Künstlerische Dartstellung Ariane 6

Künstlerische Dartstellung Ariane 6

© ESA - D. Ducros

Science

Startdatum bekannt: Ariane 6 hebt im Juli erstmals ab

Fast ein Jahr lang musste Europa ohne eine große Trägerrakete auskommen. Diese Zeit könnte bald vorbei sein. Wie der ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher bei der Eröffnung der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Berlin bekannt gab, soll der Jungfernflug am 9. Juli 2024 stattfinden.

„Ariane 6 markiert eine neue Ära der autonomen, vielseitigen europäischen Raumfahrt. Diese leistungsstarke Rakete ist der Höhepunkt jahrelangen Engagements und Einfallsreichtums von Tausenden in ganz Europa, und mit ihrem Start wird sie Europas unabhängigen Zugang zum Weltraum wiederherstellen“, sagt Aschbacher. Die Trägerrakete wird aktuell am europäischen Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana vorbereitet. 

➤ Mehr lesen: Vom Dschungel ins All: Ein Besuch auf dem Europäischen Weltraumbahnhof

Verzögerungen und technische Mängel

10 Jahre lang war die neue Trägerrakete vom französischen Unternehmen Arianespace in der Entwicklung. Einerseits nahm man sich Zeit, um eine günstigere und effizientere Launcher-Generation zu entwickeln. Das gelang insofern, als die Montierung jetzt horizontal statt vertikal passiert, was billiger ist. Zudem funktionieren die Feststoffbooster P120 auch als erste Raketenstufe der kleineren Vega-C

Immer wieder hat sich der Start aber verzögert. Ursprünglich war er für 2020 geplant, aber die technischen Mängel waren zu groß. Aschbacher sprach damals von „sehr schwerwiegenden“ Problemen. Das veranlasste die ESA, die Fortschritte und Testberichte transparent und regelmäßig zu veröffentlichen

➤ Mehr lesen: Europas Launcher-Krise: Warten auf Ariane 6

Konkurrent SpaceX hat die Nase vorn

Die technischen Probleme scheinen nun gelöst, doch der größte Kritikpunkt bleibt bestehen: Die Rakete ist nicht wiederverwendbar. Als sie geplant wurde, war die Nachhaltigkeit noch kein so großes Thema wie heute, doch gegenüber der großen Konkurrenz von SpaceX hat sie damit einen großen Nachteil.

Die erste Stufe der Falcon 9 landet selbstständig wieder und kann die nächste Nutzlast ins All bringen. Dadurch kann die Rakete viel häufiger fliegen als die Ariane 6. Allein 2023 flog die Falcon 9 beeindruckende 92 Mal. Für Ariane 6 strebt man jährlich höchstens 10 Starts an.

➤ Mehr lesen: Mit dieser Rakete bricht SpaceX 2023 seinen eigenen Rekord

Ariane 62 und Ariane 64 vs. Falcon 9

Es wird 2 Varianten der Ariane 6 geben: 

Ariane 62:

  • Sie startet mit 2 P120 Feststoffboostern
  • LEO-Nutzlast: 10,3 Tonnen
  • GTO-Nutzlast: 4,5 Tonnen 
  • Höhe: 60 Meter

Ariane 64:

  • Sie startet mit 4 P120 Feststoffboostern
  • LEO-Nutzlast: 20,6 Tonnen
  • GTO-Nutzlast: 11,5 Tonnen 
  • Höhe: 60 - 66 Meter

Falcon 9:

  • Erste Raketenstufe mit 9 Triebwerken ist wiederverwertbar
  • LEO-Nutzlast: 22,8 Tonnen
  • GTO-Nutzlast: 8,3 Tonnen 
  • Höhe: 70 - 75,2 Meter

18 Flüge für Amazon

Obwohl Europas Raketen bisher vor allem der Wissenschaft verpflichtet waren, soll Ariane 6 auch kommerzielle Flüge absolvieren. So hat Jeff Bezos für Amazons Satellitenkonstellation Kuiper bereits 18 Flüge gebucht. Was genau die Flüge von Falcon 9 und Ariane 6 kosten, ist nicht bekannt, sie dürften aber auf einem ähnlichen Niveau sein.

Ariane 6 ist flexibel einsetzbar und kann verschiedenste Frachten im All verteilen. Die Oberstufe kann bis zu 4-mal gezündet werden und dabei mit einem Flug mehrere Satelliten in verschiedene Orbits bringen. Das könnte ein strategischer Vorteil sein. 

Unabhängiger Zugang zum All auch durch Start-ups

Um Kund*innen für die nächsten Flüge zu gewinnen, muss der Jungfernflug am 9. Juli gelingen. Das ist kein einfaches Unterfangen, blickt man in die Vergangenheit. Ihr Vorgänger Ariane 5 explodierte nur weniger Sekunden nach dem Start und der 2. Flug konnte erst über ein Jahr später durchgeführt werden. Das würde die europäische Raumfahrt erneut weit zurückwerfen. Um sich Aufträge zu sichern, muss die europäische Raumfahrt routiniert und zuverlässig auftreten. 

➤ Mehr lesen: Ende einer Ära: Das war der letzte Start der Ariane 5

Eine wirkliche Konkurrenz zur Falcon 9 wird die Ariane 6 nicht werden. Aber sie sichert Europa trotzdem einen unabhängigen Zugang zum Weltraum. Hinzu kommen Verträge mit europäischen Start-ups. Die Rocket Factory Augsburg will etwa noch dieses Jahr ihren Mikrolauncher starten und könnte damit eine weitere Möglichkeit eröffnen, kleinere Nutzlasten ins All zu bringen. 

➤ Mehr lesen: Start von europäischer Rakete Vega-C gescheitert

Das wäre auch deshalb wichtig, da die kleine Rakete Vega-C seit dem ersten kommerziellen Flug 2022 wegen eines Fehlers am Boden blieb. Dieses Jahr soll es keinen Startversuch mehr geben. Wann sie wieder einsatzbereit ist, steht in den Sternen. Damit lastet die Verantwortung, Europa überhaupt wieder einen eigenen Zugang zum All zu verschaffen, auf Ariane 6 und dem Team dahinter. Ob das gelingt, wird sich in ungefähr einem Monat zeigen.

Hat dir der Artikel gefallen? Jetzt teilen!

Franziska Bechtold

frau_grete

Liebt virtuelle Spielewelten, Gadgets, Wissenschaft und den Weltraum. Solange sie nicht selbst ins Weltall kann, flüchtet sie eben in Science Fiction.

mehr lesen
Franziska Bechtold

Kommentare