Digital Life
15.05.2018

Flugtaxis in Europa: Großes Potenzial, aber keine Starterlaubnis

Flugtaxi des französischen Start-ups Electric Visionary Aircraft © Bild: Electric Visionary Aircraft

Europa sollte sich mit der Erstellung eines gesetzlichen Rahmenwerkes nicht zu viel Zeit lassen.

Autonom fliegende, senkrecht startende, elektrisch angetriebene Flugtaxis für eine Handvoll Passagiere liegen voll im Trend. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass neue Pläne zu derartigen Luftfahrzeugen auftauchen. An dem Thema sind nicht nur etablierte Flugzeughersteller dran. Zuletzt hat etwa der Fahrtendienst Uber eine ganze Konferenz rund um Flugtaxis organisiert. Viele Start-ups wittern auf dem Gebiet ebenfalls eine Chance. Im Rahmen der Veranstaltung DC Mobility im Wiener Start-up-Zentrum weXelerate stellte etwa das junge französische Unternehmen Electric Visionary Aircraft (EVA) seine Version eines Lufttaxis vor.

Produktivität statt Stau

Das EVA X01 genannte Fluggerät sieht wie eine futuristische Mischung aus Flugzeug und Multikopter-Drohne aus. Es soll zwei Passagiere mit maximal 300 km/h bis zu 250 Kilometer weit transportieren können. Angetrieben wird es von Elektromotoren. Mit Hilfe von Radar, Lidar und 12 Kameras soll EVA X01 seine Umgebung umfassend wahrnehmen, um selbstständig sicher zu navigieren. Die Motivation, das Flugtaxi zu entwickeln, ist für EVA-CEO Olivier Lelann: "Staus sind ein großes Problem. In Großstädten dauert es oft Stunden, um durch die Straßen zu kommen. Man verliert viel Zeit und Geld dadurch. Die Wirtschaftsleistung könnte erhöht werden, wenn Staus einfach umgangen werden."

Die meisten anderen Lufttaxi-Entwickler bringen genau dasselbe Argument vor. Genauso wie alle anderen ist das französische Start-up überzeugt, eine absolut sichere Lösung anbieten zu können. Lelann: "Autonom fliegen ist einfacher als autonom fahren." Der erste Prototyp des EVA X01 soll im Dezember 2018 abheben. Wie Lelann anmerkt, ist die Konkurrenz groß. Er erwähnt etwa die deutschen Unternehmen Lilium und Volocopter, die ebenfalls an Flugtaxis basteln.

Vertrauensfrage

Eine kleine Umfrage im Publikum während der an Lelanns Vortrag anschließenden Diskussionsrunde ergibt, dass derzeit nur wenige bereit wären, ein autonomes Flugtaxi zu besteigen, um damit beispielsweise von der Wiener Innenstadt bis zum Flughafen zu reisen. "Das ist der Grund, warum autonome Luftfahrzeuge noch nicht so verbreitet sind: Zuverlässigkeit", meint Chris Day, CTO des österreichischen Drohnenherstellers Schiebel. Laut Day ließe sich derzeit nur unzureichend überprüfen, ob autonome Flugtaxis in der Praxis sicher sind. "Das ist eines der größten Probleme des vollautonomen Passagiertransports."

Flexibilität

Dass Flugtaxis kommen werden, ist für Robert Machtlinger, CEO des oberösterreichischen Luftfahrtzulieferers FACC, keine Frage: "In größeren Städten gibt es einen Bedarf an schnellem, leistbarem Transport. Flugtaxis werden Teil der zukünftigen Mobilität." Sein Unternehmen werde von dem Trend profitieren, ist Machtlinger überzeugt. FACC ist auf Flugzeugbauteile aus leichtem Kunststoff spezialisiert. "Am Beispiel des wenig gefragten Airbus A380 sieht man, dass es eine Grenze bei der Rentabilität eines Transports so vieler Menschen gibt. Das ist das Gegenteil von Flexibilität." In Zukunft sollen eher Transporte zwischen einer Vielzahl an Destinationen, dafür aber mit weniger Passagieren, erfolgreich sein. Eine große Herausforderung ist dabei die Verknüpfung der Verkehrsmittel. Flugtaxis könnten hier ein zusätzliches Angebot darstellen.

