© Gurmann Maria

GASTKOMMENTAR
06/26/2020

Klimakrise: Das jähe Ende der Ewigkeit

Wir stecken schon jetzt mitten in Szenarien, von denen die Forschung dachte, wir hätten noch 70 Jahre Zeit. Es gibt kein Aufschieben mehr!

von Tina Wirnsberger

Sibirien. Automatisch entstehen vor dem klischeegeprägten inneren Auge Bilder: von Menschen in dicken Fellgewändern, mit gefrosteten Augenbrauen, zwischen weiten Schneelandschaften und von Eis überzogenen Hochhäusern. Wir sind aufgewachsen mit der Gewissheit: Sibiren, das ist ewige klirrende Kälte.

Die Klimakrise bereitet auch dieser Gewissheit nun ein jähes Ende. Vergangenen Samstag zeigte das Thermometer 38 Grad in Werchojansk, einer Kleinstadt, in der es in den Wintermonaten um die sechzig Grad Minus hat, im Juni maximal zwanzig Plus. Das vorliegende Messergebnis dürfte nach Bestätigung die höchste jemals gemessene Temperatur nördlich des Polarkreises sein. Ein alarmierender Rekord in einer Hitzewelle, die Sibirien bereits seit Monaten erlebt und deren Auswirkungen man nicht geringer als katastrophal bezeichnen kann. Wir werden sie alle zu spüren bekommen.

Schon bei Hälfte des 1,5-Grad-Ziels

Schon seit Jahresbeginn kommt es in Sibirien zu Temperaturabweichungen um die 4 bis 5 Grad über dem langjährigen Klimamittel. Mit ganzen 10 Grad über der Norm trug die Region wesentlich dazu bei, dass wir in diesem Jahr global gesehen den heißesten Mai aller Zeiten erlebten. Der Monat lag weltweit laut Copernicus Climate Change Service 0,68 Grad über dem bisherigen Durchschnitt. Ein Wert, der bereits bei der Hälfte des 1,5°C-Ziels liegt, reißt uns hoffentlich mit schrillenden Alarmglocken aus der Watte, in die wir uns gerne immer packen, wenn es ums Abwenden der Klimakatastrophe geht: Wir sprechen nicht davon, gemütlich das Tempo raus zu nehmen. Wir rasen vielmehr auf einen Totalschaden zu und haben gar keine andere Wahl mehr als eine spektakuläre Notbremsung.

Zeitbombe Permafrost

Die Auswirkungen der Klimakrise auf die Permafrostböden beschäftigt die Forschung schon länger. Der Dauerfrostboden verliert seinen Wortsinn: Er ist nicht mehr von Dauer. Die Böden tauen auf, und das mit langfristig und unmittelbar fatalen Folgen. Beim Auftauen entlassen die Böden CO2 und das sehr starke Treibhausgas Methan. Das trägt zum Anheizen des Klimas bei, und die so zunehmende Klimaerwärmung könnte wiederum zu einer noch stärkeren Freisetzung von Treibhausgasen aus diesen Speichern führen. In den Permafrostflächen sind gigantische Mengen Kohlenstoff gespeichert, nämlich das Zweifache der Menge, die sich bereits in der Atmosphäre als Erderwärmungs-Beschleuniger befindet. Ein Teufelskreis, an dessen Anfang und Ende der menschgemachte Klimawandel steht.

Der tauende Permafrostboden ist aber nicht nur eine langfristig tickende Zeitbombe für den ganzen Planeten, sondern verursachte kürzlich auch eine der schlimmsten Umweltkatastrophen Sibiriens. Der aufweichende Boden ist hochproblematisch für die darauf gebaute Infrastruktur. Regelmäßig stürzen deshalb Häuser ein, Straßen sinken ab und Ende Mai kippte in einem Wärmekraftwerk ein im Boden verankerter Tank mit über 20.000 Tonnen Diesel um. Der giftige Inhalt verseucht nun kilometerweit die Umgebung, den Fluss Ambarnaja und den Pjasinosee. Putin rief den nationalen Notstand aus, das ganze Ausmaß des ökologischen Desasters ist noch nicht absehbar.

Amazonas des Nordens

Die Wälder Sibiriens, in unserer Vorstellung stets schneebedeckt, stehen in Flammen. Über 6.000 Waldbrände wurden in den vergangenen Wochen registriert, die Trockenheit aufgrund der anhaltend hohen Temperaturen führt dazu, dass sie unkontrolliert ausarten. Schon in der Vergangenheit brannten große Flächen in der Region ab, mit nachhaltigen Schäden für das Klima.

Wie die Entwaldung des tropischen Regenwaldes zählt das Schmelzen der Permafrostböden zu den „Tipping Points“, also den kritischen Kipp-Elementen im globalen Klimageschehen. Und wie der unumkehrbaren Zerstörung des Regenwaldes nähert sich die Menschheit auch diesem Kipppunkt im Norden mit rasanter Geschwindigkeit, bei weitem schneller, als man noch vor wenigen Jahren annahm.

Kein Aufschieben mehr

Nichts in diesen Zeilen ist eine neue Erkenntnis. Schon vor einem halben Jahr warnten Forscher*innen vor dem rasanten Tempo der tauenden Permafrostböden, sodass wir bereits mitten in Szenarien stecken, die eigentlich erst in 70 Jahren prognostiziert wurden. Es ist schon lange nicht mehr „fünf vor zwölf“. Auch das ist keine Neuigkeit. Wir dachten lange genug, dass wir noch ewig Zeit hätten, aber die Klimakrise setzt gnadenlos jeder Annahme von Ewigkeit ein Ende. Es gibt kein Aufschieben mehr. Das gilt im Übrigen auch für das Klimavolksbegehren, das man nur noch drei Tage lang unterschreiben kann. Also: Ab zum Unterzeichnen, bevor es zu spät ist!

Über die Autorin

Tina Wirnsberger ist Trainerin für nachhaltige Wirtschaft & Politik und Sozialpädagogin. Sie war bis Jänner 2019 Grüne Stadträtin für Umwelt und Frauen in Graz.

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