© Livin Farms/Paris Tsitsos

Science

Warum Insekten die besten Abfallverwerter sind

In anderen Ländern und Kulturen stehen Insekten als proteinreiche Nahrungsquelle längst auf dem Speiseplan. Aber auch in der Tierfuttererzeugung und als Pflanzendünger spielen bestimmte Käfer- und Fliegenarten bzw. deren Larven eine zunehmende Rolle. In Frankreich wurde zuletzt eine Fabrik errichtet, die bis Ende nächsten Jahres 100.000 Tonnen Protein aus Mehlwürmern erzeugen will.

Wurm statt Schnitzel

Aber auch Österreich könnte künftig beim Thema Insektenfarmen eine wichtige Rolle spielen. Verantwortlich dafür ist die Wiener Firma Livin Farms. Gründerin Katharina Unger beschäftigt sich seit vielen Jahren damit, wie man Insekten ressourcen- und platzschonend züchten kann, um sie gezielt als Proteinquelle nutzen zu können.

Bis Mehlwürmer als Delikatesse bei uns akzeptiert sind, wird es noch dauern.

„In unseren Breitengraden bleibt es natürlich eine Provokation, wenn statt dem Schnitzel ein Wurm auf dem Teller landen würde. In Zukunft kann ich mir aber gut vorstellen, dass tierische Proteine aus der Insektenzucht ein Bestandteil von Nahrungsmitteln werden. Sie können andere tierische Proteine ersetzen, die weitaus weniger nachhaltig produziert werden“, sagt Unger im futurezone-Interview.

Die Zulassung für Insekten als verarbeitete Inhaltsstoffe steht auf EU-Ebene zwar noch aus, das dürfte sich aber in Kürze ändern. Bis dahin forciert die Firma daher die Entwicklung von Zuchtfarmen, die zur emotional weniger aufgeladenen Tierfutterproduktion verwendet werden.

Ministerinnenbesuch vor Eröffnung

Mithilfe der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG), des aws und Investoren entstand eine Pilotfabrik, in der die Mehlwurmzucht im industriellen Maßstab erprobt wurde. Nun bezieht die Firma im 11. Wiener Gemeindebezirk einen 1.400  großen neuen Standort, um eine erste Demonstrationsanlage zu bauen.

Schramböck bei Livin Farms

Davon überzeugen ließ sich auch Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck, die Livin Farms noch vor der offiziellen Einweihung einen Besuch abstattete.

So funktioniert die Zucht

Das Konzept, das im Kleinen schon bestens erprobt ist, klingt einleuchtend: Insektenlarven werden mit Lebensmittelresten gefüttert und vor ihrer Verpuppung  schockgefroren bzw. schockerhitzt. Als Futtermittel in Form von Proteinpulver können die Mehlwürmer schließlich für die Fischzucht, aber auch in Hunde- und Katzenfutter verwendet werden.

Bei der Pilotfabrik arbeitete Livin Farms mit einer großen österreichischen Lebensmittelkette zusammen, die ihre Brot- und Gebäckreste als Nahrung für die Mehlwürmer beisteuerte. Aber auch Gemüse- und Obstabfälle können auf diese Weise verwertet werden, was mehrere Probleme gleichzeitig löst.

Die Betriebe werden so nicht nur ihre Restwaren los, sondern tragen auf diese Weise auch zu einer nachhaltigeren Lebensmittelversorgung bei.

Nachhaltiger Lebensmittelkreislauf

„Altbackwaren werden schon jetzt als Brösel an Schweine und Hühner verfüttert. Die Margen sind aber gering und die Logistik ist aufwändig“, sagt Livin-Farms-Geschäftsführerin Unger. „Verfüttert man die Abfälle hingegen an Insekten, erhält man statt der unergiebigen Verwertung von Kohlehydraten mit den gezüchteten Larven ein wertvolles, proteinreiches Futtermittel.“

Das sei auch insofern nachhaltig, da Insekten bzw. deren Larven extrem effiziente Proteinlieferanten seien. Zum Vergleich: Jedes  Kilogramm Proteine, das etwa in der Rinderzucht gewonnen wird, verursacht die 25-fache Menge an klimaschädlichem CO2, rechnet Livin Farms vor. Insekten würden nur ein Zehntel Platz, ein Fünftel Futter und weitaus weniger Wasser als Rinder benötigen.

Farm im Baukastensystem

Die Wiener Firma will nun Module entwickeln, mit der sich Lebensmittelproduzenten, aber auch auf Resteverwertung spezialisierte Futtermühlen  ihre maßgeschneiderte Insektenfarmen unkompliziert zusammenbauen können.

Anders als Mitbewerber, die riesige Insektenfabriken etablieren wollen, setzt Livin Farms auf eine dezentrale, regionale Zweitverwertung. Das System soll derart einfach gestaltet sein, dass es auch von kleineren Betrieben ohne Probleme installiert werden kann.

„Unser Ziel war immer ein nachhaltigerer Lebensmittelkreislauf. Wenn Hunderttausende Tonnen Essensreste erst wieder durch halb Europa gekarrt werden müssen, um in einer großen Fabrik verwertet zu werden, wird das System nie durchbrochen. Unser System erlaubt es mittelständischen Betrieben, auch schon Mengen ab 1.000 Tonnen an Lebensmittelresten pro Jahr effizient weiter zu verwerten“, erklärt Unger.

Europäische Forschung

Damit das Vorhaben gelingt, ist noch einiges an Forschungs- und Entwicklungsarbeit notwendig. Möglich wird dies auch, da sich das Wiener Start-up gegen Tausende Mitbewerber durchsetzen und als eine von 64 europäischen Firmen die Zusage über 2,5 Millionen Euro Forschungsmittel durch den Europäischen Innovationsrat gewinnen konnte.

Bei der FFG freut man sich über den großen Erfolg des Start-ups. "Livin Farms konnte mit Innovation und Nachhaltigkeit im European Innovation Council (EIC) überzeugen und sehr begehrte europäische Forschungsmittel erwerben", sagt FFG-Geschäftsführerin Henrietta Egerth.

Da Livin Farms davor unter anderem mit nationalen Mitteln der FFG gefördert wurden, beweise, dass nationale Mittel auch ein wirksames Sprungbrett seien, um auf europäischer Ebene erfolgreich zu sein, ist Egerth überzeugt.

Internationales Team

In den kommenden Monaten soll das aus 10 Nationen bestehende Wiener Team auf mehr als 20 Personen anwachsen. Neben dem Automatisierungstechniker Thomas Riel, der  unter anderem daran beteiligt war, den ersten österreichischen Satelliten ins All zu schicken, sind auch Maschinenbauer, Elektrotechniker und Insektenwissenschaftler an Bord.

Neben einer Machbarkeitsstudie will die Firma zudem herausfinden, welche Insekten sich für welche Lebensmittelverwertung am besten eignen. In Hong Kong betreibt Livin Farms noch einen zweiten Standort mit 5 Mitarbeitern, der in erster Linie im Bildungsbereich tätig ist.

Diese Serie erscheint in redaktioneller Unabhängigkeit mit finanzieller Unterstützung der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG).

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Martin Stepanek

martinjan

Als früher „Digital Native“ schon 1984 dem legendären Macintosh 128k seines Vaters ausgesetzt. Erster eigener Computer: Atari 520ST. Gadget-verliebt. Während Journalisten-Verschnaufpausen Alte-Musik-Sänger im Vienna Vocal Consort. Liebt gute TV-Serien. Und Wien.

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