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Science
11/08/2019

"Wir sollten wie die Marsianer leben"

Was wir von simulierten Mars-Missionen und der Weltraumforschung für unsere Erde lernen können.

von Andreea Iosa

Wenn die Menschheit ihre Reise zum Mars antritt, wird sie sehr achtsam mit ihren vorhandenen Ressourcen umgehen müssen, weiß Sheyna Gifford. Sie war Astronautin bei einer Mars-Simulation der NASA und fordert den Menschen auf, endlich ressourcenschonender zu agieren. Auch auf der Erde. „Nachhaltige Entscheidungen zu treffen, ist jetzt eine Notwendigkeit“, fordert sie bei der diesjährigen TEDxVienna-Konferenz.

Leben wie am Mars

„Wir sollten mehr wie die Marsianer leben“, sagt die Expertin im futurezone-Interview. Sie hat 380 Tage eine Mars-Simulation auf dem Vulkan Mauna Kea in Hawaii begleitet. Ohne jegliche Verschwendung: „Wir hatten sogar eine dreimonatige Warteschleife für ein Glasgefäß“, sagt sie. Auf anderen Planeten müsse jede Entscheidung zudem gut überlegt sein: „Soll ich das Licht einschalten oder nicht? Wenn ja, könnte es für das Abendessen keinen Strom mehr geben“, erklärt sie. Und auch Menschen haben einen höheren Wert im Weltall. „Sie sind unverzichtbar“. Denn: Nicht jeder könne  Pflanzen pflegen oder eine Toilette reparieren. „Diese marsianische Weltanschauung könnte wirklich einen Einfluss auf die Erde haben“, sagt Gifford.

Diese Meinung teilt auch der Astrophysiker Gernot Grömer vom Österreichischen Weltraum Forum (ÖWF) und Field Commander der österreichischen Mars-Simulation AMADEE-18: „In der Raumfahrt lernt man, dass Ressourcen  knapp bemessen sein können und man deshalb sorgsam damit umgehen muss.“ Man bekomme aber ein Gefühl, wo die Knackpunkte im ’Sparen am richtigen Ort’ liegen. „Das bedeutet aber nicht, ein karges Einsiedlerleben führen zu müssen, sondern sich bei jedem Konsumschritt bewusst zu sein, warum und wofür man etwas tut“, sagt er. In einer seiner Mars-Simulationen in Utah mussten die Forscher alleine schon darauf achten, nicht durch die falsche Wahl von Hygieneprodukten die Wasseraufbereitung zu gefährden.“

Welten verwandeln

Der Mensch kann laut der NASA-Expertin Gifford viel von anderen Planeten lernen, wo es keine Ressourcen gibt, die er verschwenden kann. Es sei an der Zeit, Welten umzugestalten – auch unsere.  Sie ist besorgt, dass wir unseren eigenen Planeten in eine zweite Venus verwandeln. Den Grund dafür sieht sie in der Geschichte unseres Sonnensystems. Kurzer Rückblick: Die Venus habe sich von einem erdähnlichen Himmelskörper mit Ozeanen und etwa 20 Grad mehr als auf der Erde zu einem heißen Ball verwandelt, auf dem sogar Felsen schmelzen. Grund dafür war der Treibhauseffekt, der zum Verdampfen flüssigen Wassers geführt hat. Auch am Mars gab es mit großer Wahrscheinlichkeit Ozeane und eine Atmosphäre. Nun  besitzt der Rote Planet auch kein Magnetfeld mehr, das ihn vor einer schädlichen kosmischen Strahlung schützt. Und er ist kalt. Ein Leben auf dem Mars könnte laut der NASA-Expertin  aber auch ohne Weltraumanzug möglich sein. Allerdings erst in 700 Millionen Jahren.

„Ich denke, dass der Mensch, der den ersten Schritt auf den Roten Planeten setzen wird, bereits geboren ist“, ergänzt Grömer. Mit technischer Unterstützung haben  Menschen es geschafft, kalte Winter zu überstehen, sich in Savannen anzusiedeln, oder permanente Außenposten auf den Polen zu errichten. Es sei ein logischer Schritt, diese Reise auch jenseits des Erdorbits auszudehnen.

Ressourceneffizienz

Ob der technische Fortschritt den Ressourcenbedarf unbeschränkt auffangen kann, sei fraglich. „Gefährlich wird es dort, wo man am Status quo verbissen festhält“, sagt Grömer. Damit steht er nicht alleine: Über 11.000 Wissenschaftler aus 153 Ländern warnen in einer gemeinsamen Erklärung aktuell vor einem weltweiten Klimanotfall. Um „unsägliches menschliches Leid“ zu verhindern, müssten wir unter anderem auf  erneuerbare Energien umsteigen und das Ökosystem besser schützen. Ziel ist, den Ausstoß von klimaschädlichen Substanzen bis 2030 um mindestens 40 Prozent zu mindern. Lediglich die EU-Staaten und sieben andere Länder liegen dabei im Plan.

Der Ökonom Paul Ekins von der Universität London hat im Auftrag des UN Environment Programme (UNEP) zudem eine Möglichkeit ermittelt, mit der der weltweite Ressourcenverbrauch bis 2050 um 28 Prozent reduziert werden kann und parallel CO2-Emissionen um 60 Prozent gesenkt werden können: durch Recycling und neue Produktionsmethoden, etwa durch die Kombination von der Informationstechnik rund um „Big Data“ und 3D-Druck.  „Doch selbst wenn die Technik viel kompensieren kann, ist es eine Frage der Moral, nicht geringschätzig mit natürlichen Ressourcen umzugehen, selbst wenn es viel davon gibt“, sagt Gernot Grömer.

Faktencheck zum erdähnlichen Mars

  • Äußerer Erdnachbar Von der Sonne aus gemessen, zählt der Mars zum vierten Planeten in unserem Sonnensystem.
  • Felsplanet Der Rote Planet zählt zu den erdähnlichen Himmelskörpern, der mit großer Wahrscheinlichkeit einst Wasser, eine Atmosphäre sowie ein Magnetfeld hatte.
  • Halbe Erdgröße Der Durchmesser des Mars  beträgt rund 6.800 Kilometer – etwa die Hälfte des Erddiameters. Sein Volumen beläuft sich aber auf ein Siebtel von jenem unserer Wasserkugel.
  • Entfernung Im günstigsten Fall beträgt der Abstand Erde-Mars 56 Millionen Kilometer.