. „Das Problem ist vor allem, dass Facebook nicht nur eine Plattform ist, sie sind mit dem Newsfeed ein Medium. Der Chefredakteur von Faceboook, der Algorithmus, belohnt viele schlechte Dinge, beispielsweise wenn Inhalte polarisieren.“ 

"Social Media tötet Journalismus"

Ähnlich sieht es auch der britische Autor und Social-Media-Experte Carl Miller: „Social Media tötet den Journalismus und sein Geschäftsmodell vor unseren Augen. Facebook ist ein besseres Werbeunternehmen als es jedes andere Medienunternehmen jemals sein könnte.“ Das hat unter anderem Antonio Garcia Martinez ermöglicht, der 2011 als Produktmanager das Werbegeschäft von Facebook aufbaute.

„Wir haben damals festgestellt, dass die meisten Daten der Nutzer nichts wert sind“, erklärt Martinez. Die Herausforderung sei gewesen, die richtigen Daten zu finden, damit die passende Werbung angezeigt wird. Mittlerweile ist Martinez einer der schärfsten Kritiker seines früheren Arbeitgebers und bezeichnete die suchterregende Plattform als „legales Crack“. Auch er wünscht sich, dass Facebook bei der Auswahl von Inhalten stärker zur Verantwortung gezogen wird: „Ich bin mir nicht sicher, ob ihr Mark Zuckerberg als Chefredakteur der Weltmedien haben wollt.“

Facebook setzt uns nur Fast Food vor

Das Problem sei vor allem, dass Facebooks Algorithmus jahrelang Inhalte bevorzugte, die hohe Reichweiten erzielen: „Früher hatten wir Redakteure, die uns gesagt haben: Iss dein Gemüse. Heute gibt es Algorithmen, die sagen: Iss deine Pommes. Da gibt es natürlich Probleme.“

Auch Steve Rogers, Produktchef des britischen Verlagshauses Trinity Mirror, hat mit diesem Problem zu kämpfen - obwohl man mit dem Daily Mirror eines der größten Boulevard-Medien des Landes vertreibt. „Das Geschäftsmodell von Digitalmedien zwingt Journalisten dazu, Inhalte mit viel Reichweite zu produzieren. Auf Lokaljournalismus - Inhalte, für die man gerne bezahlt, die aber nur ein kleines Publikum haben - wird gerne vergessen.“

„Diese Medien haben ein Monopol darauf, was wir zu sehen bekommen, wir müssen darüber diskutieren“, sagt Conrad Albert, CEO von ProSiebenSat.1. „Ich sehe in der Diskussion viel politische Naivität.“ Zu lange hätte die Politik geglaubt, Tech-Konzerne können nicht reguliert werden. Das sei jedoch im Wandel, meint Miller: „Früher oder später werden die Behörden feststellen, dass das auch nur Unternehmen wie jedes andere sind.“

Große Chancen in Politik

Große Chancen sieht Miller jedoch in der politischen Kommunikation. „Es hat verändert, wie wir über gesellschaftliche Probleme und mit Politikern sprechen. Es hängt jetzt von uns ab, wie wir damit umgehen. In naher Zukunft könnten wir kein Parlament mehr benötigen, um Entscheidungen als Gesellschaft zu treffen.“

Rogers bekräftigt diese Position und glaubt auch, dass das Problem mit polarisierenden Inhalten abnehmen wird. „Die Generation, die jetzt damit aufwächst, kann viel besser zwischen den feinen Nuancen unterscheiden.“ Kurioserweise warnt ausgerechnet Martinez davor, es mit der Regulierung zu übertreiben. „Ich bin Amerikaner, ich glaube nicht an Regulierung.“ Auch den Skandal um Cambridge Analytica hält er für übertrieben.

„Die Krise ist in vielerlei Hinsicht herbeigeredet, denn es gibt bereits seit Jahren Marktplätze, auf denen mit Daten gehandelt wird.“ Er wünscht sich aber dennoch, dass das Unternehmen aktiver mit dem Fall umgegangen wäre und Nutzer bereits 2015, als man davon erfahren hat, informiert hätte.

Hierbei will Milborn aber nicht auf das Gute in Facebook vertrauen: „Es wäre ja kein Problem, wenn es viele Unternehmen wie Facebook gäbe, aber es ist ein Monopol und es gehört einer Person, die mehr als 50 Prozent der Stimmrechte hat. Es ist auch eine Machtfrage.“

 

Disclaimer: Die futurezone und der KURIER sind Medienpartner des 4Gamechangers Festival.

( futurezone ) Erstellt am 19.04.2018