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Digital Life

Die Kinder-Influencer: Zwischen Spaß und Kinderarbeit

Wer sich eine große Followerschaft auf Social-Media-Plattformen wie Instagram aufgebaut hat, wird schnell die Möglichkeit bekommen, daraus Profit zu schlagen. Firmen bieten Produkte und Prämien, dafür bieten die Influencer*innen Reichweite. In persönlichen Texten, Bildern und Videos teilen sie den Fans mit, warum sie ein Produkt bewerben. Das Posting wird von professionellen Blogger*innen auch entsprechend als Werbung gekennzeichnet. Das ist für manche zum Vollzeitjob geworden. 

Aber was, wenn diese Arbeit von Kindern gemacht wird? Denn statt sich selbst fotografieren viele Eltern ihre Kinder für das Werbeposting oder 7-Jährige stehen für YouTube-Videos vor der Kamera. Sie verlinken die Firma, deren Windel das Kind trägt, die Kinder halten ein Sortiment an Pflegeprodukten in die Kamera oder spielen mit beworbenem Spielzeug. Und hier stellt sich die Frage: Ist das Kinderarbeit?

Zwischen Spaß und Arbeit

"Wenn ein Mensch eine wirtschaftliche Tätigkeit ausübt, also mit seinem Tun Geld generiert, ist das Arbeit. Und wenn ein Kind das tut, ist es Kinderarbeit", sagt die Aktivistin Toyah Diebel, die sich für Kinderrechte in sozialen Medien stark macht. Für sie gibt es keine 2 Meinungen bei diesem Thema. Denn bei Ausnahmeregelungen, etwa bei professionellen Werbeshootings, müssen klare Regeln befolgt werden. Eine Aufsicht durch Dritte gibt es bei Influencer*innen oft nicht, die Shootings finden im privaten Raum statt.

Toyah Diebel engagiert sich gegen digitale Kinderarbeit - unter anderem mit der Kampagne #DeinKindauchNicht

Viele Eltern sehen das anders. "Ich verstehe nicht, warum man immer so kritisiert wird wenn man das Kind vor die Kamera stellt! Es tut ja nicht weh oder schadet dem Kind nicht solange es nicht bloßgestellt wird", sagt Larisa. Sie zeigt ihre Familie auf Instagram. Einige ihrer Bilder sind Werbe-Postings. Die Shootings seien mit Spaß und Freude verbunden, erklärt sie der futurezone. "Es gibt Kinder, die strahlen sobald die Kamera auf sie gerichtet ist", so die Mutter. 

Für die Kamera "abgerichtet"

Barbara Buchegger von der Initiative saferinternet.at kennt es, wenn Kinder wie Profis in die Kamera strahlen. Allerdings sieht sie hier ein Problem: "Kinder werden sozusagen abgerichtet. Sie werden daran gewöhnt, dass permanent eine Kamera auftauchen kann und sie dazu genötigt werden, freundlich zu grinsen, zu posen und zu modeln. Dann lernen die kleinen Babys, dass das vollkommen okay ist und fotografieren dann als Jugendliche und Erwachsene auch andere ungefragt, weil das für sie normal ist."

Sie erzählt im futurezone-Gespräch von den Eltern eines 2-jährigen Kindes, die immer dann das Handy zücken, wenn sie sich nicht mehr zu helfen wissen. Sobald das Kind die Kamera sieht, ist die Trotzphase vergessen und ein freundliches Lächeln wird aufgesetzt. 

Keine Regelung in Österreich

Ein nicht unwesentlicher Faktor ist auch die Produktionszeit. Wer schon jemals im Leben etwas auf einer Social-Media-Plattform gepostet hat, weiß dass selten das erste Foto dort landet. Je nach Motiv und wie professionell man arbeitet, dauert es eine Zeit, bis das perfekte Bild geschossen wurde. Natürlich sieht man den Fotos nicht an, wie lange das Shooting gedauert hat und nicht immer ist man stundenlang damit beschäftigt. "Man macht Pausen, man spielt mit den Kindern. Es soll ja alles authentisch sein und nicht erzwungen. Ein Abendessen vorzubereiten nimmt mir mehr Zeit als ein Shooting", sagt Larisa. 

