© Netzbeweis

Netzpolitik

Netzbeweis sammelt 100.000 Euro bei deutscher Start-up-Show ein

Im Februar 2021 starteten die Rechtsanwält*innen Katharina Bisset (37) und Michael Lanzinger (39) sowie die Techniker Philipp Omenitsch (30) und Thomas Schreiber (31) „Netzbeweis“. Das ist ein Tool, mit dem sie gegen Hass im Netz vorgehen möchten. Beleidigungen und Beschimpfungen sind ja mittlerweile fast „Alltag“ geworden, doch das Team der Jurist*innen und Techniker*innen will das nicht hinnehmen, dass strafrechtlich relevante Postings im Netz einfach ungestraft davon kommen. Sie haben deshalb ein Beweissicherungstool geschaffen, mit der man Websites, Postings und private Nachrichten mit nur einem Klick sichern kann, um sie vor Gericht vorlegen zu können.

Bisset war als Teenager selbst betroffen

Nach unserem ersten Bericht über das Tool, wurde die Sony Pictures Film und Fernseh Produktions GmbH auf Netzbeweis aufmerksam. Das führte dazu, dass sich die vier Plattform-Betreiber*innen den Investor*innen der neuesten Staffel „Die Höhle der Löwen“ (Vox News) stellten, um ihre Lösung zu pitchen.

„Wir wollen Hass im Netz gerichtlich keine Chance geben“, erklärt Lanzinger zu Beginn der Show. Dann sprach hauptsächlich Juristin Bisset. Diese erzählte den Investor*innen auf Nachfrage auch davon, dass sie selbst als Teenager von Hass im Netz betroffen gewesen war. „Das waren damals allerdings kleinere Schulforen ohne Millionenpublikum. In Gästebüchern auf selbst zusammengebastelten Websites…“, erzählte Bisset.

So trat das Netzbeweis-Team in der Show "Die Höhle der Löwen" auf

Hassbotschaften vorgelesen

In der Sendung wurden live von der Unternehmer*in Judith Williams vom Team vorbereitete Hassbotschaften und Morddrohungen vorgelesen. Die darauffolgende Frage „Ist das echt?“ konnte nur bejaht werden. Mit Netzbeweis lassen sich automatisiert Postings von Social-Media-Plattformen wie Twitter in einem elektronisch signiertem PDF mit Zeitstempel sichern. Dadurch bekommen diese mehr Beweiskraft vor Gericht.

Der Service richtet sich an Privatpersonen, die das Tool kostenlos nutzen können, sowie an Jurist*innen und Anwälte, die dafür eine geringe Gebühr zahlen, wenn sie Postings für ihre Klient*innen auf diesem Weg sichern möchten.

Wer in das Legal-Tech-Start-up investierte

Der Unterschied zu herkömmlichen Screenshots ist, dass bei diesem meist der für Gerichte wichtige und unerlässliche exakte Zeitstempel fehlt. Durch Netzbeweis ist klar nachvollziehbar, wann etwas abgeschickt wurde. In der deutschen Start-up-Show konnte das Netzbeweis-Team gleich drei Investor*innen überzeugen: Carsten Maschmeyer und Nils Glagau taten sich zusammen und investierten 90.000 Euro für einen Anteil an der Firma von 15 Prozent.

Marschmeyer stellte noch in der Sendung live einen Scheck aus, damit das Team sofort an dem Tool weiterentwickeln konnte. Die anderen Investor*innen hatten ihre Unterstützung zuvor abgelehnt, weil das Netzbeweis-Team erklärt hatte, auch nach einer Investition ihre Juristen-Jobs als Anwält*innen nicht zur Gänze aufgeben, und das Projekt nur „nebenbei“ fortsetzen zu wollen.

Marschmeyer sagte dazu: „Ihr seid kein Investitionsfall, aber wenn nur eine Depression oder einen Suizid dadurch verhindert wird, dann ist das mega lohnend.“ Davor hatte noch Investor Nico Rosberg seine volle Social-Media-Unterstützung der Plattform angekündigt. Nach dem Investment der beiden anderen Herren legte er dann noch 10.000 Euro drauf, ohne dafür Anteile haben zu wollen. Das österreichische Legal-Tech-Start-up Netzbeweis sammelte daher 100.000 Euro bei der deutschen Start-up-Show ein.

3 von 5 Investor*innen konnte das Team am Ende überzeugen

Beweissicherung auch von WhatsApp-Chats

Die Gründer*innen waren seit der Investition nicht untätig. Als Erstes wurde eine Browser-Erweiterung gebastelt, mit der es möglich ist, auch private Nachrichten via WhatsApp, Instagram oder Facebook Messenger mit Netzbeweis zu sichern. „Das war eines der am stärksten nachgefragtesten Features, die noch gefehlt haben“, erklärt Bisset im Gespräch mit der futurezone. Die Plattform gibt es neben Österreich mittlerweile auch bereits in Deutschland. „Dort haben wir richtig große Kund*innen und Vertriebspartner*innen“, so Bisset.

Das Team hat nach der erfolgreichen Investitionszusage ihre Jobs als Anwält*innen stark zurückgeschraubt, um viel Zeit in Netzbeweis zu stecken. „Wir haben alles in die Technik gesteckt, um das Tool noch besser zu machen und neue Features zu entwickeln“, erzählt Bisset. Neben Österreich und Deutschland will man in Kürze auch in der Schweiz starten.

Hat dir der Artikel gefallen? Jetzt teilen!

Barbara Wimmer

shroombab

Preisgekrönte Journalistin, Autorin und Speakerin. Seit November 2010 bei der Kurier-Futurezone. Schreibt und spricht über Netzpolitik, Datenschutz, Algorithmen, Künstliche Intelligenz, Social Media, Digitales und alles, was (vermeintlich) smart ist.

mehr lesen
Barbara Wimmer

Kommentare