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Far Cry 6 im Test: Ricky Martin kann die Ubisoft-Formel nicht retten

Dani (rechts) und ihr "Mentor" Juan, der ihr alles über das fröhliche Guerillaleben beibringt

“She'll push and pull you down! Livin' la vida loca!” Dani singt so herzlich falsch mit, als Ricky Martin im Autoradio ertönt, dass ich mich zusammenreißen muss, nicht genauso falsch miteinzustimmen.

So fröhlich gelaunt geht es mit dem Oldtimer über die Straßen von Yara (Ubisofts fiktive Version von Kuba), während ich nichtsahnende Soldaten überfahre. Das Ziel ist eine Militärbasis. Der Auftrag: Fotos machen von politischen Gefangenen die in Käfigen verhungert sind, ein Massengrab mit vergasten Personen in einem See entdecken und grausame Experimenten an lebenden Menschen, die offensichtlich von den Gräueltaten des Nazi-Regimes inspiriert sind, beobachten.

10 Minuten später gibt’s Skydiving, ein Jetski-Rennen durch eine verminte Bucht, eine Drag Show und einen Videodreh mit einem YouTuber, der im Panzerbeschuss posed, über Dreck auf seinen limitierten Kicks jammert und schlussendlich in einer Blutwolke explodiert. Dazu gibt es einen schnippischen Kommentar von Dani und schon kann es weitergehen.

Was Far Cry 6 (ab 18 Jahren, für PS4, PS5, Xbox One, Xbox Series, PC) hier macht, funktioniert nicht richtig. Im besten Fall ist es unangenehm, weil man keine Wahl hat, außer zu akzeptieren, dass sich Gräueltaten und popkultureller Klamauk im Minutentakt ablösen. Dazwischen wird (berechtige) Kritik an dem westlichen Kapitalismus hineingeschmissen, die aber in der überzogenen und klischeehaften Darstellung des Antagonisten untergeht.

Die Ubisoft-Formel braucht dringend eine Überarbeitung

Der Bösewicht ist der Diktator des Inselstaats Yara, gespielt von Giancarlo Esposito. Damit beginnt schon das Problem. Ja, Esposito ist ein guter Schauspieler, aber ihn in der Rolle des berechnenden, teuflischen Anführers zu sehen, wirkt wie ein Dé·jà-vu seiner Filmografie.

Auch der Rest des Spiels wirkt überhaupt nicht frisch. Es ist kein Fan-Service, wenn schon wieder versucht wird, die epische Flammenwerfer-Mission aus Far Cry 3 nachzustellen. Und auch sonst ist das Gameplay wie immer. Offene Welt, Insel, Fahrzeuge, Boote, Flugzeuge, alle Gegner abknallen, Basen erobern, Missionen erfüllen.

Gewohnt Gutes abzuliefern ist prinzipiell nichts schlechtes, aber die berüchtigte Ubisoft-Formel für die Open-World-Games wirkt in Far Cry 6 ausgelutscht und überstrapaziert. Das liegt ua. daran, dass einfach Elemente aus anderen Ubisoft-Games recycelt wurden, die nicht allzu lange zurückliegen.

Wie bei Assassins Creed: Valhalla dreht sich die Story darum, dass man losgeschickt wird um Aufträge für Gruppierung zu erledigen, damit diese zu Verbündeten werden, um den großen bösen Herrscher gemeinsam zu besiegen. Auch das Sammeln mystischer Artefakte in Höhlen kennt man aus Valhalla. Neue Waffen bekommt man, indem man Kisten in feindlichen Basen plündert, wie in Ghost Recon: Breakpoint.

Der Rucksack soll es richten

Der Rest ist aus den früheren Far-Cry-Spielen bekannt. Sogar einer der tierischen Begleiter ist nahezu eine 1:1-Version des Hundes aus Far Cry 5, der damals prominent bei der Bewerbung des Spiels gefeatured wurde.

Der größte Gameplay-Unterschied ist der Rucksack. Je nach Modell kann man damit etwa zielsuchende Raketen abschießen, Nervengas versprühen oder einen EMP auslösen. Danach muss man Gegner töten, um diese Fähigkeit wieder aufzuladen. Also relativ ähnlich den Klassenfähigkeiten von Ghost Recon: Breakpoint.

Waffen und Rucksäcke werden mit Materialen aufgerüstet, die man einsammeln muss. Einige seltene gibt es nur in Kisten, andere sind in der Gegend verstreut (Altmetall, Teile, Treibstoff…) und müssen per Tastendruck eingesammelt werden. Zu Beginn des Spiels habe ich mich darüber geärgert, weil es einfach nur das Game in die Länge zieht. Nach 20 Stunden Spielzeit und der Freischaltung aller für mich relevanten Upgrades habe ich dennoch alles eingesammelt, weil es sich so ins Hirn eingebrannt hat.

