Netzpolitik
06.11.2018

Tim Berners-Lee ruft Magna Carta für das Web ins Leben

Der Erfinder des World Wide Web fordert Regierungen, Unternehmen und Bürger zum Umdenken auf.

Tim Berrners-Lee, der Erfinder des World Wide Web, hat eine globale Kampagne gestartet, mit der er gegen Online-Bedrohungen wie Diskriminierung und politische Manipulation vorgehen möchte. In seiner Eröffnungsrede auf dem Web Summit in Lissabon am Montag forderte er Regierungen und Unternehmen gleichermaßen auf, seinen neuen „Vertrag für das Web“ zu unterstützen, mit dem Demokratie und Menschenrechte im WWW gesichert werden sollen.

„Für viele Jahre entstand der Eindruck, dass die schönen Dinge im Web dominieren würden und dass wir in einer Welt mit weniger Konflikten, mehr Verständnis, besserer Forschung und gut funktionierender Demokratie leben würden“, sagt Berners-Lee im Gespräch mit dem Guardian: Doch die Menschen seien nun desillusioniert, „wegen all der Dinge, die sie in den Headlines lesen.“ Die nun über das Web verbundene Menschheit agiert laut Berners-Lee auf dystopische Art, es gibt Missbrauch, Vorurteile, Fake News und viele andere Aspekte, in denen das Web nicht mehr so funktioniert wie es sollte. Sein neuer Vertrag für das Web soll nun „der Menschheit, der Wissenschaft und der Demokratie“ dienen.

Aufgaben für Regierungen, Unternehmen und User

Dementsprechend sollen Regierungen laut seiner Charta es ermöglichen, dass alle Bürger uneingeschränkt Zugriff auf das Web haben, dass ihre Privatsphäre garantiert wird und dass sie „frei und ohne Angst online sein können.“ Unternehmen wiederum sollen ebenfalls ihr Angebot für alle zugänglich machen und die Privatsphäre der Menschen respektieren. Sie sollen außerdem Technologien entwickeln, mit denen das Web zu einem öffentlichen Gut wird, welches das Wohlergehen der Menschen als wichtigstes Ziel definiert.

Doch auch die User selbst werden in der Charta aufgefordert, richtige und relevante Inhalte zu veröffentlichen und Gemeinschaften zu bauen, die zivilen Diskurs und die menschliche Würde in den Vordergrund stellen. Sie sollen zudem für ein Web kämpfen, das „eine globale öffentliche Ressource für Menschen in aller Welt ist.“

Google und Facebook haben unterschrieben

Der Vertrag wird in voller Länge im Mai 2019 veröffentlicht und wurde schon jetzt von über 50 Organisationen unterschrieben. Unter anderem dürfte der Erfolg des Projekts vor allem vom Engagement der großen US-amerikanischen Internetkonzerne abhängen. Dem Guardian zufolge hat unter anderem Facebook den Vertrag unterschrieben. Das Online-Netzwerk war zuletzt aber stark wegen des Cambrinsge Analytica-Skandals in der Kritik. Ein anderer Unterzeichner des Vertrags ist Google, welches wiederum für China eine zensierte Version seiner Suchmaschine anbietet.

Dies sind nur zwei der Beispiele dafür, wie schwer sich die Forderungen von Berners-Lee umsetzen lassen. Ein Problem dürfte auch sein, dass der Umsatz von Unternehmen im Web zu großem Teil werbefinanziert ist – und daher Clickbait und Fake News florieren. Auch gesteht Berners-Lee im Gespräch mit dem Guardian ein, dass sich der Erfolg seiner Charta nur schwer messen lässt. Er hofft aber, dass damit zumindest eine Diskussion angefacht wird und dass Bürger die Möglichkeit bekommen, die Mächtigen zu Verantwortung zu ziehen.