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Xiaomi Mi 11 im Test: Das Möchtegern-Spitzengerät

Xiaomi war lange bekannt für ein besonders gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Ob das auch beim Mi 11 der Fall ist, haben wir uns angesehen.

Das Mi 11 war das letzte Handy, das im Jahr 2020 präsentiert wurde. Am 28. Dezember hat Xiaomi sein neuestes Spitzengerät vorgestellt. So ein wirkliches Flaggschiff will das Mi 11 aber nicht sein. Denn es wird erwartet, dass Xiaomi noch das Mi 11 Pro und das Mi 11 Ultra nachreicht.

Nichtsdestotrotz zählt das Mi 11 mit seiner technischen Ausstattung zu den Top-Geräten am Smartphone-Markt. Preis-Leistungs-Verhältnis war bei Xiaomi allerdings schonmal besser.

Design und Handhabung

Die Ränder sind relativ stark abgerundet. Allerdings nicht so stark, dass man durch Berühren ungewollte Aktionen ausführt. Am Handling gibt es nichts auszusetzen, genauso wenig wie an der Verarbeitung.

Grundsätzlich fühlt sich das Mi 11 richtig hochwertig und robust an. Die spiegelnd schimmernde Rückseite sieht gut aus und auch ansonsten ist das Design des Geräts zeitgemäß und modern.

Display

Der Bildschirm des Mi 11 ist hervorragend: 6,81 Zoll AMOLED mit 120 Hz und einer maximalen Auflösung von 3.200 x 1.440 Pixel. Die 120 Hz können auch bei voller Auflösung genutzt werden. Die maximale Peak-Helligkeit beträgt 1.500 nits. Geschützt ist der Screen von Corning Gorilla Glass Victus.

Im Alltag zeigt sich, dass sich das Display des Mi 11 mit den besten Smartphone-Screens messen kann. Die Helligkeit ist makellos, die Farbdarstellung wunderbar und die 120 Hz können vor allem beim Scrollen ihre Stärke ausspielen.

Der Reading-Mode, der das blaue Licht in dunklerer Umgebung reduziert, lässt sich automatisiert aktivieren. Allerdings orientiert sich die Software hier an Sonnenaufgang und -untergang und nicht an der tatsächlichen Helligkeit. Ein individueller Zeitplan kann ebenso eingegeben werden. Schade ist, dass die Stärke des Reading-Mode nicht manuell eingestellt werden kann.

Kamera

Was bei den Kamera-Spezifikationen als erstes auffällt, ist der fehlende optische Zoom. Während die Konkurrenz zumeist auf Teleobjektive setzt, verzichtet Xiaomi beim Mi 11 komplett auf einen optischen Zoom.

Stattdessen gibt es eine Hauptkamera mit 108 MP, eine Weitwinkelkamera mit 13 MP und ein Makroobjektiv mit 5 MP. Durch 4 in 1 Binning nimmt die 108-MP-Kamera standardmäßig 20-MP-Bilder auf. Die Selfie-Kamera löst mit 20 MP auf.

Fotografiert man bei gutem Tageslicht und Sonnenschein, gibt es an den Bildern im Standardmodus nichts auszusetzen. Die Kamera schafft es, die Farben entsprechend einzufangen und wiederzugeben. Kontrast, Sättigung und Dynamikumfang sind in Ordnung.

Weitwinkel

Beim Weitwinkel zeigen sich dann schon einige Schwächen, selbst wenn man bei guten Lichtbedingungen fotografiert. In der Bildmitte ist die Schärfe noch recht gut, zu den Rändern hin, wird das Foto allerdings etwas verschwommen.

Auch die Farben und die Atmosphäre werden mit der Weitwinkelkamera nicht mehr ganz korrekt eingefangen. Dennoch entstehen mit dem Weitwinkel durchaus hübsche Bilder. Verglichen mit Weitwinkelkameras von Smartphones, die in etwa ähnlich viel kosten, zählt das Objektiv des Mi 11 auf jeden Fall zu besseren Weitwinkelkameras.

Digitaler Zoom

Anstelle eines Tele-Objektivs setzt Xiaomi auf die Fähigkeiten der 108-MP-Hauptkamera für Vergrößerungen. Unter optimalen Lichtbedingungen können damit überraschenderweise wirklich gute Bilder entstehen. Bei schlechten Lichtverhältnissen lässt man den digitalen Zoom lieber bleiben.

