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Digital Life
02/07/2020

139 Kilometer: "E-Autos brauchen keine hohe Reichweite"

Der SUV-Trend setzt sich bei Elektroautos fort. Das deutsche Unternehmen e.GO Mobile vermarktet einen Gegenentwurf.

von David Kotrba

Jeder dritte Österreicher, der heute ein Auto kauft, greift zu einem SUV. Die großen Fahrzeuge im Geländewagen-Look sind beliebt, weil sie Kraft, Sicherheit und Vielseitigkeit vermitteln. Außerdem wäre da noch die oft genannte hohe Sitzposition. Was Käufer gerne ausblenden ist der hohe Energieverbrauch – das gilt für fossil wie elektrisch betriebene SUVs, auch wenn letztere über ihre gesamte Lebenszeit doch deutlich emissionsärmer sind.

Die hohen und breiten Fahrzeuge wiegen viel, erzeugen viel Luftwiderstand und benötigen mehr Motorleistung, um diesen zu überwinden. Dennoch setzen viele Autohersteller, die in die Elektromobilität einsteigen, auf die sichere (und einträgliche) Karte SUV. Beispiele dafür: Audi e-tron, Jaguar I-Pace oder Volvo XC40 Recharge. Es gibt aber Unternehmen, die versuchen, den motorisierten Individualverkehr auf nachhaltigere Art weiterzuentwickeln.

Uni-Projekt

Ein positives Beispiel ist e.GO Mobile. Begonnen hat es mit Bemühungen der Technik-Universität RWTH Aachen, gemeinsam mit 80 Partnern ein günstiges Elektroauto für den Kurzstreckenverkehr zu entwickeln. Daraus hervorgegangen ist der StreetScooter. Der Elektrotransporter soll zukünftig die gesamte Flotte der deutschen Post (70.000 Fahrzeuge) ersetzen. Nachdem StreetScooter 2014 an die deutsche Post verkauft wurde, gründete der RWTH-Professor Günter Schuh mit e.GO Mobile ein Spin-Off-Unternehmen, das die gesammelte Elektroauto-Expertise weiter nutzt.

Hauptprodukt des Unternehmens ist der e.GO Life. Es ist ein zweitüriger, viersitziger Kleinwagen mit einem 21,5-Kilowattstunden-Akku, einem 57-kW-Elektromotor (77 PS) und 1,2 Tonnen Leergewicht. Seine Reichweite ist moderat (Stadt: 203 km, Stadt-Land: 139 km) und eine Schnellladeoption fehlt – mit Absicht."Viele Menschen glauben, ein gutes Elektroauto ist nur eines mit einer hohen Reichweite. Am Ende ist das Fahrzeug aber erst recht so groß und schwer wie ein Verbrenner", sagt Matthias Kreimeier von e.GO Mobile, der zuletzt beim Fachkongress Vernetzte Mobilität in Wien zu Gast war. "Für die meisten Wege braucht man keine hohe Reichweite."

Großes Interesse

Die Statistik gibt Kreimeier Recht. Nur sechs Prozent aller Autofahrten in Österreich sind länger als 50 Kilometer. Mit der Reichweite des e.GO Life sollte der Großteil der Bevölkerung also im Alltag locker auskommen. Die Anschaffungskosten sind im Vergleich mit anderen Elektroautos günstig. Die Basisversion des e.GO Life kommt auf 21.900 Euro. Der Hersteller scheint mit seinem Konzept dennoch wirtschaftlich erfolgreich zu sein. "Wir bekommen vor allem viele Anfragen von Flottenkunden, etwa Pflegediensten, Essenslieferdiensten oder Carsharing-Anbietern", sagt Kreimeier. Die Fabrik in Aachen wurde stark erweitert. Die Mitarbeiteranzahl stieg von 2015 bis 2020 von 20 auf über 500.

Auch an der langfristigen Zukunft wird getüftelt, etwa in Form des e.GO Mover. Der kleine Elektrobus für 15 Personen soll künftig die Funktion von privaten Pkw als Zubringer zur Bahn oder anderen öffentlichen Verkehrsmitteln übernehmen. Zu Beginn soll ein Fahrer an Steuer sitzen, später soll der Mover vollautomatisch fahren.

Anreize schaffen

Bei der Entwicklung kleiner, effizienter Elektroautos ist e.GO Mobile freilich nicht allein. Ein weiteres Beispiel ist etwa das Fahrzeug ACM Mobility aus Bayern, das mit 3 Sitzen und 650 Kilogramm Gewicht noch kompakter ist. Auch etablierte Autohersteller konstruieren nicht ausschließlich große E-Autos. Beispiele: BMW i3, Honda e, Opel Corsa-e, Renault Zoe, Smart EQ, VW e-Up.

Um kleinen Elektroautos eine Chance am Markt zu geben, müsse man mehr Anreize dafür schaffen, meint Heimo Aichmaier von Smart Mobility Power, der Unternehmen bei E-Mobilität berät. "Saubere Mobilität muss sich auszahlen", laute die Botschaft an die Regierung.

Sorgenkind Verkehrssektor

Laut dem aktuellen Umweltkontrollbericht des Umweltbundesamtes war von 2005 bis 2014 ein insgesamt rückläufiger Trend der gesamten Treibhausgas-Emissionen in Österreich zu beobachten. Seit 2015 steigt der Ausstoß von Gasen, die die Erderwärmung fördern, wieder an. Einer der Hauptverursacher ist der Verkehrssektor. Auf ihn entfallen 23,7 Prozent der gesamten Emissionen des Landes. Der Anteil ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsen. Sowohl Personen- als auch Güterverkehr in Österreich sind stark vom individuellen motorisierten Transport geprägt.

Allgemeinheit bezahlt

"Infrastrukturelle und fiskalische Rahmenbedingungen stärken das System", heißt es im Bericht. Im Klartext: Die staatliche Unterstützung für Treibstoffpreise, niedrige Steuern und ein wachsendes Straßennetz nutzen Autofahrern, während die Allgemeinheit für die Auswirkungen des Straßenverkehrs bezahlt.

Durch den technischen Fortschritt werden Fahrzeuge eigentlich immer effizienter beim Treibstoffverbrauch. Der Fortschritt wird aber unter anderem durch den "Trend zu größeren und stärkeren Fahrzeugen" zunichte gemacht.

"Um die Klimaziele zu erreichen müsste 2020 eigentlich jedes zweite verkaufte Fahrzeug ein Steckerfahrzeug sein", sagt Heimo Aichmaier. Gemeint sind Elektroautos oder Plug-In-Hybride. In der Praxis werde diese Menge nicht ansatzweise erreicht. Der Staat müsste laut Aichmaier eigentlich entschlossen gegensteuern. U.a. müssten Gesetze novelliert werden, die es äußerst kompliziert machen, Ladestellen zu errichten, und zwar nicht nur in privaten, sondern auch in Mehrparteienhäusern.

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