JAPAN-FARMING-AGRICULTURE-AGRONOMY

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Gastkommentar
05/29/2020

Schöne Neue Farm?

Warum wir die Zukunft, für die Vertical Farming DIE Lösung städtischer Ernährungssicherheit ist, besser nicht wollen sollten.

von Tina Wirnsberger

Ein bisschen muten sie an, als seien sie einer dystopischen Serie wie Black Mirror entsprungen. Als „richtig schick“ bezeichnet sie ein Aldi-Vertreter gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – die unnatürlich leuchtenden Glasvitrinen, in denen man in einigen Filialen des deutschen Supermarktkonzerns neuerdings Kräuter unter künstlichen, sterilen Bedingungen ohne Erde heranwachsen lässt. Die komplette Überwachung des Wachstums in den Glaskästen läuft digitalisiert. Nährstoffe, Beleuchtung, PH-Werte.

„Indoor-Farming“ oder auch „Vertical Farming“ nennt sich diese Anbau-Weise. Kluges Marketing hat dafür gesorgt, dass manchmal auch die Bezeichnung „Urban Farming“ verwendet wird. Aber sind automatisierte Glaskästen in riesigen Labors oder Supermärkten tatsächlich DER Inbegriff städtischer Lebensmittelproduktion der Zukunft? Mitnichten.

Symptombekämpfung

Auf den ersten Blick bietet der optimierte High-Tech Anbau tatsächlich Vorteile, die ja besonders umweltbewegte Menschen begeistern müssten: Es ist kein Einsatz von giftigen Pflanzenschutzmitteln notwendig, der Wasserverbrauch ist viel geringer, man spart Transportwege und vor allem jede Menge Platz. Was wie eine vielversprechende Lösung daherkommt, kann aber rasch Teil des Problems werden. Denn was wir gegen die Bedrohungen der Klimakrise dringend brauchen sind keine neuen Ausweichmöglichkeiten, die nur Symptome bekämpfen und damit klimaschädliche Strukturen verfestigen, sondern radikale Veränderungen, die bei den Ursachen greifen.

Die Erzählung der Software-Entwickler*innen und Investoren des Vertical Farming lautet zusammengefasst: Die Bevölkerung wächst, die Städte werden größer. Der Bedarf an Lebensmitteln steigt, während die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen weniger werden. Das klingt einleuchtend. Aber sehen wir uns die Kernelemente dieses irreführenden Narrativs im Detail an.

Mythos 1: Wir müssen mehr produzieren um alle zu ernähren!

Das Märchen, dass wir die Lebensmitteproduktion steigern müssen, um die Welt zu ernähren, dominiert seit Jahrzehnten das Ernährungssystem. So gut kann diese Strategie nicht funktionieren, denn sie hat das Hungerproblem nicht gelöst. Im Gegenteil. Sie ist die Grundlage dafür, dass kleine familienbetriebene Höfe riesigen agrarindustriellen Farmen weichen müssen, mit allen schädlichen Folgen: Heftiger Einsatz von giftigen Chemikalien auf den Feldern, bis zur Unbrauchbarkeit ausgelaugte Böden und der massive Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen. Früchte und Gemüse, das speziell für die gesteigerte Produktivität in dieser Form der Landwirtschaft gezüchtet wurde, verlor in den letzten 60 Jahren massiv an Nährstoffen. Laut einer Studie des Biochemikers Donald Davis an der Texas University im Jahr 2004 haben das meist konsumierte Obst und Gemüse heute im Schnitt allein 27% Vitamin C und 48% Eisen weniger.

756.700 Tonnen jährlich in Österreich weggeworfene Lebensmittel, 491.000 Tonnen davon laut WWF-Studie im Jahr 2016 vermeidbare Abfälle, sprechen zudem eine sehr deutliche Sprache: Wir haben sicher kein Problem mit der verfügbaren Menge an Nahrung. Das Argument, dass für die steigende Bevölkerung und zunehmenden Bedarf dringend vertikale Farmen notwendig seien, hält nicht. Allein von dem, was wir grundlos wegwerfen, könnten 1,5 Million Menschen sich ein Jahr lang ernähren.

Mythos 2: Der Platz wird knapp!

Ja, es wird eng in Österreich. Aber die Frage ist – warum? Ganz einfach: Österreich ist nach Belgien Europa-Meister im Zubetonieren. Täglich werden 13 Hektar Land verbaut, Zielvorgabe der EU sind 2,5. 117.000 Hektar Agrarfläche sind in den letzten 25 Jahren verloren gegangen, wurden verbaut, zubetoniert, versiegelt. Das entspricht der gesamten Agrarfläche des Burgenlands – das sich, ganz nebenbei bemerkt, durch eine beispielhaft katastrophale Raumplanung auszeichnet, geprägt von Einkaufszentren auf der grünen Wiese und Ortskernsterben.

Bis 2050 könnte Österreich zugepflastert sein, wenn der Versiegelungswut nicht umgehend ein politischer Riegel vorgeschoben wird. Stimmt es also doch, dass wir die Lebensmittelproduktion in Indoor-Farmen verlegen müssen, weil die Bevölkerung wächst und mehr Platz braucht? Nein. Der Anstieg des Flächenverbrauchs um 26% seit 2001 steht in keiner Relation zur Bevölkerungszunahme um nur neun Prozent. Was es braucht, sind einheitliche strenge Regeln, die dem Bodenverbrauch Einhalt gebieten, ein Plan für großflächige Entsiegelung und Vorrang für landwirtschaftliche Flächen vor Bauland, verknüpft mit nachhaltiger Bewirtschaftung.

Die Welt, in der wir leben wollen

Vertikale Farmen sind eine mögliche Antwort – in einer Welt, in der wir weiter auf eine Landwirtschaft setzen, die nachhaltig wirtschaftende kleine Höfe, Boden und Klima zerstört und in der wir Lebensmittel für die Mülltonne produzieren. In einer Welt, in der wir wertvolle Böden zupflastern für Parkplätze, Kreisverkehre, Shoppingcenter und Spekulations-Immobilien. In einer Welt, in der unsere Nahrung von Software-Entwickler*innen statt von Bauern und Bäuerinnen produziert wird. Noch können wir entscheiden, ob wir in dieser Art von Welt leben wollen, oder ob wir für eine echte Veränderung gegen die Klimakrise kämpfen.

Über die Autorin

Tina Wirnsberger ist Trainerin für nachhaltige Wirtschaft & Politik und Sozialpädagogin. Sie war bis Jänner 2019 Grüne Stadträtin für Umwelt und Frauen in Graz.