Foto mit digitalem Zoom

Makro

Die Makro-Objektive bei Smartphones haben nicht den besten Ruf. Es wirkt oft so, als würden die Hersteller diese Objektive nur verbauen, um es in den Marketingunterlagen erwähnen zu können. Wirklich schöne Bilder hab ich mit einem Makro-Objektiv noch nie aufgenommen.

Auch das Mi 11 macht hier keine Ausnahme. Zwar zählt die Makrolinse des Xiaomi-Handys zu den besseren, beeindruckende Fotos entstehen damit allerdings auch nicht.

Mit 5 MP wäre die Auflösung des Makro-Objektivs noch im Bereich des Passablen. Allerdings ist die Sensorgröße mit 1/5,0" ziemlich klein, was sich dann auch bei den Bildern negativ zu Tage tritt.

Foto im Makro-Modus

Portrait-Mode

Der Portrait-Mode funktioniert mit dem Mi 11 bestens. Die Software schafft es, den Hintergrund vom Vordergrund korrekt zu trennen, ohne dass die Bilder am Ende unnatürlich wirken.

Auch wenn man keinen Menschen vor der Linse hat, können mit dem Portrait-Mode ansprechende Fotos entstehen. Praktisch ist, dass sich die Blende und somit die Stärke der Unschärfe, auch im Nachhinein im Foto-Editor ändern lässt.

Nachtmodus

Im Night-Mode lassen sich mit dem Mi 11 teils gute, teils weniger gute Bilder aufnehmen. Vergleichsweise zählt der Night-Mode des Xiaomi-Handys zu den besseren Nachtmodi.

Die nächtliche Atmosphäre wird meist entsprechend wiedergegeben. Die Bilder sind schön aufgehellt, wirken nicht allzu unnatürlich und auch die Farben werden - mit etwas Glück - korrekt dargestellt.

Das Farbspektrum der Bilder ist für meinen Geschmack allerdings oft recht kalt und zoomt man ein wenig in ein Foto hinein, werden Schwächen und Unschärfen bei den Details sichtbar.

Weitwinkel und Nachtmodus vertragen sich nicht allzu gut. Die Unschärfe am Bildrand wird durch das schlechte Licht im Night-Mode noch einmal verstärkt, sodass weite Teile des Bildes leicht verschwommen sind.

Im Großen und Ganzen hat das Mi 11 eine hochwertige Kamera. Wenn Xiaomi angesichts der Preisgestaltung allerdings bei den Flaggschiff-Smartphones mitspielen will, wird sich die Kamera schwer tun. In diesem Preisbereich haben Konkurrenzmodelle meist Kameras verbaut, die auch einen optischen Zoom haben und deren Bildqualität nicht so sehr schwankt.

Video

Das Mi 11 erlaubt 8K-Aufnahmen mit bis zu 30fps. Für den Alltagseinsatz eignet sich der 8K-Modus allerdings nicht wirklich - das Ergebnis ist nicht besonders und die Dateigröße enorm. Zumal man 8K-Aufnahmen in voller Auflösung ja kaum entsprechend wiedergeben kann.

Alltagstauglicher ist natürlich die 1080p-Auflösung, die Aufnahmen mit 60fps ermöglicht und Videos in einer deutlich besseren Qualität aufnimmt.

In Sachen Videos hat Xiaomi dem Mi 11 zahlreiche Aufnahmemodi verpasst, mit denen man offenbar die TikTok-Generation ansprechen will. Time Freeze, Magic Zoom, Slow Shutter, Freeze Frame Video oder Parallel World sind lustige Funktionen, die man zumindest mal ausprobieren will.

Wer viel mit Videos experimentiert und sich in einer passenden Situation findet, wird dem einen oder anderen Aufnahmemodus vielleicht seine Freude haben. Der Durchschnittsnutzer wird dafür wohl kaum eine Verwendung haben.

Fingerabdrucksensor

Der Fingerabrucksensor ist im Display verbaut und setzt auf einen optischen Sensor. Dieser funktioniert meist zuverlässig. Manchmal, meist nach dem Händewaschen oder mit nicht komplett sauberen Händen, tut sich der Sensor ein bisschen schwer, was nervig ist.

