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10/30/2019

"Die E-Roller sollen nicht zum Albtraum werden"

Der CEO des E-Scooter-Service Hive verspricht Nachhaltigkeit und weniger zu nerven als andere Anbieter.

von Franziska Bechtold

Hive ist eine von inzwischen neun E-Scooter-Marken, die derzeit in Wien unterwegs sind. Mit 300 E-Rollern zählt es dort noch zu den kleinen Anbietern. Die Konkurrenten Lime, Circ und Bird haben das maximal zulässige Kontingent von 1.500 Zulassungen ausgeschöpft. Klingt nicht nach einem großen Player im E-Roller-Business. Das Unternehmen hat allerdings große Pläne.

Der Rollerverleih wurde im Februar von BMW und Daimler gegründet und ist Teil von deren Mobilität-Joint-Venture. In Kürze wird es in die Dachmarke FreeNow integriert. Diese vereint die Angebote ShareNow (Carsharing), ReachNow (öffentlicher Nahverkehr), ParkNow (Parkplatzsuche) und ChargeNow (E-Ladestationen). Mit einem umfangreichen Mobilitäts-Konzept für den urbanen Raum will man sich durch stetiges Wachstum gegen die Konkurrenz durchsetzen.

Die öffentliche Ordnung

Die Kritik am E-Scooter-Modell ist Hive-CEO Tristan Torres Velat bewusst: zu gefährlich, nervig und immer im Weg. "Mir ist die öffentliche Ordnung wichtig, weshalb wir immer in Austausch mit den Stadtverwaltungen stehen. Wenn es keine Regulierungen gibt, fragen wir nach, ob wir Hive in ihrer Stadt anbieten dürfen. Wenn sie nein sagen, werden wir die Roller nicht anbieten", sagt er im Gespräch mit der futurezone. 

Das scheint auch der Grund zu sein, warum die Hive-Roller in Innsbruck nach einer zweiwöchigen Ehrenrunde im September wieder aus der Stadt verschwanden. Als Grund für den Rückzug nannte man die "niveauvollen Spielregeln" der Stadt. Im Frühjahr 2020 will man dort einen zweiten Versuch wagen. 

Lobbyarbeit

Im Winter sollen die Roller nicht fahren, vor allem um Unfälle zu vermeiden. Ein eigenes Team prüft dafür regelmäßig die Wetterprognosen und holt die Roller von der Straße. In Europa betreibe man Lobbyarbeit für eine bessere Infrastruktur. „Die Roller sollen ja nicht zum Albtraum werden“. Vor allem Wien sei ein Vorbild, da die Stadt „ordentliche Regelungen“ für E-Scooter habe. Diese Aussage mag Kritiker ebenfalls verwundern. Velat bezieht sich dabei vor allem auf die Verkehrsregeln, wie das Fahrverbot auf Gehsteigen. 

Eine Verordnung der Stadt gibt Verbotszonen vor. Dort darf man mit dem Roller fahren, ihn aber nicht parken. Eigene Parkbereiche für E-Scooter gibt es noch nicht, es gelten aber normale Verkehrsregeln: Scooter dürfen auf Gehsteigen abgestellt werden, die breiter als 2,5 Meter sind. Ob das Abstellen auf Gehsteigen zukünftig gänzlich verboten wird, soll evaluiert werden. Absolut verboten ist das Parken auf Blindenleitsystemen.

Arbeitsplätze schaffen

Teil der Zusammenarbeit mit den Städten sei auch das Einzahlen in den Steuertopf. Eine Möglichkeit dafür wären generelle Abgaben für das Betreiben der Roller. Als Unternehmen der Mobilitätsgruppe von Daimler und BMW und damit Teil von FreeNow dürften solche Kosten kein Problem darstellen. Zudem schaffe man Arbeitsplätze. 

Konkurrenzunternehmen wie Lime oder Bird stellen so gut wie keine Mitarbeiter an. Sie setzen auf "Juicer", "Hunter", oder "Ranger". Jede Firma nutzt einen eigenen Namen, der Job ist der gleiche: Roller müssen eingesammelt und aufgeladen werden, dafür gibt es Geld. Andere Firmen wie Hive und Circ haben dafür Angestellte. Sie holen die Roller abends mit dem Auto ab und laden sie auf – derzeit noch mit Strom aus der Steckdose. Zukünftig soll auch hier E-Mobilität und Strom aus erneuerbaren Energien genutzt werden. 

Neue Roller-Modelle

„Wir wollen wirklich umweltfreundlich sein. Deshalb reparieren wir die Scooter, schlachten kaputte aus und verwenden alle Teile wieder“, sagt Velat. Das klingt nach einem umweltbewussten Konzept. Sobald es aber um Bequemlichkeit geht, wird dieses hintangestellt. Die aktuelle Roller-Flotte soll bald durch neue Modelle mit höherem Komfort und besserer Federung ersetzt werden. Europas Liebe zu Pflastersteinen erfordere diese Überarbeitung, verteidigt sich das Unternehmen.

Daten und Kontrolle

Ob die Kundenzahl derzeit steigt, ließ der CEO offen. Die Anzahl von ursprünglich 600 Rollern wurde seit der Einführung in Wien aber halbiert. Ein Team analysiert ständig die Daten aus allen Ländern. Sie sehen, wer wann wo mit einem Roller fährt. Wenn er wollte, könne er auch einfach jeden Scooter aus der Hive-Flotte auf Knopfdruck stoppen und einen Unfall verursachen, sagt Velat. Macht er natürlich nicht, aber er könnte.

Darauf angesprochen, ob diese Möglichkeit Hacker auf den Plan rufen könnte, beteuerte der Hive-CEO, Cyberangriffe seien unmöglich, da man mit einer Sicherheitsfirma und starker Firewall arbeite. In der Vergangenheit hatten Sicherheitsforscher davor gewarnt, dass E-Scooter ein Ziel von Hackerangriffen werden könnten.

Man analysiere mit den Daten das Verhalten der Nutzer: „Am Wochenende beobachten wir, dass Rollerfahren sozial wird. Familien und Gruppen bis zu zehn Menschen fahren gemeinsam und machen Ausflüge. Derartige Informationen nutzen wir für unsere Marketingkonzepte.“ Durchschnittlich lege man 2,5 Kilometer zurück. „Sind Sie mal 10 Kilometer mit einem Roller gefahren? Ich schon. Es ist absolut nervig.“ Deshalb sollen Roller andere Transportmittel auch nicht ersetzen. Die Zukunft liege im Verknüpfen aller Mobilitätsangebote – eine App für Roller, Auto und öffentlichen Nahverkehr. Mit der Eingliederung von Hive bei FreeNow wird der erste Schritt dahin getan.