Das Gesetz zur Kinderarbeit ist in Österreich von 1987 und enthält daher wenig überraschend keine Regelungen für Influencer*innen. Laut Christine Winkler-Kirchberger von der Kinder- und Jugendanwaltschaft Oberösterreich wäre am ehesten die Regelung für Film- und Werbedreharbeiten relevant. Hier muss die zuständige Bezirksverwaltungsbehörde genehmigen, dass Kinder am Dreh teilnehmen. Das passiert unter bestimmten Auflagen, die Arbeitsdauer und Arbeitszeitpunkt betreffen. 

Recht auf Schutz vor Ausbeutung

"Videos und Fotos von Kinderinfluencern sind begehrt. Die Kinder haben ein Recht auf Schutz vor Ausbeutung, insbesondere bei sehr jungen Kindern", sagt Winkler-Kirchberger. Deshalb will sie, auch aufgrund der Recherche dieses Artikels, nun im Herbst erwirken, dass das Thema einen gesetzlichen Rahmen erhält. Hier müssten vor allem Reichweite und Einnahmen eine Rolle dabei spielen um festzulegen, ab wann ein Kind eine Influencer*in ist.

Ein Vorbild ist hier Frankreich. Dort wurde 2020 ein Gesetz verabschiedet, dass die Arbeit von Kindern auf Plattformen wie YouTube, Instagram oder Twitch genau regelt. Alle Influencer-Tätigkeit von Kindern unter 16 Jahren, die Geld einbringen, fallen demnach unter das Kinderarbeitsgesetz. Das schreibt unter anderem vor, dass die Einnahmen auf ein Konto eingezahlt werden müssen, über dass die Kinder erst mit 16 Jahren verfügen können.

Für die eigenen Zwecke missbraucht

Ob die Kinder in den vielen anderen Ländern etwas vom Geld sehen, dass ihre Eltern mit ihnen verdienen, ist wohl sehr unterschiedlich. "In den meisten Fällen fließt das in die Haushaltskasse ein und die Kinder leisten dazu einen Beitrag. Das ist ein Graubereich, aber die Eltern sollten anerkennen, dass das Arbeit ist", sagt Buchegger. Zwar gibt es dafür eine Klausel für die Mitwirkung von Kindern am elterlichen Betrieb in geringfügigen Rahmen, aber auch das gilt erst ab 13 Jahren.

"Eltern müssten sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie ihre Kinder für ihre eigenen finanziellen Zwecke missbrauchen", sagt Buchegger. Dass mit Kindern schlecht umgegangen wird, davon geht aber weder Buchegger noch Diebel aus. "Eltern können das in den Alltag einbetten, ohne dass Kinder Schaden erleiden", sagt Buchegger.

YouTuberin nach Gesetz

Dass es auch anders geht, zeigt Miley’s Welt. Miley ist 11 Jahre alt und ist eine der erfolgreichsten YouTube-Stars Deutschlands. Ihre Familie hat ihre Tätigkeit beim Jugendamt gemeldet und muss dementsprechend strenge Auflagen erfüllen. Geregelt wird hier etwa der Inhalt der Videos, die maximale Arbeitszeit und die Anzahl der Drehtage. Zudem gehören Besuche beim Kinderarzt und bei Psycholog*innen des Jugendamtes dazu. 

Mit diesem Schritt steht die Familie allein auf weiter Flur. Die Meldung beim Jugendamt erfolgte freiwillig. Denn prüfen kann die Behörde die vielen Kinder-Influencer nicht – es fehlen die Kapazitäten.

Im Teil 1 lest ihr, warum Kinderfotos auf Social Media zur Gefahr werden können.

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Franziska Bechtold

frau_grete

Liebt virtuelle Spielewelten, Gadgets, Wissenschaft und den Weltraum. Solange sie nicht selbst ins Weltall kann, flüchtet sie eben in Science Fiction.

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