Wie Xiaomi bei der Präsentation des Mi 11 erwähnt hat, kann der Fingerprintsensor auch als Heart-Rate-Monitor verwendet werden. Allerdings steht diese Funktion derzeit noch nicht zur Verfügung und wird mittels Update zu einem späteren Zeitpunkt nachgeliefert.

Technische Spezifikationen

Xiaomi Mi 11

Maße und Gewicht: 164,3 x 74,6 x 8,1 mm, 196 Gramm
Display: 6,81 Zoll AMOLED, adaptive Refresh-Rate 30Hz/60Hz/90Hz/120Hz, HDR10+, 1500 nits (peak), Gorilla Glass Victus
Kamera: 108 MP Hauptkamera, f/1,9, 26mm, 1/1,33", 0,8µm, PDAF, OIS / 13 MP Weitwinkel, f/2,4, 1/3.06", 1,12µm / 5 MP Makroobjektiv, f/2,4, 1/5,0", 1,12µm
Selfie-Kamera: 20 MP, f/2,2, 27mm, 1/3,4", 0,8µm
Video: 8K mit maximal 30fps / 4K mit maximal 60fps / Slowmotion bis 480fps
Prozessor: Qualcomm Snapdragon 888, 5nm
Speicher: 8 GB RAM + 128/256 GB // 12 GB RAM + 256 GB
Akku: 4.600 mAh, 55 Watt Charging, 50 Watt Wireless Charging, Reverse-Charging 10 Watt
Software: Android 11, MIUI 12
Sonstiges: 5G, aptX HD / Wi-Fi 6 / 
Preis: ab 800 Euro

Leistung

Angetrieben wird das Mi 11 von einem Snapdragon 888. Das Testgerät war mit 8 GB RAM und 128 GB internen Speicher ausgestattet. Alternativ gibt es noch Varianten mit 8/256 GB und 12/256 GB. Gespeichert wird nach dem UFS 3.1 Standard.

Mit dieser Ausstattung braucht man sich über die Leistungsfähigkeit des Mi 11 keine Sorgen machen. Verzögerungen gibt es praktisch nicht. Bei den ressourcenintensiven Video-Funktionen kommt es zu kleineren Wartezeiten, was aber in der Natur der Sache liegt.

Hitzeentwicklung

Interessant war jedenfalls, dass beim "Wild Life Stress Test"-Benchmarktest von 3D-Mark das Mi 11 an seine Grenzen gestoßen ist. Nach kurzer Zeit erschien eine Warnmeldung am Display: "Dein Gerät ist überhitzt. Mobile Daten, WLAN-Hotspots, GPS und Kamera sind eingeschränkt".

Das Mi 11 war tatsächlich extrem heiß geworden. So heiß, dass sich die Schutzfolie vom Bildschirm gelöst hat. Die Rückseite im oberen Bereich sowie das Display konnte man kaum noch anfassen.

Irgendwas dürfte das Mi 11 beim Benchmarktest aus der Fassung gebracht haben. Denn im Alltagseinsatz, beim Video-Editieren, beim Gaming und auch beim Laden unter Volllast, wurde das Gerät nie ungewöhnlich heiß - nicht mal ungewöhnlich warm ist es geworden.

Konnektivität

Wlan beherrscht das Mi 11 nach den Standards 802.11 a/b/g/n/ac/6. Bluetooth 5.2 NFC, 5G und ein Infrarot-Port sind ebenso mit an Bord. Wer entsprechende Kopfhörer hat, kann auf die hochwertigen Codecs aptX HD und aptX Adaptive zurückgreifen.

Dafür gibt es keinen herkömmlichen 3,5mm-Kopfhöreranschluss. Allerdings ist im Lieferumfang ein Adapter von USB-C auf 3,5mm Klinke enthalten. Eine microSD-Karte zum Erweitern des Speicherplatzes kann nicht verwendet werden.

Software

Das Mi 11 läuft unter Android 11 und der aktuellen Xiaomi-Oberfläche MIUI 12. Grundsätzlich ist MIUI eine hervorragende Android-Adaption, die zahlreiche Einstellungsmöglichkeiten parat hält und mit einigen Raffinessen überzeugen kann.

