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05/28/2019

"300 km/h zu fahren, ist für ein Elektroauto desaströs"

Warum Lithium-Ionen-Akkus nicht der Weisheit letzter Schluss sind und was Greta Thunberg mit Formel E zu tun hat, erklärt Xavier Mestelan Pinon, Rennsport-Chef von DS Automobiles.

Xavier Mestelan Pinon kann zufrieden sein. Als Chef der Rallysparte von Citroën feierte er über fünfzehn Jahre lang Erfolge. Mittlerweile hat er den Verbrennungsmotoren den Rücken gekehrt und sorgt in der elektrischen Rennserie Formel E mit seinem Team DS Techeetah für Furore. Dieses liegt nach starken Platzierungen des amtierenden amtierenden Weltmeisters Jean-Eric Vergne und André Lotterer bei der Teamwertung in Führung. Auch im Kampf um den Weltmeistertitel führt Vergne drei Rennen vor Saisonschluss das Feld an.

Als Chef von DS Performance, der Motorsportsparte des französischen Autoherstellers DS Automobiles, ist Mestelan Pinon für die technische Weiterentwicklung des Rennwagens verantwortlich. Und diesem kommt in der beginnenden Ära des Elektroautos enorme Bedeutung zu. Denn sämtliche Technologien, von Motor, Gangschaltung, Wandler bis zur komplexen Software, die heute in einem Formel-E-Wagen verbaut sind, landen in den nächsten zwei bis fünf Jahren auch in den Elektroautos für die Straße, wie er im futurezone-Interview erklärt.

Mit Elektromotoren ans Limit gehen

„Genau deshalb ist die Formel E für so viele Autohersteller, aber auch alle Zulieferer interessant. Es gibt so viel, was wir bei Elektroautos noch verbessern müssen. In der Rennserie können wir zusammen mit unseren Fahrern komplett ans Limit gehen und so die Forschung vorantreiben“, sagt der DS-Performance-Chef. So seien im Rennauto etwa 1000-Volt-Batterien verbaut, während man auf der Straße noch bei 400 bis 600 Volt liege.

Jean-Éric Vergne

Andre Lotterer

Ans Limit gehen Fahrer und Entwickler auch beim Ausreizen der Motorbremse, mit der wertvolle Energie während des Fahrens zurückgewonnen werden kann. In der Formel E konnte der Wert – nicht zuletzt durch Software-Optimierungen, aber auch durch das darauf abgestimmte Fahrverhalten – auf 30 bis 40 Prozent hochgeschraubt werden. Mit jedem gefahrenen Kilometer kann folglich die Energie für weitere 300 bis 400 Meter in den Akku zurückgeführt werden.  

„Bei Elektroautos reden alle immer nur über die verwendeten Technologien. Und die entwickeln sich schneller, als ich jemals geglaubt habe. Aber wir müssen den Leuten auch klarmachen, dass es nicht nur um Technologien, sondern um eine andere Fahrphilosophie geht“, sagt Mestelan Pinon. Denn um möglichst energieeffizient unterwegs zu sein, müsse man ein Elektroauto im Straßenalltag auch entsprechend anders verwenden als ein Auto mit Verbrennungsmotor.

Warum 300 km/h keine gute Idee ist

Mit dem bewussteren Einsatz der Motorbremse statt dem klassischen Bremspedal könne zwar viel Energie rückgewonnen werden. Gleichzeitig müsse man sich im Klaren sein, dass hohe Geschwindigkeiten einen Preis haben. „Es ist sehr einfach, mit einem Elektromotor auf 300 km/h zu beschleunigen, aber es benötigt enorm viel Energie und ist desaströs für den Akku. Aktuell würde ich deshalb eher nur 150 bis 160 km/h empfehlen. Da braucht es einfach ein neues Bewusstsein“, sagt Mestelan Pinon.

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Dass die derzeit verbauten Lithium-Ionen-Akkus noch nicht der Weisheit letzter Schluss sind, ist dem Leiter der Motorsportsparte von DS Automobiles bewusst. Im Moment gehe es fast zu schnell nur in diese eine Richtung, was allerdings auch dadurch erklärbar sei, dass es derzeit einfach keine Alternative gebe: „Fakt ist, dass wir im Labor noch eine bessere Speichertechnologie finden müssen. Und das werden wir auch.“

Greta Thunberg und ihre Generation

Der Umstieg auf Elektromotoren sei aber definitiv richtig. „Schon heute erreichen wir da eine Effizienz von fast 100 Prozent.“ Die Formel E sieht Mestelan Pinon folglich als wichtiges Vehikel, um noch mehr Leute und insbesondere die jüngeren Generationen für Elektromobilität zu begeistern: „Die Welt verändert sich gerade massiv. Sehen Sie sich Greta Thunberg an und alle jungen Menschen, die sie hinter sich vereint. Wir können uns davor nicht verschließen, wir müssen deren Anliegen und Denkweisen ernst nehmen.“

Für eine Rennserie wie die Formel E könne dies nur bedeuten, dass diese weitaus mehr als nur reiner Motorsport sein müsse: „Das Auto an sich interessiert junge Leute nicht mehr so sehr wie früher. Eines zu besitzen ist viel weniger wichtig, als es in gewissen Situationen zu benutzen oder zu teilen. Und natürlich geht es ganz stark darum, sauberere Technologien zu entwickeln.“ Letzteres sei auch der Grund, warum die Rennserie überhaupt mitten in Großstädten stattfinden dürfe.

Formel E meets Mario Kart

Unter der Prämisse, etwas ganz anderes als traditionelle Motorsportserien zu bieten, sind daher auch einige spielerische Rennelemente zu sehen, wie der sogenannte Attack Mode. Hierbei steht jedem Fahrer kurzzeitig mehr Leistung im Auto zur Verfügung, das mehrmals im Rennen für Überholmanöver und ähnliches genutzt werden kann. „Das ist wie Mario Kart, und gerade junge Leute lieben das“, sagte Mestelan Pinon.

Damit der Attack Mode im Rennen noch mehr strategisches Gewicht bekommt, soll den Piloten nach Aktivierung der Funktion künftig noch mehr Energie zur Verfügung stehen. Geplant ist dies voraussichtlich für die übernächste Funktion, wo dem Teilnehmerfeld eine überarbeitete Version des aktuellen Rennwagens – quasi Generation 2.5 – zur Verfügung gestellt wird. Auch weitere Gamification-Elemente könnten in den kommenden Saisonen hinzukommen.

Bis es soweit ist, gilt es zunächst noch den diesjährigen Rennkalender in Bern sowie den zwei Abschlussrennen in New York über die Bühne zu bringen. Angesichts der Vielzahl von Gewinnern wird es sowohl in der Team-, als auch in der Fahrerwertung bis zuletzt spannend bleiben. DS Techeetah, das Team von Mestelan Pinon hat dafür jedenfalls gute Karten.