Ecosia-Gründer Christian Kroll

© Ecosia

Interview
01/31/2020

"Technologie wird beim Klimaschutz oft überschätzt"

Die Öko-Suchmaschine Ecosia pflanzt mit dem Geld, das sie einnimmt, Bäume. Gründer Christian Kroll über Suchmaschinen und Klimawandel.

von Patrick Dax

Mehr als 82 Millionen Bäume haben Nutzer der Suchmaschine Ecosia in den vergangenen 10 Jahren gepflanzt. Die Suchmaschine, die sich im Eigentum einer gemeinnützigen Stiftung befindet und 15 Millionen Nutzer zählt, steckt den Großteil ihrer Einnahmen in Aufforstungsprojekte in der ganzen Welt. "Bäume sind Supermaschinen, um CO2 zu absorbieren", sagt Gründer Christian Kroll. Die futurezone hat ihn in München getroffen und zu seiner Öko-Suchmaschine befragt, die nach eigenen Angaben CO2-negativ ist und deren Server mit Solarenergie betrieben werden. 

futurezone: Ecosia wurde vor 10 Jahren gegründet. Wie hat sich das Bewusstsein für den Klimaschutz in dieser Zeit geändert?
Christian Kroll: Wir sind 2019 um 180 Prozent gewachsen. Es war unser erfolgreichstes Jahr seit der Gründung. Die Leute können heute mehr mit dem Klimawandel anfangen, das Thema ist für viele wichtiger geworden. Dazu haben Greta Thunberg und Fridays for Future natürlich beigetragen. Wir müssen den Leuten auch nicht mehr erklären, dass es wichtig ist, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen.

Mit den Einnahmen aus dem Suchgeschäft pflanzen Sie Bäume. Wie läuft das ab?
Wir pflanzen nicht selber Bäume sondern arbeiten mit lokalen Organisationen weltweit zusammen. Wir haben einen Chief Tree Planting Officer, das hat nicht jedes Unternehmen, der die Projekte auswählt. Die müssen bestimmte Kriterien erfüllen, sie dürfen zum Beispiel keine Monokulturen pflanzen, keinen künstlichen Dünger einsetzen und soziale Standards einhalten. Momentan haben wir etwa 20 Projekte. Wir achten auch darauf, dass sie den Menschen, die in der Region leben, etwas bringen.

Wieviele Suchanfragen braucht es für einen Baum?
Im Schnitt sind das 45. Mit jeder Suche wird rund ein Kilogramm CO2 absorbiert. Ich mache mehrere Dutzend Suchanfragen pro Tag. Wenn man das hochrechnet sind das mehrere Tonnen CO2 pro Jahr und das ist ziemlich viel und es ist relativ einfach zu machen. 

Wie verdienen Sie Geld?
Wir arbeiten mit Microsofts Suchmaschine Bing zusammen. Wir schicken die Suchanfragen zu Microsoft, die schicken die Ergebnisse und Werbeanzeigen zurück. Wir sind zu einem großen Teil an dem Werbeumsatz beteiligt. Wie viel darf ich nicht sagen.

Warum kooperieren Sie nicht mit Google?
Google wollte nicht. Und wenn Google nicht will, bleibt nur Microsoft. Das Schöne ist, das sie ein wirklich toller Partner sind. 

Seit kurzem versehen Sie die Suchergebnisse auch mit Öko-Kennzeichnungen. Kann man so einfach zwischen Gut und Böse unterscheiden?
Nachhaltigkeit ist ein sehr komplexes Thema. Das lässt sich nicht so einfach bestimmen. Wir heben ein paar Unternehmen hervor, von denen wir mit gutem Gewissen sagen können, dass sie besser sind als andere. Das ist nicht perfekt. Wir wollen künftig auch die Reihung der Suchergebnisse beeinflussen. Es wird noch mehr kommen.

Zum Beispiel?
Wir wollen dabei helfen, nachhaltige Entscheidungen zu treffen. Wenn jemand etwa eine Kaffeemaschine kaufen will, wollen wir bei der Auswahl nachhaltiger Produkte helfen. Suchmaschinen werden im Alltag immer bedeutender. Viele Leute treffen auf Basis ihrer Online-Suchen Entscheidungen. Wenn ich in einer fremden Stadt bin und einen Kaffee trinken will, gebe ich Kaffee und den Namen der Stadt in Google Maps ein. Eigentlich sagt mir dann Google, wo ich hingehen soll.

Was unterscheidet Sie von Google?
Google möchte so viel Geld wie möglich machen und so viele Daten wie möglich sammeln. Wir müssen das aufgrund unserer Gesellschaftsform nicht machen. Unser moralisches Ziel ist, dass alle Menschen und Tiere ein gutes Leben haben können. Das ist ein ganz anderes Verständnis einer Suchanfrage.

Sie befinden sich im Eigentum einer Stiftung. Warum?
Wir haben 99 Prozent unserer Anteile an eine Stiftung abgegeben. Dadurch ist es unmöglich, Ecosia zu verkaufen und Gewinn herauszuziehen, das wird blockiert. Wir sind zwar immer noch ein Unternehmen, aber eines, das sich in den Dienst der Gesellschaft stellt. Das ist die Gegenthese zum Turbokapitalismus und in Zeiten, in denen die Wirtschaft entscheidet, wie wir uns als Gesellschaft verhalten, sehr wichtig.

Sie sammeln keine Daten?
Wir speichern die Suchanfragen 4 Tage lang. Das ist notwendig, um uns gegen Angriffe und Spammer wehren zu können. Danach anonymisieren wir komplett. Wir wissen überhaupt nichts über unsere Nutzer, wir erstellen keine Profile und verkaufen auch keine Daten.

Welche Daten bekommt Microsoft?
Wir senden die Suchanfrage an Microsoft und einen Teil der IP-Adresse, damit man weiß, wo sich der Nutzer befindet. Das ist notwendig, damit wir eine gute Antwort bekommen. Microsoft speichert die Daten ebenfalls nur 4 Tage und muss sie dann wieder löschen. 

Was kann Technologie im Kampf gegen den Klimawandel leisten?
Ich glaube, dass Technologie oft überschätzt wird. Erneuerbare Energien, Stromspeicher und Elektroautos sind natürlich super. Wir brauchen sie, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Wenn wir das Problem aber nur mit der Technologiebrille sehen, blenden wir viele Optionen aus. Die Natur hat ganz viele Lösungen für uns. Bäume sind Supermaschinen, um CO2 zu absorbieren. Es gibt momentan nichts Effizienteres.

Die Technologiebranche selber verursacht auch Unmengen an CO2. Sie betreiben ihre Server mit Solarenergie und sind nach eigenen Angaben CO2-negativ. Lernen die anderen von Ihnen?
Jedes Internetunternehmen sollte heute mindestens CO2-neutral sein. Wir sind das zu 200 Prozent. Wenn wir das als kleines Unternehmen schaffen, dann müssen das die Großen auch hinkriegen. Bei vielen steht das aber noch nicht auf der Agenda.

Bemerken Sie ein Umdenken?
Langsam, aber zu langsam. Indem wir zeigen, dass es anders geht, machen wir auch unseren Wettbewerbern Feuer unter dem Hintern. 

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