Immer schon ein wesentlicher Kritikpunkt am MIUI ist das überbordende Angebot an vorinstallierten Apps, die sich nicht löschen lassen. Bei mir wandern diese Apps immer schnell in einen Ordner, der irgendwo am Starbildschirm versteckt wird. Wirklich Brauchbares ist bei den vorinstallierten Apps leider nicht dabei.

Was bei Xiaomi noch fehlt, ist die Garantie in Sachen Software-Updates. Andere Hersteller sind hier bereits weiter und garantieren Android-Updates für eine bestimmte Zeit. Von Xiaomi hat man diesbezüglich noch nichts gehört. 

Akku

Die Batterie des Mi 11 hat eine Kapazität von 4.600 mAh. Trotz des leistungsstarken Displays und 5G kommt man mit einer Akkuladung überraschend lange durch. Bei durchschnittlichem Gebrauch waren am Abend immer noch 20 bis 30 Prozent Rest-Akku vorhanden.

Herausragend ist die Ladeleistung des Mi 11: Kabelgebunden lässt es sich mit maximal 55 Watt laden, kabellos mit maximal 50 Watt. Reverse-Wireless-Charging ist mit maximal 10 Watt möglich.

Bei 0 Prozent an die Steckdose zeigt der Akku schon nach 5 Minuten ganze 22 Prozent. Nach insgesamt 15 Minuten steht der Akku bei 51 Prozent und nach 48 Minuten ist das Mi 11 zur Gänze aufgeladen. Das sind absolute Spitzenwerte, die von kaum einen anderen Smartphone erreicht werden.

Wirklich lobenswert ist auch, dass das entsprechende 55-Watt-Schnellladegerät im Lieferumfang enthalten ist. Schaut man zur Konkurrenz, ist dies leider keine Selbstverständlichkeit mehr.

Pro & Contra

Pro 

  • 120 Hz Display mit Top-Qualität
  • Modernes Design
  • Leistungsstark mit Snapdragon 888
  • Schnellladegerät und USB-C-Klinke-Adapter im Lieferumfang
  • Extrem hohe Ladegeschwindigkeit
  • Weitgehend hochwertige Kamera

Contra

  • Keine Zoom-Kamera
  • Kamera kann nicht in allen Situationen überzeugen
  • Kein IP-Rating
  • Mäßiges Preis-Leistungs-Verhältnis

Fazit

Negativ aufgefallen sind der fehlende optische Zoom, kein IP-Rating hinsichtlich Wasserschutz. Auch bei der Kamera gibt es in gewissen Situationen und unter bestimmten Umständen einige Schwächen.

Wer sich für das Xiaomi Mi 11 entscheidet, wird aber eher nicht enttäuscht sein. Denn das Smartphone hat quasi alles, was man sich von einem hochwertigen Gerät im noch jungen Jahr 2021 wünscht: Nahezu perfektes Display, mehr als ausreichend Leistung, eine hochwertige Kamera sowie einen ausdauernden und schnell geladenen Akku. Außerdem ist der umfangreiche Lieferumfang zu loben.

Allerdings ist das Mi 11 nicht ganz so günstig, wie man es vielleicht von Xiaomi-Handys erwartet. Ein Blick zurück: Das Mi 9 (128 GB) hat 2019 zum Marktstart 485 Euro gekostet. Derzeit wird das Mi 11 auf Preisvergleichsportalen für 800 Euro angeboten. Und in diesem Preisbereich hat das Mi 11 wirklich harte Konkurrenz.

Dort fischt Xiaomi bereits im Teich der iPhones 11 und 12 und muss sich mit dem Samsung Galaxy Note 20 sowie der S20er-Reihe und auch den aktuellen S21-Geräten messen. 

Angesichts des Preises, der Ausstattung und der Fotoqualität wird sich das Mi 11 schwer tun, gegen die Konkurrenz zu bestehen. Bleibt abzuwarten, wie sich der Preis in den kommenden Monaten entwickelt. Wird das Mi 11 etwas günstiger, ist es eine gute Wahl. Bleibt er gleich, wird es für Xiaomi ein schwerer Kampf gegen die Konkurrenz.

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Florian Christof

FlorianChristof

Großteils bin ich mit Produkttests beschäftigt - Smartphones, Elektroautos, Kopfhörer und alles was mit Strom betrieben wird.

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