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04/24/2019

Microsoft Surface Headphones im Test: Ruhe im Großraumbüro

Microsoft greift mit seinen geräuschunterdrückenden Kopfhörern Bose und Sony an. Das Debüt weiß zu beeindrucken.

von Michael Leitner

Microsofts Hardware-Abteilung Surface baute bislang Tablets, Laptops, All-in-One-PCs und digitale Whiteboards, wie das Surface Hub. Der gemeinsame Nenner bei allen Geräten: Windows. Diese Regel gilt nun nicht mehr. Die Surface Headphones sind die ersten Kopfhörer aus dem Hause Microsoft. Obwohl Cortana mit an Bord ist, ist Windows keine Grundvoraussetzung, die geräuschdämpfenden Kopfhörer funktionieren mit allen gängigen Plattformen. Auf einen Schlag konkurriert man nun also nicht nur mehr mit Lenovo, HP und Co., sondern auch mit Audio-Herstellern wie Bose, Audio Technica und Sennheiser. Der US-Konzern weiß, wie man sich Freunde macht.

Wie bei seinen anderen Surface-Geräten spricht man zunächst eine kompakte Nische an: Over-Ear-Kopfhörer mit aktiver Geräuschunterdrückung. Diese Kopfhörer-Modelle sind vor allem bei Vielreisenden beliebt, um unliebsame Geräusche, wie das Rattern des Zuges oder das Dröhnen der Flugzeugtriebwerke ausblenden zu können. Doch immer mehr Hersteller werben damit, dass man mit diesen Kopfhörern doch auch in hektischen Großraumbüros für Ruhe sorgen könnte. Ein Versprechen, für das man derzeit tief in die Tasche greifen muss. Microsoft setzt den Preis für die Surface Headphones bei 380 Euro (UVP) an, das gleiche Niveau wie bei den Spitzenmodellen von Sony und Bose. Kann Microsoft mit den Audio-Experten konkurrieren? Wir durften die Kopfhörer einem mehrwöchigen Test im Alltag unterziehen.

Nervendes Klopfen

Der Name Surface Headphones ist verdient. Microsoft ist es gelungen, die Designsprache der Surface-Geräte auf sein Audio-Zubehör zu übertragen. Das Surface-typische Hellgrau ist zwar eher schlicht, sticht aber auch angenehm aus der Masse an schwarzen und braunen Kopfhörern hervor (im High-End-Bereich scheinen Farben nicht sonderlich gefragt zu sein). Bei den Tasten gibt man sich ähnlich minimalistisch: Lediglich zwei Tasten sind an der rechten Kopfhörermuschel verbaut. Während mit der Power-Taste der Kopfhörer ein- und ausgeschaltet wird (langes Drücken aktiviert das Koppeln), deaktiviert die zweite Taste das interne Mikrofon. An der Außenseite der beiden Kopfhörermuscheln befinden sich stufenlose Regler, mit denen Lautstärke (rechts) und Geräuschunterdrückung (links) eingestellt werden können.

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Ebenfalls auf beiden Seiten sind Touch-Oberflächen verbaut, mit denen sich die Wiedergabe steuern lässt. Einfaches Tippen startet oder stoppt die Wiedergabe, doppeltes Tippen überspringt den aktuellen Titel. Langes Drücken aktiviert den hinterlegten Sprachassistenten. Hier ist man nicht auf Microsofts Cortana beschränkt, jeder als Standard hinterlegte Sprachassistent wird unterstützt, sei es nun Siri, Google Assistant oder Alexa. Mit dreimaligem Tippen kann man auch in der Wiedergabe zurückgehen. Hier zeigt sich auch eine Schwäche der Touch-Eingabe: Das Klopfen wird recht laut an die Innenseite der Kopfhörermuschel weitergegeben und kann vor allem nerven, wenn man mehrere Titel nacheinander überspringen will. Spätestens nach dem zweiten Titel greift man entnervt zum Smartphone oder Laptop, um den Titel auf normale Art und Weise zu überspringen.

Von Gehörschutz bis Hörgerät

Die Regler für Lautstärke und Geräuschunterdrückung verrichten ihre Arbeit hier deutlich besser. Je nach Betriebssystem wird die Lautstärke in verschiedenen Schritten geregelt. Auch die scheinbar stufenlose Geräuschunterdrückung ist in 13 Stufen unterteilt. Um den Übergang zu bemerken, muss man aber sehr genau hinhören. Die Stufen variieren zwischen maximaler Geräuschunterdrückung (um bis zu 30 dB reduziert) und einem Hear-Through-Modus, bei dem Umgebungsgeräusche leicht verstärkt wiedergegeben werden. So soll man beispielsweise Durchsagen am Flughafen oder Bahnhof hören können ohne die Kopfhörer abnehmen zu müssen. Da man aber zuvor den Regler durch bis zu 13 Stufen schieben muss, ist das Abnehmen der Kopfhörer meist schneller und einfacher, da die laufende Wiedergabe beim Abnehmen ohnedies pausiert wird.

Wer den maximalen Hear-Through-Modus nutzt, muss mit einer etwas dumpfen Geräuschkulisse leben, wodurch vor allem Stimmen schwer zu verstehen sind. Eine Stufe darunter klingt es tatsächlich so, als würde man keinen Kopfhörer tragen, was vor allem mit einer laufenden Musik-Wiedergabe eine ungewöhnliche Kombination ist. Trotz des intuitiven Reglers wäre es dennoch wünschenswert, rasch auf Knopfdruck zwischen selbst gewählten Sound-Profilen wechseln zu können.

