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Meinung

Wo bleibt Europas ChatGPT?

Europa läuft Gefahr bei einem neuen Tech-Hype wieder einmal den Anschluss zu verpassen.

Mit dem Start des derzeit viel diskutierten Chatbot-Programms ChatGPT ist rund um das Thema künstliche Intelligenz ein Hype ausgebrochen, der auf tiefgreifende Veränderungen auf dem digitalen Markt und gleichzeitig im digitalen Leben schließen lässt. Während die Technologie und Forschung dahinter an sich nichts Neues ist, mit künstlicher Intelligenz beschäftigt man sich nun auch schon einige Jahre, bricht ChatGPT erstmals in die breite Masse durch. Noch nie zuvor konnte eine Plattform einen derart rasanten Anstieg der Nutzer*innen verzeichnen. Obwohl erst seit November 2022 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, hat das Sprachprogramm im Jänner bereits die Marke von 100 Millionen aktiven User*innen geknackt. Das ist nicht einmal dem bisherigen Rekordhalter TikTok gelungen - selbst dort dauerte es immerhin 9 Monate, bis man auf diese Zahlen kam.

Kein Medium und kaum eine Branche, ja nicht einmal Cyberkriminelle lässt das Thema derzeit kalt. ChatGPT ist in aller Munde und verspricht einen Umbruch, wie man ihn zuletzt bei der Entstehung von Social Media gesehen hat. Das zeigt auch das Verhalten der Konkurrenz.

Hinter ChatGPT steht die US-Firma Open AI (einst mitgegründet von Elon Musk), in die auch Techgigant Microsoft seit Anbeginn mitinvestiert - und diese Investments nun auch kräftig ausbauen wird. Google zog nun - wohl unter erhöhtem Druck angesichts des entstandenen Hypes - mit dem Konkurrenzangebot Bard nach. Dieses basiert auf der schon länger im Hintergrund in Entwicklung befindlichen KI LaMDA. Und auch in China schläft man nicht. Der chinesische Internetriese Baidu will demnächst einen KI-Chatbot, der auf den Namen Ernie hört, auf den Markt werfen

Und Europa?

In Europa geschieht tatsächlich sehr viel Forschung im Bereich der künstlichen Intelligenz - doch wenig deutet aktuell darauf hin, dass diese Forschungsarbeit auch in europäische Angebote und Produkte münden wird. Genau, wie es keine konkurrenzfähige Suchmaschine und kein konkurrenzfähiges Social-Media-Angebot aus Europa gibt, könnte es in Sachen KI in naher Zukunft wieder ähnlich aussehen: Big Tech-Firmen aus den USA und China beherrschen den internationalen Markt und europäische Unternehmen sucht man in den Rankings jener, die “ganz oben” mitspielen vergeblich. 

Europäische Forscher*innen, die sich mit KI befassen, haben sich deshalb nun sogar in einer Initiative zusammengeschlossen, die genau auf diese Problematik aufmerksam machen will. LEAM, so der Name der Initiative, macht sich dafür stark, dass beispielsweise stärker in Infrastruktur (Rechenzentren, etc.) investiert wird. Auch auf das Thema Datenschutz weisen die Wissenschaftler*innen hin. Ziel müsse es sein, ein wettbewerbsfähiges KI-Ökosystem aufzubauen, das den Markt nicht erneut den USA und China überlässt, wird argumentiert.

Noch verdienen auch Google und Microsoft kein Geld mit der neuen Technologie, doch die Fähigkeiten der Sprachbots, das breite mediale und gesellschaftliche Interesse daran und die rasante Weiterentwicklung lassen darauf schließen, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis die KI-Programme in konkrete Produkte verwandelt werden. Die Anwendungsmöglichkeiten sind de facto unbegrenzt. Wenn aus Europa hier nicht demnächst ein starkes Lebenszeichen kommt, wird man in ein paar (eher wenigen) Jahren wieder dasitzen und betrübt auf andere Kontinente starren.

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Claudia Zettel

ClaudiaZettel

futurezone-Chefredakteurin, Feministin, Musik-Liebhaberin und Katzen-Verehrerin. Im Zweifel für den Zweifel.

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