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Digital Life
02/28/2019

Smartphones versetzen unser Hirn in ständigen Alarmzustand

„Es ist so, als würden wir die Haustüre ständig offenlassen", sagt die Expertin. Ein digitales Fasten würde aber auch nichts bringen.

Das Smartphone ist für viele Menschen mittlerweile mehr als nur Handy, Kamera und PC-Ersatz - es ist oftmals der Lebensmittelpunkt. Einer Studie zufolge greifen 29 Prozent der Österreicher nach dem Aufwachen gleich zum Smartphone. Nach dem Aufstehen verwenden es bereits 42 Prozent der Österreicher. Da verwundert es kaum, dass man hierzulande täglich 3,4 Stunden vor dem Smartphone verbringt, mehr als in den USA (3,3 Stunden).

Wer sein Büro in der Hosentasche trägt, sollte theoretisch auch produktiver sein. Doch immer mehr Menschen klagen über das Gegenteil. Die Konzentration gehe verloren, man fühlt sich von einfachen Aufgaben überwältigt und bereits wenige Minuten Nichtstun lösen Unruhe aus. Für Anastasia Dedyukhina, die mit ihrer Agentur „Consciously Digital“ (Bewusst Digital) den richtigen Umgang mit neuen Technologien lehren will, seien das typische Symptome unserer Zeit.

Dauerhafter Alarmzustand

„Technologie, die uns eigentlich dabei helfen sollte, Zeit zu sparen, frisst jetzt unsere Arbeitszeit auf“, sagt Dedyukhina. Smartphones würden unser Hirn in ständige Alarmbereitschaft versetzen: „Es ist so, als würden wir die Haustüre ständig offenlassen.“ Diesen Eindruck bestätigten US-Forscher 2017. Laut einer Studie mindert bereits die Anwesenheit eines Smartphones unsere kognitiven Fähigkeiten. 520 Studenten wurden dabei gebeten, Matheaufgaben zu erledigen, die ihre Aufmerksamkeit und Problemlösungsfähigkeiten erforderten. Eine Gruppe durfte ihre Smartphones bei sich tragen, eine zweite Gruppe musste diese auf einem Tisch in der Nähe ablegen und die dritte Gruppe ließ sie in einem anderen Raum zurück.

Wenn sich das Smartphone in einem anderen Raum befand, wurden die besten Ergebnisse erzielt. Die Leistung ließ am stärksten nach, wenn das Smartphone auf dem Tisch lag. Dabei machte es nicht einmal einen Unterschied, ob das Smartphone umgedreht oder abgeschaltet war. Der Leistungsverlust war zwar gering, aber statistisch signifikant und vergleichbar mit den Effekten von Schlafmangel.

Couple, bed, smartphone, addicted concept. Hand drawn isolated vector.

Druck für IT-Konzerne

Studien wie diese setzen vor allem die Technologie-Konzerne unter Druck. Man habe die Büchse der Pandora geöffnet, jetzt soll man auch eine Lösung finden, fordern viele Kritiker. Zu den bekanntesten Personen dieser Bewegung zählt der frühere Google-Mitarbeiter Tristan Harris, der 2016 die Non-Profit-Organisation „Time Well Spent“ (sinnvoll verbrachte Zeit) gegründet hat. Er forderte, dass die Unternehmen verstärkt auf das Wohlbefinden ihrer Nutzer achten sollten statt neue Wege zu finden, diese länger an den Bildschirm zu fesseln.

Überraschenderweise reagierten die Konzerne, wohl auch aufgrund drohender Regulierung, Mitgliederschwund und Druck vonseiten der Investoren. Facebook-CEO Mark Zuckerberg kündigte 2018 an, man wolle sichergehen, dass die eigenen Dienste „gut für das Wohlbefinden der Nutzer“ sind und zu „sinnvoll verbrachter Zeit“ führen. Und auch Google und Apple präsentierten Software, die dabei helfen soll, die Smartphone-Nutzung zu überwachen und bei Bedarf einzuschränken.

Ob die Maßnahmen Wirkung zeigen, ist unbekannt. Laut Jens Gorke, Creative Director der Digitalagentur MMC, sei das Ende von Social Media aber noch nicht gekommen, man müsse aber nun stärker um die Aufmerksamkeit der Nutzer kämpfen. „Wir wissen, die Aufmerksamkeitsspanne wird einfach nicht größer, die Menge an Information und der Wettbewerb in der digitalen Kommunikation jedoch schon.“ In Österreich sei zu beobachten, dass viele Facebook-Nutzer zur Tochterplattform Instagram abwandern und der Umgang mit den Plattformen „kontrollierter und selektiver“ erfolgt. Beispielsweise wird Facebook nur noch als reiner Nachrichten-Feed genutzt.

