Warum der E-Sport in Österreich auch offline boomt

Spieler in der Spielhalle "Area52" in Wien (undatiertes Archivbild). Rund 32.000 registrierte E-Sportler gibt es in Österreich.

© Bild: APA/AREA52

Immer mehr Standorte und Events in Österreich bieten Hobby- und Profi-Gamern Zuflucht.

Wer in Österreich regelmäßig Fußball spielen möchte, spaziert zum nächsten Fußballplatz oder schließt sich einem lokalen Verein an. Doch beim E-Sport gestaltet sich das hierzulande deutlich schwieriger, da die Community anscheinend ausschließlich online zuhause ist. Hier wollen Lokale wie die “Area 52” im Wiener Bezirk Floridsdorf helfen. Auf mehr als 200 Quadratmetern stehen jungen Gamern PCs, Spielkonsolen und sogar professionelle Studios für Live-Übertragungen zur Verfügung. Laut Kevin Trau, dem Gründer und Leiter der “Area 52”, kommen jährlich knapp 7000 Jugendliche in das Trainingszentrum für Gamer. Wie in einem Fitnesscenter kann man Tickets kaufen, die für Tage, Wochen oder gar Monate gelten.

Das Angebot wird intensiv genutzt: Seien es nun Staatsmeisterschaften, regelmäßig stattfindende Ligen oder einfache Geburtstagsfeiern, die “Area 52” hat sich in den vergangenen sechs Jahren zu einem Hotspot der österreichischen E-Sport-Szene entwickelt. Lange Zeit gab es kaum Alternativen, doch nun gibt es auch in Österreich Bewegung. Die zunehmende Beliebtheit der Profi-Gamer sorgt für eine Rückkehr der Online-Gamer in die Offline-Welt. Statt sich ausschließlich online auszutauschen, steigt die Nachfrage für Events und Treffpunkte rasant an.

Eine Bar für E-Sportler

Das wohl bekannteste neue Projekt: Die E-Sports-Bar “Respawn” im 19. Bezirk. Seit 2016 kann dort bei Burgern, Bier und Musik gezockt oder mit anderen Fans gemeinsam E-Sports-Übertragungen angesehen werden. “Aktuell haben wir nie weniger als drei Events pro Woche, unter anderem eine Ranked-Liga für Dota, League of Legends und Super Smash Bros”, erklärt Gründer Patrick Tondl. Den Ausschlag für die Gründung des “Respawn” gab unter anderem der Erfolg von “Barcraft Austria”, einer vom Verein “eSports Wien” 2011 gegründeten Veranstaltungsreihe. Dabei treffen sich regelmäßig E-Sports-Fans in Bars und anderen Lokalen, um gemeinsam Turniere anzusehen. “Online hat viele zusätzliche Möglichkeiten geschaffen, aber der Reiz von Offline ist dadurch nicht verloren gegangen”, erklärt Thomas Schned, Gründer von “eSports Wien” und “Barcraft Austria”.

Thomas Schned (Barcraft Austria, links) und Kevin Trau (Area 52, rechts)

© Bild: Kurier / Gilbert Novy

Beide Konzepte waren sofort erfolgreich: “Barcraft Austria” zählt pro Event mehr als 100 Besucher und das “Respawn” könnte in naher Zukunft per Franchise auf andere Standorte ausgedehnt werden. Und auch in den Bundesländern gibt es zunehmend entsprechende Angebote. Die “Gamers Academy” in Bad Vöslau, lange ein reiner Hotspot für Fans des Kartenspiels “Magic: The Gathering”, expandiert. “Seit zwei Monaten haben wir auch einen E-Sports-Bereich”, erklärt John Mörth, einer der Betreiber der “Gamers Academy”. Man wolle nun die über “Magic” gesammelte Erfahrung mit Turnieren nutzen, um E-Sport-Events zu veranstalten.