Regulierung als Hürde

Das autonome Fliegen über dicht besiedeltem Gebiet ist heute aus regulatorischer Sicht noch undenkbar. Hier eine Veränderung zu bewirken, wird viel Zeit in Anspruch nehmen, darüber sind sich die Diskussionsteilnehmer einig. Lelann: "Die Zertifizierung ist die schwierigste Hürde." Derzeit fehle es laut dem Flugtaxi-Entwickler meist noch an einer gesetzlichen Definition. "Es gibt Flugzeuge, Helikopter und Drohnen, aber keine VTOL-Fluggeräte (vertical take-off and landing) für Passagiere. Europa braucht dringend Regeln für Flugtaxis."

In Dubai wurde bereits im vergangenen Jahr ein Testbetrieb für Flugtaxis gestartet. Viele Flugtaxi-Entwickler schätzen diese Möglichkeit sehr. Lelann: "Dubai ist ein beliebter Testort, weil der lokale Scheich Flugtaxis super findet und Taxis auf der Straße künftig teilweise dadurch ersetzen will. Wenn wir in Europa zu lange mit Regulationen warten, werden wir von anderen Regionen überholt." Auch FACC-Chef Machtlinger plädiert dafür, schnell gesetzliche Rahmenbedingungen für den Bereich Lufttaxis zu schaffen. "Wir müssen da am Ball bleiben. Der Bereich ist interessant. Für österreichische Unternehmen ist es wichtig, innovativ zu bleiben und neue Technologien bereitzustellen."

Schiebel hat in der Vergangenheit gute Erfahrungen mit dem Staat als Innovationstreiber gemacht, schildert Schiebel-Cheftechniker Chris Day: "Die Regulatoren in Österreich haben uns sehr unterstützt. Das ist ein großer Vorteil, den viele andere Länder nicht haben. Ich glaube fest daran, dass Österreich auch ein Treiber am Flugtaxi-Markt sein kann."

Zeitpunkt

Wann autonome Flugtaxis genau ihren Betrieb aufnehmen könnten, dazu gibt es ganz unterschiedliche Einschätzungen. Uber-Chef Dara Khosrowshahi meinte Anfang des Jahres, dass sie innerhalb der nächsten zehn Jahre kommen werden. FACC-Chef Machtlinger ist etwas vorsichtiger: "In den nächsten zehn bis zwanzig Jahren wird der Luftfahrtbereich wahrscheinlich ähnlich wie jetzt bleiben, aber danach kommen große Umwälzungen." Chris Day rechnet damit, dass die Technologien für bemannte und unbemannte Luftfahrt in den kommenden Jahren schrittweise zusammenwachsen werden. Zunächst werde sich jedoch der unbemannte Warentransport am Luftweg durchsetzen, erst dann Flugtaxis. Day ist überzeugt: "Bevor wir vollautonome Fahrzeuge auf der Straße sehen, werden wir vollautonome Frachtflugzeuge sehen."

Nutzer

Dass Flugtaxis nur eine Angelegenheit für besonders wohlhabende Nutzer sein werden, wird von vielen Entwicklern vehement bestritten. Zuletzt meinte etwa Alexander Zosel, Mitbegründer des deutschen Flugtaxi-Start-ups Volocopter, im futurezone-Interview: "Es wird ein Service sein, der für jeden verfügbar sein soll, nicht nur für Reiche." Olivier Lelann sieht die Sache ein wenig anders: "Flugtaxis werden anfänglich nur für die 'oberen Zehntausend' sein, jene Leute, die schnell pünktlich irgendwo sein wollen. 100 Prozent der Menschen werden nie mit Flugtaxis versorgt werden."

Die Sorge, wonach Menschen auf der Flucht vor Staus den Himmel als Verkehrsweg erschließen und sich dort erst recht dichtes Gedränge entwickelt, sieht keiner der Diskussionsteilnehmer. Lelann weist darauf hin, dass man sich im Luftraum im Gegensatz zum Landtransport stets auf vielen Ebenen bewegen könne. Chris Day sieht ebensowenig Staugefahr: "Es wird niemals so viele Flugzeuge in der Luft wie Fahrzeuge am Boden geben."