Musik als Hintergrundrauschen

Bei der Musik-Wiedergabe dürften die Surface Headphones Audiophile nicht so recht überzeugen. Der Klang ist qualitativ gut, lässt aber in allen Genres Abwechslung, beispielsweise kräftigen Bass oder präzise Höhen, vermissen. Man fühlt sich oftmals, als würde man auf der Sitzbank einer Limousine hocken und im Hintergrund Radio hören. Dieses dezente Soundprofil fiel im Alltag, vor allem in der Arbeit, aber durchaus positiv auf. Durch die dezente, aber dennoch qualitativ hochwertige Wiedergabe konnte man sich angenehm im Hintergrund von Musik berieseln lassen, während man sich auf andere Aufgaben konzentrierte. Wenn man sich dann doch einmal der Musik zuwenden wollte, gab es mit Ausnahme des Lautstärkereglers aber keine Möglichkeiten, die Wiedergabe rasch anzupassen. Eine App für die Kopfhörer oder lokale Profile, zwischen denen man wechseln könnte, gibt es nicht. Auch beim Sprachassistenten greifen die Kopfhörer auf die Voreinstellung des verbundenen Geräts zurück – sei es nun Alexa, Cortana, Siri oder der Google Assistant.

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Der Tragekomfort der Kopfhörer ist sehr gut, sie üben trotz des relativ hohen Gewichts von 290 Gramm keinerlei unangenehmen Druck aus. Der Bügel ist gepolstert und lässt sich auch auf größere Köpfe leicht anpassen, muss zum Verstauen in der mitgelieferten Hartschalen-Tragetasche aber zusammengeklappt werden. Die Tragetasche ist zwar gut verarbeitet und bietet den kostspieligen Kopfhörern ausreichend Schutz, zugleich fällt sie aber relativ groß aus. Sie nimmt in etwa das Volumen eines Lexikons im Rucksack ein (glücklicherweise aber nicht das gleiche Gewicht). Das ist auch auf die geringe Flexibilität der Kopfhörer zurückführen: Die Ohrmuscheln können zwar um 90 Grad zur Seite geklappt werden, andere Komponenten lassen sich aber nicht weiter zusammenklappen.

Ungewohnt verlässlich

Für ein Premium-Produkt dieser Preisklasse verwundert auch die Tatsache, dass Microsoft auf den aktuellen Bluetooth-Standard (lediglich Version 4.2 statt 5.0) sowie Codecs wie AAC und aptX verzichtet. Stattdessen muss man sich mit Bluetooth-Standard SBC zufriedengeben, was sich zumindest nicht negativ auf die Audio-Qualität auswirkt, aber für sichtbare Verzögerung bei der Videowiedergabe sorgt. Microsoft konnte die Differenz zwischen Audio und Video zwar auf eine knappe halbe Sekunde reduzieren, dennoch fällt die sichtbare Verzögerung lästig aus. Wer das vermeiden will, muss zwangsläufig auf die analoge Methode zurückgreifen und den Kopfhörer per mitgeliefertem 3,5-mm-Klinkenstecker anschließen.

Doch obwohl Microsoft mit Bluetooth 5.0 auf viele technische Vorteile verzichtet (höhere Bandbreite und Reichweite, gleichzeitige Übertragung auf mehrere Geräte), lässt die gute technische Umsetzung das rasch vergessen. Ich habe noch nie ein Bluetooth-Gerät getestet, mit dem ich derart selten Verbindungsprobleme hatte – sowohl Koppeln als auch Wiederverbinden funktionierte stets verlässlich und ohne Aussetzer. Die Verbindung blieb auch über größere Distanzen (mehr als zehn Meter) stabil. Bestimmte Bereiche wie die elektronische Warensicherung in Geschäften, die oftmals die Verbindung zwischen Smartphone und Bluetooth-Gerät störten, bereiteten den Surface Headphones ebenfalls keine Probleme. Auch das verbaute Mikrofon verrichtete seine Arbeit ordentlich und bewährte sich auch bei Telefongesprächen im Freien. Lediglich bei besonders starkem Wind stieß es hin und wieder an seine Grenzen.

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Lobenswert ist zudem die Tatsache, dass Microsoft auf einen USB-C-Anschluss setzt. Das ist vor allem für Besitzer moderner Smartphones und Laptops erfreulich, die bereits mehrheitlich auf den neuen Stecker-Standard setzen. Einmal entleert, benötigen die Kopfhörer knapp zwei Stunden, um vollständig geladen zu werden. Das passierte in meinem Fall ein bis zwei Mal pro Woche, da der Akku offiziell 15 Stunden Laufzeit bietet – ein Wert, der im Test meist erreicht wurde. Mehr als ausreichend für einen Langstreckenflug, aber im Vergleich zur Konkurrenz (Bose QC35 II: 20 Stunden, Sony WH-1000XM3: 30 Stunden) eher mager.

Fazit

Mit den Surface Headphones gelingt Microsoft ein gutes Debüt auf dem Audio-Markt, vom Spitzenplatz ist man aber dennoch ein beträchtliches Stück entfernt. Der US-Konzern hat nichts falsch gemacht und eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass man auch mit Hardware überall mitmischen kann. Doch die Konkurrenz, allen voran Sony, liefert zum gleichen Preis ein deutlich besseres Gesamtpaket ab. Und auch für Microsoft-Fans können die Kopfhörer, mit der Ausnahme des Designs, keine nennenswerte Vorteile bieten. Wer die Gelegenheit bekommt, die Surface Headphones günstiger als die Konkurrenz zu ergattern, darf bedenkenlos zugreifen, andernfalls bleiben die Sony WH-1000XM3 die unangefochtene Referenz.