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GASTKOMMENTAR
09/04/2020

Ein Coronasommer in Müll-Bergen

Wer eine volle Getränkedose einen Berg raufträgt, kann sie auch in leerem Zustand wieder mit runternehmen – sollte man meinen. Die Realität zeigt: Es braucht neue Schritte gegen Müll-Berge.

von Tina Wirnsberger

Den Einschränkungen durch COVID-19 geschuldet schnupperten in diesem Sommer etliche Menschen zur Erholung im Urlaub Berg- statt Meeresluft. Mit der zunehmenden Zahl jener, die der Mangel an Alternativen, die (Neu-)Entdeckung der Natur oder die Sehnsucht nach Abgeschiedenheit auf Gipfel quer in Österreich trieb, stieg nicht nur die Nachfrage nach Hüttenplätzen, sondern auch die Breite der Nutzungskonflikte.

Der selten dämliche Trend, Kühe für TikTok-Videos zu verschrecken, war dabei ein besonderer Ausreißer. Doch auch ohne solche ausgeprägten Dummheiten traten durch den Boom auf die Berge Problematiken deutlicher hervor, die schon seit Jahrzehnten bestehen: Strandbilder von angeschwemmtem Plastikmüll wurden in diesem Jahr ersetzt durch rostige Dosen und Taschentuchnester auf Almen.

Es liegt nicht an Unwissenheit

Der Alpenverein gibt sich redlichste Mühe, der alpinen Vermüllung den Kampf anzusagen. So befreien sie einerseits die Wanderwege in regelmäßigen Aktionen von Unrat und versuchen andererseits mit bewusstseinsbildenden Kampagnen dafür zu sorgen, dass die Bergbesucher*innen ihren Dreck selbst wieder mit ins Tal nehmen und dort richtig entsorgen. Bei den Aktionen kommt einiges zusammen: Im Sommer 2015 waren es rund 50.000 Liter Abfälle, die 30 Helfer*innen in vier Wochen von den Bergen geholt haben. Die Aufzeichnungen solcher Aufräum-Aktionen des Alpenvereins ergeben seit den 70ern zusammengerechnet 3,8 Millionen Liter gesammelte und entsorgte Abfälle.

Im Jahr 2020 darf man getrost davon ausgehen, dass es der überwiegenden Mehrheit der Menschen nicht an Wissen um die Klimakrise und die Bedeutung ihres eigenen Beitrags zu einer sauberen Umwelt mangelt. Es ist auch keine besonders große Herausforderung, leere Flaschen, Dosen, Sackerl und Papierl wieder vom Berg mit runter zu nehmen, immerhin hat man es ja auch geschafft, sie in vollem – und damit schwererem Zustand – nach oben zu tragen. Wir können annehmen, dass niemand, der seinen Dreck am Berg liegen lässt, das aus Unwissenheit tut. Es zeigt sich, dass es nicht nur eine neue Auseinandersetzung mit dem Problem braucht, sondern auch neue Lösungen.

Niemand lässt Geld am Gipfel liegen

Bewusstseinsbildung spielt eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, dass Individuen umweltfreundliche Entscheidungen treffen. An den Müll-Bergen kann man jedoch auch die Wirkgrenzen bewusstseinsbildender Maßnahmen ausloten. Der Appell an die individuelle Verantwortung ist wichtig und richtig, aber nicht genug. Hier sind Entscheidungsträger*innen gefragt, Verantwortung zu übernehmen. Die Müllvermeidung auf dem Berg beginnt schon im Handelsregal im Tal. Würde man bares Geld achtlos zwischen die Latschenkiefer schmeißen? Wohl kaum. Wer seine Dosen und Flaschen gegen angemessenes Pfand kaufen muss, wird es sich demnach wohl auch zweimal überlegen, ob er sie in den Bergen liegen lässt, statt einzulösen.

Über die Autorin

Tina Wirnsberger ist Trainerin für nachhaltige Wirtschaft & Politik und Sozialpädagogin. Sie war bis Jänner 2019 Grüne Stadträtin für Umwelt und Frauen in Graz.

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