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Meinung

Nein, wir verblöden nicht

Eindeutige wissenschaftliche Belege für die „digitale Demenz“ gibt es nicht. Aber selbst, wenn es tatsächlich gewisse Fähigkeiten gibt, die uns verlorengehen, weil wir uns auf digitale Helfer verlassen – wäre das denn so schlimm?

Das Ende ist nah! Die jungen Leute heutzutage verbringen den ganzen Tag am Smartphone, dadurch werden sie dumm, unkonzentriert und aggressiv. Altehrwürdige Kulturtechniken gehen verloren! Statt geschliffener Sprache verwenden sie Emojis!

Von „digitaler Demenz“ ist oft die Rede, wenn sich würdevoll gekleidete Vorzeigeintellektuelle öffentlich darüber ärgern, dass die Generation ihrer Enkelkinder in der Schule einen Taschenrechner verwenden darf. Aus einer diffusen Angst vor Computern und Digitalisierung wird dann messerscharf der Schluss gezogen: Diese neumodernen Strömungen führen in den Abgrund! Das Abendland geht wieder mal unter! Das ist aber nicht so tragisch, denn das Abendland ist immer schon untergegangen, und bisher hat ihm das auch nicht geschadet.

Korrelation und Kausalität

Es ist ziemlich einfach, bedrohlich klingende Behauptungen aufzustellen, von der Social-Media-Sucht bis zur aggressionsfördernden Wirkung von Computerspielen. Gerne wird das dann mit wissenschaftlich aussehenden Graphiken verziert: Die Zahl von Kindern mit Einschlafschwierigkeiten, Augenerkrankungen oder Konzentrationsstörungen nimmt zu, und die Digitalisierung nimmt auch zu. Also ist die Digitalisierung Schuld an Einschlafschwierigkeiten, Augenerkrankungen und Konzentrationsstörungen.

Übersehen wird, dass man hier bloß Korrelation mit Kausalität verwechselt. Eindeutige wissenschaftliche Belege für "digitale Demenz“ fehlen. Es ist auch kaum möglich, solche Behauptungen wissenschaftlich zuverlässig zu testen: Man könnte zwei verschiedene Bevölkerungsgruppen miteinander vergleichen – eine, die digitale Medien intensiv nutzt und eine, die sich von Computern, Handys und Tablets so weit wie möglich fernhält. Und dann kann man untersuchen, ob bestimmte Krankheiten, Störungen und Probleme in der einen Gruppe häufiger sind.

Das Ergebnis wäre aber ziemlich sicher wertlos, denn die beiden Gruppen würden sich garantiert nicht nur in ihrem Digital-Verhalten unterscheiden, sondern auch im Bildungsniveau, im sozioökonomischen Hintergrund, in der Lernfreudigkeit und Wissbegierde. Was man für einen Effekt der Digitalisierung hält, kann genauso gut auch ganz andere Ursachen haben. Wenn ein Megatrend wie Digitalisierung alle Aspekte unseres Lebens durchdringt, dann kann man ihn eben nicht mehr losgelöst vom Rest des Lebens untersuchen.

Finger weg von Büchern!

Interessant ist es aber, sich anzusehen, wie man in vergangenen Epochen über kulturelle Veränderungen gesprochen hat. Im 18. Jahrhundert war die große Zeit des Romans angebrochen: Bücher waren für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich geworden, aber das gefiel nicht allen. Vor „Lesesucht“ wurde damals gewarnt. Das Lesen aus reinem Vergnügen sei ein Laster, schädlich für Körper, Geist und Moral – ganz besonders bei Frauen und Kindern. Die Sitte des Auswendiglernens und Rezitierens werde durch das Lesen zerstört. Diese Argumente sind den heutigen Anti-Smartphone-Parolen verblüffend ähnlich.

Aber selbst, wenn es tatsächlich gewisse Fähigkeiten gibt, die uns verlorengehen, weil wir uns auf digitale Helfer verlassen – wäre das denn so schlimm? Vielleicht ist unsere Orientierungsfähigkeit in der Großstadt tatsächlich schlechter als bei unseren Vorfahren, wenn wir immer unser Navigationsgerät benutzen. Das ist aber kein Problem – so lange wir das Navigationsgerät in der Hosentasche haben. Welche Probleme wir im Kopf lösen und welche wir auslagern hing immer schon von der verfügbaren Technologie ab. Vor Jahrtausenden wurden Mythen mündlich von Generation zu Generation weitergegeben. Irgendwann schrieb man sie auf, möglicherweise unter kulturpessimistischem Gezeter der älteren Generation, dass sich die jungen Leute jetzt nichts mehr merken können. Damit hatte man den Kopf frei für anderes.

Astronomische Berechnungen wurden vor hundert Jahren noch mit gewaltigem Aufwand per Hand durchgeführt – heutige Astronominnen und Astronomen würden an dieser Aufgabe kläglich scheitern. Sind sie deswegen dümmer? Natürlich nicht. Im Gegenteil: Sie müssen sich nicht mehr mit vergleichsweise stupidem Rechen-Ballast herumschlagen und können sich auf kreativere Aufgaben verlegen. Dass vieles, was vor Jahrzehnten noch als wissenschaftliche Grundfertigkeit galt, inzwischen von Computern übernommen wurde, ist kein kultureller Niedergang, sondern ein großartiger Fortschritt, der neue Chancen eröffnet.

Natürlich bringt jede große Veränderung auch Nachteile mit sich. Aber wer große Veränderungen wie die digitale Revolution als Gefahr für etablierte Werte und alte Traditionen sieht, der vergisst: Einer unserer wichtigsten Werte ist die Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem, und eine unserer wichtigsten Traditionen ist, Traditionen ständig neu zu erfinden. 
 

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Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen, schreibt er regelmäßig auf futurezone.at und in der Tageszeitung KURIER.

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