© Andreas Mühlenberend / Saphenus

Start-ups
12/25/2019

Kremser Start-up entwickelt die weltweit erste fühlende Beinprothese

Die Technologie hinter der neuartigen Beinprothese lässt Betroffene ihren Fuß wieder fühlen.

von Florian Christof

"Wir haben die weltweit erste fühlende Beinprothese entwickelt", sagt Rainer Schultheis, CEO und Mitgründer von Saphenus im Gespräch mit der futurezone. Die Prothese ermögliche es betroffenen Personen wieder den Untergrund zu spüren, was gleich mehrere Vorteile mit sich bringt.

"Zum einen erhöht sie die Gangstabilität, sodass bei Betroffenen die Angst vor Stürzen gemindert wird", sagt Schultheis. "Zum anderen wird durch die Fühleigenschaft der Phantomschmerz gemindert oder sogar eliminiert."

Prothese bringt Gefühl zurück

Weil das Gehirn versucht, Informationen von einem Bein abzurufen, das eben nicht mehr vorhanden ist, entsteht dieser Phantomschmerz. Wenn aber die entsprechenden Nerven mit Fühlinformationen gefüttert werden, erhält das Gehirn wieder die notwendigen Informationen, woraufhin der Schmerz zurückgeht.

Die bionische Prothese von Saphenus kann über verschiedene Wege den Betroffenen helfen. Eine Möglichkeit führt über einen rekonstruktiven chirurgischen Eingriff. Dabei müssen die Fußnerven im Stumpf des Betroffenen entsprechend platziert werden, wo sie nach ungefähr einem halben Jahr verästeln. Drückt man in der Folge auf den Stumpf, entsteht für die Betroffenen das Gefühl, so als ob jemand auf eine bestimmte Zehe oder Ferse drücken würde.

Auch ohne chirurgischen Eingriff

Eine klassische, zeitgemäße Beinprothese besteht aus zwei Teilen: dem Prothesenschaft und dem Prothesenfuß. Im Bereich, wo der Beinstumpf auf den Schaft trifft, befinden sich Stimulatoren, die die entsprechend platzierten Nerven ansprechen. Saphenus hat eine Art Sensorsocke entwickelt, die diese Stimulatoren in Echtzeit mit Informationen versorgen, wenn etwa das Bein beim Gehen am Boden auftritt. "Auf diese Weise können die Betroffenen beim Gehen ihren Fuß spüren, obwohl dieser gar nicht vorhanden ist", erklärt der Saphenus-Geschäftsführer.

Bei einer weiteren Möglichkeit kann Saphenus ganz ohne chirurgischen Eingriff helfen. Diese Methode ist für Betroffene geeignet, die keinen Phantomschmerz verspüren. "Hier hat das Gehirn bereits akzeptiert, dass der Beinstumpf das Ende der Gliedmaße ist", sagt Schultheis. Dadurch werden die dortigen Nerven automatisch vom Körper zu einer Art Fußnerv umfunktioniert. Diese können wiederum von den Stimulatoren der Prothese angesprochen werden.

Für bestehende Beinprothesen geeignet

"Wünschenswert wäre, wenn bei planbaren Amputationen in Zukunft der Nerventransfer als eine Art Prophylaxe durchgeführt wird", sagt der Saphenus-Mitgründer. Dadurch könne man Phantomschmerzen vorbeugen und müsste nicht einen weiteren Eingriff in Kauf nehmen, um eine Umleitung des Fußnervs herstellen zu können.

"Wir haben unser sensorisches Feedbacksystem als Add-on konzipiert", sagt Schultheis. Die beiden Komponenten - Sensorsocke und Stimulatoren - arbeiten autark und können bei jeder bestehenden Prothese unabhängig von der technischen Ausführung und unabhängig vom Hersteller verwendet werden. Auch eine Bedienung sowie das Vornehmen von Einstellungen via Smartphone-App ist möglich.

Kompetenzzentren für Betroffene

Aktuell bereitet Saphenus gerade eine großangelegte klinische Studie vor, als Teil eines Forschungsprojektes mit der AUVA, bei der auch die Sensorik der oberen Gliedmaßen erforscht werden soll. "Finger, Hände und Arme haben noch einmal eine andere Komplexität. Wir wollen uns aber im Bereich der Sensorik eine Art Leadership verschaffen und unser Know-how entsprechend ausbauen", so der Start-up-Gründer.

Darüber hinaus hat Saphenus in Murnau, in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen, in Innsbruck sowie in Brixen in Südtirol ein Kompetenzzentrum errichtet. Betroffene können sich dort melden. Außerdem wurden neben dem Unternehmenssitz in Krems auch Niederlassungen in Wien und Graz eröffnet. Derzeit ist noch der Zulassungsprozess für die fühlende Prothese in Europa im Gang. Die Zulassungen für die USA und andere Länder wolle man demnächst angehen.

Auf Gemeinwohl ausgerichtet

"Es läuft sehr gut", sagt Schultheis. Man bekomme viel Zuspruch und viel positives Feedback. Wohl auch deswegen hat Saphenus bereits einige Förderungen erhalten, die man mit großer Demut annehme und mit denen man äußerst sorgsam umgehe, wie der Unternehmensgründer sagt. "Wir haben uns auch überlegt, Saphenus in einem anderen Land zu gründen. Doch die weitreichenden Förderungen hierzulande machte uns die Entscheidung dann doch recht leicht."

Konkret wird Saphenus unter anderem von der Förderbank austria wirtschaftsservice (aws), der Forschungsförderungsgesellschaft FFG und der EU im Rahmen des "Horizon 2020"-Programms unterstützt.

"Unser Unternehmen ist zwar auf Gewinn ausgerichtet, allerdings nicht auf Gewinnmaximierung. Wir wollen vor allem auf das Gemeinwohl abzielen und einen positiven Beitrag an der Gesellschaft leisten", sagt der Saphenus-CEO: "Wir können leider nicht das Bein wiederbringen. Aber wir können den Betroffenen helfen, indem sie das Gefühl für ihr Bein beziehungsweise ihren Fuß wiederbekommen."

 

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Kooperation zwischen futurezone und aws (austria wirtschaftsservice).

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