Viele Waffen sind nahezu nutzlos

Beim Arsenal gibt es neben normalen Waffen „Resolver“-Waffen, die selbstgebaut aussehen – was an Far Cry New Dawn erinnert. Die meisten davon sind nicht effektiv. Wie bei den früheren Far-Cry-Titeln reicht eigentlich eines der Gewehre, das man gleich am Anfang findet aus, um so gut wie jede Basis ohne Mühe zu erobern, solange man einen Schalldämpfer verwendet. Einen Bogen zu verwenden macht keinen Sinn, da es mit dem schallgedämpften Gewehr einfacher und schneller geht.

Das Balancing der übrigen Waffen wurde teilweise in den Sand gesetzt. Erst das letzte Scharfschützengewehr ist einigermaßen sinnvoll einzusetzen, die anderen sind viel zu schwach. Maschinengewehre und Maschinenpistolen sind aufgrund der geringen Stärke nahezu sinnlos. Mit dem gelenkten Raketenwerfer benötigt man 2 Schuss, um einen Geländewagen zu zerstören. Wegen der langen Nachladezeit zwischen den 2 Schüssen, ist es deutlich schneller Fahrer und Schütze mit dem Gewehr auszuschalten.

Außerdem doppeln sich einige Waffen. Sie sind in mehreren Version enthalten, die sich durch ihr Level unterscheiden. Je höher das Level, desto mehr Upgrades kann man mit den gefunden Materialen einbauen. Dass hier dieselben Waffen, nur einmal mit kurzem und einmal mit langem Lauf, verwendet werden, wirkt ein bisschen faul. Schließlich ist Far Cry 6 ein Shooter. Die Waffe ist das, was man immer vor der Nase sieht. Da hätte Ubisoft mehr Liebe reinstecken können, anstatt unzählige Anhänger zu designen, die man von den Waffen baumeln lassen kann.

Aber macht das Spiel Spaß?

Die entscheidende Frage bei Far Cry 6 ist: Hat man Spaß, nur wenn man beschäftigt ist? Viele meiner Kritikpunkte basieren darauf, dass ich Far Cry 5 vom Setting her, der Stimmung und der etwas subtileren Gesellschaftskritik, für viel besser gelungen halte als Far Cry 6.

Was Far Cry 6 aber trotzdem richtig macht ist, dass man als Spieler*in dazu getrieben wird, möglichst lange zu spielen und möglichst viel zu machen. Hier noch einen Checkpoint erobern, dort eine Kiste einsammeln, vielleicht doch versuchen das Upgrade für den Kampfhahn freizuschalten und auf dem Weg zur nächsten Mission macht man noch schnell die Schatzsuche.

Dazu kommt die Möglichkeit alles online mit einer zweiten Mitspieler*in kooperativ zu spielen, was das Ganze deutlich besser macht. Und es gibt, wie in Far Cry 5, Bonus-Missionen, die ebenfalls für kooperatives Spielen ausgelegt sind. Dann findet man immer wieder auf Yara nette Details in der Landschaft und Anspielungen auf andere Ubisoft-Games.

Und irgendwo dazwischen findet man auch Spaß. Aber genauso, wie das Spiel sich nicht entscheiden kann, ob es jetzt absurde Ballerei oder politik-kritischer Shooter mit Rollenspiel-Elementen sein will, war ich mir beim Testen oft nicht klar, ob Far Cry 6 jetzt Spaß macht oder nur ein Zeitvertreib ist.

Fazit

Far Cry 6 will zu viel auf einmal sein, setzt zu stark die berüchtigte Ubisoft-Formel und bedient sich dabei auch noch an Elementen aus anderen, aktuellen Ubisoft-Games. Anscheinend waren sich nicht mal die Entwickler sicher, ob den Spieler*innen das gefallen wird. Schon relativ früh im Spiel führt Dani ein Gespräch mit dem Ex-Geheimdienstler Juan, der euch versichert, dass das Töten und Guerillaleben Spaß macht – was Dani natürlich bestätigt.

Für mich blüht Far Cry 6 nicht im künstlich kreierten Chaos mancher Missionen und dem aufgezwungenen „Spaß“ durch skurrile Aufgaben auf. Es wirkt so, als hätte irgendjemand entschieden „Das Spiel ist zu ernst“. Anstatt als Reaktion den Bösewicht und die Handlung von „over-the-top-böse“ auf „authentisch böse“ zu reduzieren, wurden Klamauk und Blödeleien eingebaut. Erst erobert man eine Fabrik, in der Statuen „produziert“ werden, indem Menschen bei lebendigem Leibe mit flüssigem Metall übergossen wurden. Danach läuft man zur lustigen Musik einem Kampfhahn hinterher, der so fies ist, dass er die Töpfe eines Straßenhändlers zerstört, anstatt bloß Feinde umzubringen.

Wenn man nicht zu viel darüber nachdenkt, was erhängte Zivilisten mit einem Pferd zu tun haben, das wie ein Einhorn angemalt ist, kann man tatsächlich Spaß mit Far Cry 6 haben. Und wenn nicht, ist es zumindest ein guter Zeitvertreib für Freunde von Open-World-Games, die gerne Aufgaben abarbeiten.

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Gregor Gruber

Testet am liebsten Videospiele und Hardware, vom Kopfhörer über Smartphones und Kameras bis zum 8K-TV.

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