“Solche Locations sind sehr gut, um einmal die Menschen kennenzulernen, mit denen man immer gemeinsam spielt”, sagt Pia Römer, verantwortlich für die Plattform eSports.at bei UPC. In Skandinavien würden derartige Standorte im Wochentakt eröffnen, hierzulande sind sie noch sehr rar. 

Mörth glaubt aber, dass das Verlangen nach Offline-Interaktion immer größer wird. “Lange Zeit gab es einen Hype um LAN-Gaming, dann wurden die Internetverbindungen schneller und man konnte auch von zuhause aus gemeinsam spielen. Jetzt ist wieder dieser Drang da, gemeinsam zu spielen.” Zusätzlich dazu versucht man mit Komfort zu punkten: “Wir arbeiten mit einer Software, über die man direkt vom PC Getränke und Snacks an den Platz bestellen kann.”

Erfolg nicht selbstverständlich

Auch die Reed Messe Wien stellt ihre Hallen zunehmend E-Sportlern zur Verfügung. 2017 fand im Rahmen der “Vienna Comic Con” erstmals das Turnier “Vienna Challengers Arena” statt. “Weil das letztes Jahr so gut geklappt hat, wollen wir es dieses Mal deutlich größer machen”, sagt Jennifer Rassi von der Reed Messe Wien und verweist auf die “Vienna Comic Con 2018”, die am 17. und 18. November stattfinden wird. Trotz des anhaltenden Hypes sei der Erfolg aber keine Selbstverständlichkeit, viele Gamer seien zunächst skeptisch, erklärt Rassi: “Viele Gamer lassen dann gerne den ersten Event aus, weil sie mal abwarten wollen, wie sich das Ganze schlägt. Da geht viel über Mundpropaganda.”

Jennifer Rassi (Reed Messe Wien, links) und Patrick Tondl (Respawn, rechts)

© Bild: Kurier / Gilbert Novy

Auch Trau musste lange kämpfen: “Die Area 52 ist profitabel, aber das passierte nicht von einem auf den anderen Tag. Wenn man will, dass es mehr Lokale gibt, braucht es Investitionen aus der Industrie, aber genauso das Commitment von Politik und Co.” Er hofft, dass sich Österreich ein Vorbild an Deutschland nehmen wird. Dort wurde kürzlich ein bundesweiter Dachverband gegründet, zudem wollen CDU, CSU und SPD E-Sport als “eigene Sportart mit Vereins- und Verbandsrecht anerkennen und die Schaffung einer olympischen Perspektive unterstützen” - sofern die große Koalition zustande kommt.

Kampf um Bandbreite und GPUs

Solange müssen sich die Betreiber der E-Sports-Locations mit anderen Problemen herumschlagen, wie beispielsweise der Wartung. Üblicherweise setzt man bei den PCs auf Highend-Hardware - sofern diese verfügbar ist. Denn auch im E-Sport-Bereich hat sich die Grafikkarten-Knappheit bemerkbar gemacht. Diese werden besonders gerne für das sogenannte “Mining” von Kryptowährungen eingesetzt. “Ein paar meiner Grafikkarten sind vergangenes Jahr kaputtgegangen und als ich sie innerhalb der Garantie eintauschen wollte, konnte mir der Hersteller keinen Ersatz bieten”, erzählt Respawn-Chef Tondl. “Stattdessen habe ich das Geld zurückbekommen.”

Eine große Herausforderung stellt auch die perfekte Netzwerkkonfiguration dar. Neben der installierten Software muss gezielt der Internetzugriff eingeschränkt werden. “Wir müssen immer vom schlimmsten Nutzer ausgehen, der womöglich illegale Seiten aufruft. Deswegen haben wir gleich von Anfang an alles gesperrt, was nicht zwingend erforderlich ist”, erklärt Mörth. Doch nicht nur die Inhalte bereiten den Betreibern Kopfzerbrechen, auch die Bandbreite muss sinnvoll aufgeteilt werden. “Man muss gar nicht von einem böswilligen Nutzer ausgehen. Es reicht schon, wenn er sich einloggt und ein Spiel oder Update runterlädt”, so Trau. Deswegen wird die pro PC verfügbare Bandbreite meist begrenzt. 

