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© Sound Solutions Austria

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Wiener Firma macht Smartphone-Displays zu Stereolautsprechern

In den vergangenen Jahren haben Displays einen immer größeren Anteil der Vorderseiten von Smartphones eingenommen. Obwohl es meist noch Aussparungen für eine Selfie-Kamera gibt, ist das Ideal für viele Handyhersteller eine Front, die ausschließlich vom Display eingenommen wird. Außerdem wollen sie am Gehäuse möglichst wenige Löcher, wie jene für Lautsprecher, damit das Geräteinnere frei von Wasser und Staub bleibt. Eine Entwicklung aus Wien könnte nun einen Beitrag leisten, um diesem Ideal näher zu kommen.

Bildschirm als Membran

Der "Singing Display Actuator" oder  kurz SiDiAc kann Displays zu Stereolautsprechern machen. Die Firma Sound Solutions Austria bringt damit eine Weltneuheit auf den Mobilgerätemarkt. "Durch seine kompakte Bauform und Stereosound ermöglicht SiDiAc Smartphone- und Tabletherstellern besonders platzsparende Gerätedesigns mit verbesserter Soundqualität", meint Mario Spiegl, Geschäftsführer des Wiener Standortes, zur futurezone.

Herkömmliche Lautsprecher verwenden eine Membran, die mittels Elektrodynamik in Schwingung versetzt wird, um Schallwellen zu erzeugen. Ein Aktuator ist ebenfalls ein elektrodynamischer Wandler, mit dem Unterschied, dass das ganze Display als Membran fungiert. Das funktioniert besser mit Displays in der OLED-Bauweise, da der Schichtaufbau von LCDs weniger geeignet ist.

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SiDiAc im Größenvergleich mit einem 3,5 mm Klinkenstecker

Besser als Mono

Bei einigen Smartphone-Modellen sind Aktuatoren bereits im Einsatz. Bisher können sie allerdings nur eine mäßige Lautstärke erzeugen. Das reicht für das Telefonieren mit Handy am Ohr aus, für das Freisprechen und die Musikwiedergabe sind sie aber ungeeignet. Die Telefone sind auch auf Mono-Audio beschränkt. 

Mit SiDiAc-Technologie hört sich der Sound hingegen ganz anders an, wie bei einem Besuch bei Sound Solutions in Wien-Favoriten demonstriert wird. Der Aktuator kann entweder in Kombination mit einem Lautsprecher (meist an der Unterkante von Smartphones) oder mit weiteren Aktuatoren eingesetzt werden, um einen Stereosound mit relativ hoher Lautstärke und klarem Klang zu erzeugen. "Auch Klaviermusik, die mit Mikrolautsprechern oft etwas eigenartig klingt, kann SiDiAc ausgezeichnet wiedergeben", meint Akustikspezialist Mario Schwarz.

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Kleiner und kühler

Eine große Herausforderung bei der Entwicklung des Aktuators war, ihn möglichst platzsparend zu gestalten. Außerdem galt es, den Energieverbrauch möglichst gering zu halten und die Hitzeentwicklung unter Kontrolle zu halten. "Unsere Entwicklung ist in all dem effizienter als alles, was es bisher am Markt gibt", meint Spiegl.

Eine Frage, die von vielen Faktoren abhängt, ist die Platzierung im Gerät. Für die Wiedergabe von Bässen wäre etwa eine Montage unter dem Mittelpunkt des Displays vorteilhaft. An der Stelle ist der Platz hinter dem Display bei Smartphones üblicherweise dem Akku vorbehalten. Bei Tablets gibt es mehr Gestaltungsfreiheit. Im Labor wurde ein Tablet etwa testweise mit sechs Aktuatoren ausgestattet, vier an den Rändern, zwei im Zentrum.

Spiegl: "Wir bestimmen nicht, wo der Aktuator hinkommt, wir zeigen unseren Kunden aber auf, welche Möglichkeiten es gibt." Ein weiterer Vorteil, den diese Entwicklung mit sich bringt, ist das zusätzliche haptische Feedback beim Tippen auf das Touch-Display - also sanfte Vibrationen, die den Druck auf physische Tasten simulieren sollen.

Geschäftsführer Mario Spiegl (vorne rechts) mit Mitarbeitern bei Sound Solutions Austria

Wechselhafte Geschichte

Sound Solutions Austria ist bereits in Gesprächen mit Smartphone- und Tabletherstellern, die SiDiAc in kommenden Modellen einsetzen wollen. Der chinesische Mutterkonzern Sound Solutions International zählt die größten Namen der Branche zu seiner Kundschaft. Bei der Entwicklung neuer Technologien setzt er auf die Erfahrung der Wiener Tochter. Die Firma wurde einst als Lautsprechersparte von Philips ausgegliedert und wechselte dann mehrmals den Besitzer. Seit 2016 zählt sie zu Sound Solutions International und firmiert unter dem aktuellen Namen. Im Jahr 2020 wurde eine Partnerschaft mit Foxconn Interconnect Technology (FIT) geschlossen. FIT gehört zum Foxconn-Konzern, dem weltgrößten Smartphone-Fertigungsbetrieb.

Seine Blütezeit erlebte das Unternehmen Sound Solutions Ende der 2000er-Jahre, als es Nokia belieferte und in Wien eine Million Lautsprecher pro Tag produziert wurden. Der Niedergang des finnischen Handyriesen ließ auch das Geschäft von Sound Solutions (damals Teil des weltgrößten Mikrofon-Herstellers Knowles) einbrechen. Seit einigen Jahren geht es aber wieder bergauf. Das Unternehmen hat sich mit seinen Komponenten für Smartphones, Tablets und Laptops (speziell im Ober- und Mittelklassesegment) etabliert und zählt in diesem Bereich zu den Technologieführern. Produziert wird beim Mutterkonzern in China. Am Entwicklungsstandort Wien arbeiten derzeit 77 Angestellte, weitere Fachkräfte werden intensiv gesucht.

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David Kotrba

Ich beschäftige mich großteils mit den Themen Mobilität, Klimawandel, Energie, Raumfahrt und Astronomie. Hie und da geht es aber auch in eine ganz andere Richtung.

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