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Meinung

Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte

Egal was man sagt, irgendjemand ist immer dagegen. Wie sollen die Medien mit widersprüchlichen Meinungen umgehen? Wenn es um Politik geht, ist die Sache klar – da sollte man möglichst ausgewogen und neutral berichten: Wenn jemand von der Regierung zur Fernsehdiskussion eingeladen wird, dann sollte dort auch jemand von der Opposition seine Ansichten präsentieren dürfen.

Doch nicht alles im Leben ist Ansichtssache. Es gibt auch Fragen, auf die es eine klare, eindeutige Antwort gibt. Die Wissenschaft kann uns Ergebnisse liefern, an denen einfach nicht zu zweifeln ist: Die Erde bewegt sich um die Sonne, COVID-19 wird durch Coronaviren hervorgerufen und Impfungen retten Menschenleben.

Das sind nicht bloß Meinungen, sondern wissenschaftliche Fakten. Natürlich kann man trotzdem anderer Meinung sein, aber dann hat man eben nicht recht. In einer Auseinandersetzung zwischen Aussagen, die wissenschaftlich belegt wurden und Aussagen, die wissenschaftlich widerlegt wurden, gibt es keine Gleichberechtigung.

Der selbsternannte U-Ausschuss

Ein Beispiel dafür ist ein ganzseitiges Inserat, das am 8.1. im Kurier geschaltet wurde, von einer Gruppe, die sich „Außerparlamentarischer Corona Untersuchungsausschuss Austria" nennt. Darin wurde eine ganze Liste längst widerlegter Thesen verkündet: Masken seien schädlich, PCR-Tests unzuverlässig, die Impfstoffe seien nicht ausreichend geprüft worden. All das ist falsch. Es wurde von Experten längst ausführlich widerlegt. Der Kurier entschied sich, das Inserat trotzdem zu veröffentlichen – druckte allerdings gleich daneben ein Interview ab, in dem eine Virologin echte, wissenschaftliche Corona-Fakten präsentierte.

Man kann das für eine faire Lösung halten. Sie birgt aber eine Gefahr: Auf den ersten Blick sieht es aus als stünden hier 2 gleichberechtigte Meinungen nebeneinander. Und dann liegt die Vermutung nahe: Vielleicht haben beide Seiten ein bisschen recht? Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen?

Diesen Irrtum nennt man „false balance“ – falsche Ausgewogenheit. Nein, die Wahrheit liegt nicht immer in der Mitte. Wer behauptet, dass Corona harmlos, Masken nutzlos und Impfungen gefährlich sind, hat nicht recht. Er hat auch kein kleines bisschen recht, sondern er hat überhaupt nicht recht. Hier dürfen wir nicht nach einem Kompromiss suchen. Ein Kompromiss zwischen Wahrheit und haarsträubendem Unsinn ist immer noch haarsträubender Unsinn.

Meinungsfreiheit

Die Vertreter solcher widerlegter Thesen argumentieren gerne mit „Meinungsfreiheit“ – doch das ist ein grobes Missverständnis. Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung, aber niemand hat das Recht auf seine eigenen Fakten. Meinungsfreiheit bedeutet, dass man auch falsche Dinge sagen darf, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Es bedeutet nicht, dass man falsche Dinge sagen darf, ohne Widerspruch zu ernten – und schon gar nicht bedeutet es, dass man das Recht hat, damit in den Medien vorzukommen.

Natürlich müssen wir auch über falsche Behauptungen reden. Wir dürfen widerlegte Thesen nicht totschweigen – sonst werden sie erst recht in wilde Verschwörungstheorien eingewoben. Aber wir sollten sie niemals präsentieren ohne glasklar dazuzusagen: Das hier ist falsch. Sonst schürt man völlig unnötige Zweifel an wissenschaftlichen Fakten. Und das können wir uns in einer ziemlich verrückten Welt, zwischen Trump-Fans und Corona-Demos, sicher nicht leisten.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen.

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Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen, schreibt er regelmäßig auf futurezone.at und in der Tageszeitung KURIER.

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