Digital Life
22.09.2018

Big Brother am Handgelenk: Fluch und Segen der Gesundheitshelfer

Die ersten Versicherungen beginnen, ihre Tarife an heikle Gesundheitsdaten zu koppeln. Datenschützer sind besorgt.

Der gläserne Patient ist keine düstere Zukunftsvision mehr, sondern spätestens jetzt Realität. Denn diese Woche gab das US-Versicherungsunternehmen John Hancock bekannt, dass man Lebensversicherungen nur noch „interaktive" Versicherungen anbieten werde – also welche, bei denen die Versicherten ihre Fitness- und Gesundheitsdaten über Smartphones und Wearables wie ein Fitnessband oder eine Smartwatch tracken. Damit sammeln die Kunden Punkte, für die sie im Gegenzug ermäßigte Versicherungsprämien zahlen oder in diversen Geschäften oder Hotels Rabatte bekommen.

Optional hat die Versicherung diesen Dienst schon seit 2015 angeboten. Betont wird dabei, dass die Methodik zu einem deutlich gesünderen Lebensstil beiträgt, zum Beispiel gehen die Versicherten doppelt so viele Schritte wie ein Durchschnittsamerikaner. Zugleich melden sich aber Datenschützer zu Wort, welche die dystopische Vision Realität werden sehen, bei der mit Überwachungstechnologien jene Menschen diskriminiert werden, die sich nicht zu einer medizinischen Optimierung ihres Lebensstils überreden lassen wollen. Marianne Harrison, CEO von John Hancock, widerspricht diesen Bedenken: Erstens habe man ohnehin schon Erfahrung mit relevanten Finanz- und Gesundheitsdaten und lege daher viel Wert auf Datenschutz. Zweitens entscheide der Kunde selbst, welche Daten er mit der Versicherung teilt.

Schleichender Prozess

Dass die Entwicklung dennoch bedenklich ist, skizzierte zuletzt der Soziologe Stefan Selke im Gespräch mit dem KURIER. Derzeit würden Menschen zwar noch belohnt, wenn sie ihre Gesundheitsdaten aufzeichnen. „Aber wenn sich diese Systeme verbreiten, werden wir auch die Schattenseiten kennen lernen, nämlich, dass Leute bestraft werden, die solche Systeme nicht nutzen", sagt Selke.

Diesen Wandel spüre man nicht sofort, sondern er finde schleichend statt: „Wenn es sich verbreitet, wird es  von einer Generation auf die andere einen spürbaren Effekt haben", sagt Selke: „Das ist ein Prozess, der zehn oder 20 Jahre braucht." In Zukunft werde es  normal sein, Transparenz in allen Lebensbereichen zu erzeugen.

Zurückhaltung in Österreich

Nicht sonderlich spürbar ist dieser Wandel jedenfalls bei den heimischen Versicherungen. So heißt es etwa von der Wiener Städtischen, dass man keine Versicherungen in Kombination mit Tracking anbiete und dies auch in naher Zukunft nicht plane. Ähnlich ist die Situation bei der Merkur-Versicherung: „Ich sehe die Verwendung von Fitness- und Gesundheitsdaten sehr kritisch“, sagt Gerald Kogler, Generaldirektor der Merkur-Versicherung. Einerseits aus datenschutzrechtlichen Gründen. Und er zweifelt ihre Relevanz an – sowie ihre Überprüfbarkeit: „Wie kontrolliere ich, dass wirklich Sie die angegebene Schrittzahl absolviert haben? Ich halte das eher für einen Werbegag, bei uns ist nichts dergleichen geplant.“

Andere private und gesetzliche Versicherungen setzen zwar nicht auf Tracking über spezifische Gadgets, koppeln die Motivation der Versicherten zu einem gesunden Lebensstil aber an finanzielle Anreize. Die SVA (Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft)  bietet in ihrem Programm „Selbstständig Gesund“ einen halben Selbstbehalt an, wenn mit dem Arzt vereinbarte Gesundheitsziele (in den Bereichen Blutdruck, Gewicht, Bewegung, Tabak, Alkohol) erreicht werden. „Die Überprüfung erfolgt aber nur im Zuge eines ärztlichen Gesprächs, einer klinischen Untersuchung und eines Fragebogens“, sagt  Karin Nakhai von der SVA. Und wenn man in einer „Bewegungsbox“ Versicherten auch Schrittzähler übergebe, dann nur zur persönliche Motivation“. Geplant sei aber, Wearables für die Telerehabilitation auf freiwilliger Basis einzusetzen – wenn Patienten nach einem stationären Aufenthalt ambulant weitertrainieren. „Wir überlegen Einsatzmöglichkeiten von Wearables auch für Präventionsmaßnahmen - ebenfalls auf freiwilliger Basis“, heißt es von der SVA.

Bei der Uniqa wiederum können sich die Versicherten im Rahmen des „FitnessBonus" bis zu 200 Euro Krankenversicherungsprämie pro Jahr sparen, indem sie von einem externen Sport- oder Allgemeinmediziner bescheinigen lassen, dass sie gewisse Kriterien rund um zum Beispiel EKG, Wirbelsäule, Beweglichkeit und Körperfett erfüllen. Die Versicherung betont, dass sie selbst keinen Zugriff auf die detaillierten Daten der Versicherten hat, sondern vom Arzt nur eine Kennzahl bekommt, die sich aus den einzelnen Faktoren zusammensetzt. Zugleich heißt es von der Versicherung, dass man in naher Zukunft neue Angebote dieser Art präsentieren werde - ob diese auch mit Trackern und dem Sammeln von Daten zu tun haben werden, darüber hält man sich bei der Uniqa noch bedeckt.

Einen Schritt weiter ist hier jedenfalls die AOK in Deutschland, bei der mit der „AOK Bonus-App" Daten an die Versicherung vermittelt werden und der Versicherte dadurch Vorteile erhält. Auch die zurückgelegten Schritte, die  per App getrackt werden, fließen in die Bewertung ein - wobei auch die AOK betont, dass keine Fitness- oder Vitaldaten an die AOK übertragen werden.

Dass wiederum Patienten von den neuen Technologien profitieren können, zeigt unter anderem das Beispiel von Peter P. Hopfinger von „Diabetes Austria -Initiative Soforthilfe für Menschen mit Diabetes“. Er misst seinen Glucosewert mit einem Sensor, der am Oberarm platziert wird. Hält er ein Lesegerät oder sein Smartphone an den Sensor, wird der aktuelle Wert gespeichert. „Ich messe jetzt 15 bis 19 mal am Tag, gestochen habe ich mich früher maximal sechs Mal am Tag.“ Die häufigeren Messungen helfen ihm und den Ärzten, die Insulinmengen über den Tagesverlauf besser abzustimmen.