Digitales Fasten

Doch der kontrollierte Umgang scheint vielen Menschen nicht genug zu sein. Neun Prozent der Österreicher geben an, nie auf ihr Smartphone verzichten zu können. Lediglich knapp ein Drittel könnte es mehrere Tage ohne Smartphone aushalten. Wie bei der Ernährung greifen daher viele Menschen zu drastischen Schritten und verzichten für längere Zeit vollständig auf digitale Dienste und Geräte. Mittlerweile werben einige Regionen und Hotels sogar aktiv damit, dass man dort keinen Mobilfunk-Empfang oder WLAN hat, um den Ausstieg zu vereinfachen. Einige bieten sogar eigene „Digital Detox“-Kurse für mehrere hundert Euro an, bei denen man Smartphone und Co. zu Beginn abgibt und lernen soll, wie man ohne es klarkommt. In New York lockt ein Wellness-Hotel sogar mit Rabatten, wenn man das Smartphone für den Aufenthalt einsperren lässt - um sicherzugehen, dass die Gäste tatsächlich entspannen.

Für Experten ist dieses digitale Fasten aber keine nachhaltige Lösung, die zu langfristigen Verhaltensänderungen führt. „Wenn man einmal von etwas abhängig war, ist es sicherer, sich dauerhaft davon fernzuhalten“, sagt Henrietta Bowden-Jones. Die Psychologin gilt als Expertin für Spielsucht und sieht viele Gemeinsamkeiten zwischen der Abhängigkeit von Smartphones und Glücksspiel.

Chef als Vorbild

Auch für Unternehmen wird ein Umdenken gefordert. Mitarbeiter sollen das Recht haben, außerhalb der Arbeitszeit offline und nicht erreichbar zu sein. Einzelne Unternehmen verbieten beispielsweise das Verschicken von E-Mails außerhalb der Dienstzeiten. VWs E-Mail-Server stellen 30 Minuten nach Dienstende keine Nachrichten mehr zu. In Frankreich wurde ein „Recht auf Abschalten“ sogar gesetzlich verankert. Auch Gorke betont, dass bei MMC Mitarbeiter in ihrer Freizeit nicht erreichbar sein müssen.

„Um diesem Problem wirklich nachhaltig zu begegnen, muss man im Alltag anfangen. Und der Alltag der meisten Menschen wird nun mal von der Arbeit bestimmt“, so Gorke. Autumn Krauss, Forscherin bei SAP, bestätigt diese Vorbildrolle von Unternehmen. „Wenn eine Führungsperson, die auf das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter achtet, befördert wird und eine andere Person, die nachts E-Mails schreibt, nicht, dann ist das ein wichtiges Zeichen für die Belegschaft.“

Nutzungsverhalten regulieren

Die wohl effizienteste Methode, die Abhängigkeit von Smartphone oder Tablet zu reduzieren, ohne komplett auf diese zu verzichten, bietet das „digitale Kalorienzählen“. Apps wie Moment (iOS), Quality Time (Android) und Forest (Android, iOS) zeigen dem Nutzer, wie viel Zeit man mit dem Smartphone verbringt. Mit strikten Zeitplänen und spielerischen Ansätzen helfen diese auch dabei, die Bildschirm-Zeit zu verringern. Die aktuellen Versionen von Android (ab Version 9.0) und iOS (ab Version 12) haben ähnliche Funktionen bereits integriert.

Auswahlmöglichkeiten reduzieren

Ein weiteres Problem ist, dass unsere kognitiven Ressourcen durch die Vielzahl an Möglichkeiten oftmals ausgereizt sind. Als Faustregel gilt üblicherweise: Das sogenannte Arbeitgedächtnis kann nicht mehr als neun Inhalte gleichzeitig verarbeiten. Daher sollte man, um eine Aufgabe als bewältigbar ansehen zu können, nicht mehr als neun Auswahlmöglichkeiten haben - seien es nun Tinder-Matches, unbeantwortete E-Mails oder ungelesene Artikel im Pocket-Feed.

Man using his phone in the bed

Kein Smartphone im Schlafzimmer

Wem die Studie, wonach die bloße Anwesenheit eines Smartphones die kognitiven Fähigkeiten reduziert, nicht ausreicht, bekommt einen weiteren wissenschaftlichen Anreiz, sich gelegentlich vom Smartphone zu trennen. Dabei wurden Nutzer gebeten, ihr Smartphone über Nacht in einem anderen Raum als dem Schlafzimmer aufzubewahren. Bereits nach kurzer Zeit waren Verbesserungen in wahrgenommener Zufriedenheit und Lebensqualität festgestellt. Auch die Symptome von Smartphone-Abhängigkeit traten deutlich seltener auf, wenn das Smartphone über Nacht an einem anderen Ort geladen wurde.

Hobbys ohne Smartphone

Sport, Handwerk oder Kulturveranstaltungen (lieber ins Kino oder Theater statt zuhause einen Film zu schauen) zwingen uns dazu, unser Smartphone zur Seite zur legen und können dabei helfen, suchtartiges Verhalten in den Griff zu bekommen.