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Google-Alternativen: Warum Europa eigene Suchmaschinen braucht

Sucht man auf Google nach Krankheiten, stößt man nicht nur in den bezahlten Anzeigen, sondern auch in den organischen Suchergebnissen bald auf Informationen, die von kommerziellen Anbietern stammen. Selbsthilfegruppen, die nichts zu verkaufen haben, findet man hingegen meist erst auf den hinteren Rängen. „Google transformiert die Suche in einen Konsument*innenwunsch und versucht, uns mit Produkten zu bedienen“, sagt die Soziologin und Technikforscherin Astrid Mager vom Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. „Das fällt uns gar nicht mehr auf, weil wir es gewohnt sind.“

Wie andere Technik auch, seien Suchmaschinen nicht neutral, sondern bilden gesellschaftliche Verhältnisse ab, schreiben sie fort und verfestigen sie, sagt Mager. Google, das eigentlich aus dem akademischen Umfeld stamme, habe über die Jahre ein Geschäftsmodell etabliert, das auf Datenhandel basiere und dessen Mechanismen weit über die Suche hinauswirken.

Google-Anzeigen auf Webseiten gehören ebenso dazu wie Suchmaschinenoptimierung, die von zahllosen Webseiten-Betreiber*innen angewendet wird, um ihre Angebote in den Ergebnissen nach oben zu bringen, erläutert Mager. Von den Nutzer*innen werde die Suchmaschine darüber hinaus täglich mit Unmengen von Daten gefüttert: „Sie sind ein Teil des Systems.“

Suchmaschinen-Forscherin Astrid Mager

Wie es auch anders gehen kann, hat Mager in ihrem Forschungsprojekt „Algorithmische Imaginationen“ untersucht. Anhand von Fallstudien zeigt sie dabei auf, welche Werte und Visionen europäische Suchprojekte leiten, aber auch mit welchen Hürden sie zu kämpfen haben.

Offener Web-Index

Das Projekt Open Web Index will eine Datenbank mit allen Webseiten und Inhalten erstellen, die über das Internet zugänglich sind. Ein solcher Index ist sehr ressourcenintensiv und muss ständig aktualisiert werden. Für die schnelle Suche ist er aber unabdingbar.

Auch Google zieht für die Websuche einen solchen Index heran. Neben dem Branchenprimus verfügen nur noch Microsoft mit seiner Suchmaschine Bing, der chinesische Suchkonzern Baidu und der russische Yandex-Konzern über einen eigenen Index. „Allesamt private Firmen, deren Ziel die Profitmaximierung und nicht Optimierung hinsichtlich der Interessen der Bürger*innen ist“, sagt Mager.

Open Web Index: Struktur

Ein solcher Index könnte unterschiedliche Suchmaschinen ermöglichen, die darauf aufbauen. Das könnte zu einer breiten Diversität von Suchmaschinen führen, die thematisch unterschiedliche Schwerpunkte, etwa für Medizin oder investigativen Journalismus, setzen. „Es geht nicht alles mit einem Suchalgorithmus gleich gut, wie Google uns glauben lassen will“, meint Mager.

Freie Software

An einem Web-Index arbeitet auch das deutsche Projekt YaCy, das mithilfe von Nutzer*innen, die Seiten ansurfen, das Web indexiert und dezentral auf den Rechnern der Teilnehmer*innen speichert. Zudem wird versucht ein Open Source Sprachassistent mit dem Namen SUSI.AI, als Alternative zu Google Home oder Alexa, zu entwickeln.

YaCy

Im Vordergrund stehe dabei der Open-Source-Gedanke und der freie Zugang zu Ressourcen. Die Frage sei, ob das Projekt jemals groß genug werde, dass es auch breit genutzt werden könne, meint Mager.

Datenschutzfreundlich

Auf den Index von Google greift hingegen die niederländische Suchmaschine Startpage zurück. Allerdings werden keine Nutzerdaten gespeichert oder zu Google übermittelt, die Privatsphäre der Nutzer*innen steht im Vordergrund. Die Suchergebnisse werden daher auch nicht personalisiert. „Man bekommt nicht-personalisierte Google-Ergebnisse“, sagt Mager. Startpage wolle zeigen, dass auch eine datenschutzfreundliche Suche profitabel sein kann.

Alle 3 Projekte hätten mit Problemen zu kämpfen und müssten  Kompromisse eingehen, erzählt die Forscherin. Bei Startpage habe sich etwa die Frage gestellt, ob man das Angebot auch über Facebook, das die Privatsphäre seiner Nutzer*innen nicht gerade schonend  behandelt, bewerben könne, um es populärer zu machen.

Weil die erhoffte öffentliche Finanzierung ausblieb, will Open Web Index bestehende Ressourcen von Rechenzentren nutzen, um das Web zu indexieren.  

Und bei SUSI.ai beschloss man, sich für ein von Google vergebenes Programmierstipendium zu bewerben, um finanzielle Engpässe zu umschiffen.

Chance gegen Google?

Haben solche Projekte gegen Google überhaupt eine Chance? Sie zeigen, dass es Alternativen außerhalb der Silicon-Valley-Rhetorik gibt, meint Mager. Notwendig seien in allen Fällen langfristige Finanzierungen und öffentliche Förderungen.

Früher sei der Zugang zu Wissen auch über öffentlich finanzierte Bibliotheken organisiert worden, sagt Mager. Ohne Suchmaschinen könne das Web nicht genutzt werden, sie gehören zur Basisinfrastruktur.

"Ohne Suchmaschinen kann das Web nicht genutzt werden. Sie gehören zur Basisinfrastruktur."

Astrid Mager, Soziologin und Technikforscherin

Daneben brauche es  Unterstützung in rechtlichen Fragen und professionelle Begleitung. Zuletzt benötige man Zugang zu Daten. Die brauche man, um Algorithmen trainieren zu können.

Dazu könnte in einem ersten Schritt das breite Reservoir an öffentlich finanzierten Daten, etwa Verwaltungs- und Verkehrsdaten, geöffnet werden, sagt Mager. Es sollte aber auch darüber nachgedacht werden, ob und wie man sich Zugang zu den Datenschätzen von Google & Co. verschaffen könne.

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Patrick Dax

pdax

Kommt aus dem Team der “alten” ORF-Futurezone. Beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Innovationen, Start-ups, Urheberrecht, Netzpolitik und Medien. Kinder und Tiere behandelt er gut.

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