Mangel an Frauen

Das Publikum ist vorwiegend männlich. “Knapp sechs Prozent unserer Besucher sind Frauen. Das steigt immer mehr, es wird immer normaler”, sagt “Area 52”-Leiter Trau. “Wir versuchen auch immer wieder Events zu veranstalten, wo wir das ein bisschen fördern wollten. Leider mit beschränktem Erfolg.” Ähnlich sieht es auch im “Respawn” aus, wie Tondl berichtet: “Bei uns im Lokal merke ich, je mehr Personen da sind, desto mehr Mädchen sind auch da - nicht nur absolut, sondern auch prozentuell gesehen.” Grundsätzlich gebe es aber wenige weibliche Gamer, meist greifen diese auf das Brettspiel- oder “Dungeons & Dragons”-Angebot zurück. Ein Eindruck, den auch Rassi bestätigt: “Ich gehe auch oft auf Super Smash Bros. Melee Turniere, auf denen ich dann die einzige Frau bin.”

Den Grund dafür kann sie sich nicht erklären:  “Zum Zuschauen kommen immer viele, aber beim Spielen trauen sich viele dann nicht drüber. Vielleicht ist es dann auch der Druck.” Schned hofft, dass durch erfolgreiche Beispiele wie die“StarCraft 2”-Spielerin Sasha “Scarlett” Hostyn mehr Frauen zum Spielen gebracht werden. Das Umfeld sei für Frauen - zumindest offline - angenehm, wie Tondl betont: “Frauen fühlen sich bei uns im Lokal sehr wohl. Die Gamer sind, auch wenn sie getrunken haben, nicht unbedingt als aufdringliche Menschen bekannt, sondern eher scheu. Das ist für das weibliche Publikum in einer Bar am Wochenende sehr angenehm.”

“Nicht jedes Land hat ein Recht auf seine DreamHack

Dennoch zeigen sich alle Player in der E-Sport-Szene zuversichtlich, denn das Potenzial sei groß. “Man muss nachhaltig arbeiten. Wenn man etwas aufbaut, darf man nicht gleich wieder aufhören. Das dauert einfach. Ich halte es nicht für unmöglich, Stadien zu füllen, vielleicht in fünf Jahren”, so Tondl. Diesen Eindruck bestätigt auch Trau. “Jeder, der eine Location hat, weiß, wie wichtig es ist, am Ball zu bleiben. Hin und wieder möchte jemand eine große LAN-Party veranstalten und im nächsten Jahr gibt es ihn schon nicht mehr.”

© Bild: Kurier / Gilbert Novy

Ein Erfolgsbeispiel für diese Hartnäckigkeit kommt aus Schweden. Die DreamHack, die nach eigenen Angaben größte LAN-Party der Welt, hat sich von einer Schulveranstaltung mit 40 Teilnehmern zu einer Festival-ähnlichen Event-Reihe mit über 20.000 Gamern entwickelt. “Da waren eben die richtigen Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Nicht jedes Land hat ein Recht auf seine DreamHack”, sagt “Respawn”-Gründer Tondl. Er würde sich aber dennoch mehr Konkurrenz wünschen, da die gesamte Branche davon profitieren würde: “Ich sehe da keine Grenzen. Es ist so ähnlich, als würde man fragen, wie viele Cafes verträgt Wien? Jeder hat dann das, was ihm gefällt.”
 

Dieser Artikel ist im Rahmen einer Kooperation zwischen UPC und futurezone entstanden. Mehr Infos zu E-Sport findet sich auch auf der neuen UPC-Plattform eSports.at