© Gregor Gruber

Produkte
03/18/2020

Falt-Handy Huawei Mate Xs im Test: Tablet und Smartphone vereint

Ein Gerät, zwei Produktkategorien – Das faltbare Smartphone macht das Beste aus dem flexiblen Bildschirm. 

von Florian Christof

Das faltbare Smartphone von Huawei fristete bis vor kurzem ein Nischendasein. Das Gerät wurde bereits im Frühjahr 2019 präsentiert. Doch nach anfänglichen Schwierigkeiten mit der Hardware war es lange Zeit nicht und dann nur sehr begrenzt verfügbar.

Ein Jahr nach der Premiere startet Huawei mit einem leicht überarbeiteten Gerät einen neuen Anlauf. Beim Huawei Mate Xs wurde der Scharniermechanismus neu gestaltet und der Prozessor aktualisiert.

Erster Eindruck

Als ich das Huawei Mate Xs erstmals in die Hand genommen habe, bin ich tatsächlich ins Staunen gekommen. Es sieht gut aus, wirkt wie ein technisches Wunderwerk und vor allem sind faltbare Geräte auf dem Smartphone-Markt immer noch ein kaum gesehenes Novum.

Doch nach einigen Faltversuchen hat sich bei mir recht schnell Ernüchterung eingestellt: Das Gerät wirkt weit fragiler, als man es von herkömmlichen Smartphones gewohnt ist. Knicken, Biegen und Falten fühlen sich irgendwie eigenartig an - so als ob das Gerät beim nächsten Faltversuch womöglich auseinanderfallen könnte.

Auch dass der Touchscreen nicht durch Glas sondern durch eine Kunststoffschicht geschützt wird, nährte bei mir Zweifel am Gerät. Beim Bedienen des Touchscreens hatte ich ständig das ungute Gefühl, ich würde den Bildschirm zerkratzen.

Huawei Mate Xs im Alltag

In Sachen Usability kann das Mate Xs wirklich überzeugen. Denn Huawei macht das Beste aus dem faltbaren Bildschirm und schafft es tatsächlich, 2 verschiedene Produktkategorien in einem Gerät zu vereinen.

Die Falten in der Mitte des Bildschirms sind hier recht gut zu erkennen

Durch den Formfaktor lässt sich das Gerät im zusammengeklappten Zustand wie ein herkömmliches Smartphone bedienen. Im aufgeklappten Modus kann es wie ein kleines Tablet verwendet werden. 

Aus diesem Grund ist das Mate Xs das einzige flexible Smartphone - vielleicht noch neben dem Samsung Galaxy Fold - bei dem der faltbare Bildschirm auch tatsächlich Sinn macht.

Falten wird zum Kraftakt

Will man das Gerät vom Tablet-Modus in den Smartphone-Modus bringen, muss man es relativ stark nach hinten biegen. Dabei gibt das Scharnier ein leicht krächzendes Geräusch von sich, was mich zu Beginn etwas verunsichert hat.

Um das Display des Mate Xs wieder aufklappen zu können, muss zunächst auf der Rückseite mithilfe einer Taste die Haltevorrichtung gelöst werden. Danach biegt man den Bildschirm - wieder relativ stark - nach vorne, bis er im Tablet-Modus einrastet. Begleitet wird dieses Auffalten wieder von dem unguten, krächzenden Geräusch.

Huawei Mate Xs als Smartphone

Zugeklappt hat das AMOLED-Display eine Diagonale von 6,6 Zoll und eine Auflösung von 1.148 x 2.480 Pixel im 19,5:9 Format. Mit 11 Millimetern ist es etwas dicker als andere Handys. Nicht nur die Maße sind quasi ident mit einem herkömmlichen Smartphone. Das Gerät lässt sich in diesem Modus genauso bedienen wie ein gewöhnliches Handy. Im Smartphone-Modus ist die Rückseite des Geräts der nach hinten geklappte und deaktivierte Bildschirm. Bedient man das Gerät, fällt dies gar nicht auf. 

Gut gelöst hat Huawei das Design der seitlichen Ränder. Im Smartphone-Modus ist die linke Seite des Geräts stark abgerundet und wird vom Scharnier geformt. Die rechte Seite des Smartphones ist exakt gleich stark abgerundet wie die linke Seite. Im zusammengeklappten Zustand liegt es daher wirklich gut in der Hand. Ich hatte das Gefühl, das Gerät wäre aus einem Guss.

Huawei Mate Xs als Tablet

Im aufgeklappten Zustand misst das Display 8 Zoll bei einer Auflösung von 2.200 x 2.480 Pixel und einem nahezu quadratischen Bildschirmformat. Damit ist das Display des Mate Xs um eine Spur größer als der Screen des iPad Mini. Aufgeklappt ist das Gerät nur 5,4 Millimeter dick.

Insofern hat der Bildschirm des faltbaren Handys eine angenehme Größe für Games, längere Texte oder auch Videos. Das ungewöhnliche, nahezu quadratische Format ist für Videos nicht recht geeignet: Sowohl im Hochformat als auch im Querformat bleiben an den Seiten breite schwarze Ränder und die volle Größe des Videos kommt nicht wirklich zur Geltung.

Die Handhabung des aufgeklappten Geräts ist ausgezeichnet: Auf der rechten Seite formt der Block, in dem die Chips, Kameras und Akku sowie der USB-C-Anschluss und die Tasten untergebracht sind, eine Art Griffstück. Dieses Griffstück erinnert an alte Kindle-Reader und sorgt dafür, dass sich das Mate Xs erstaunlich gut halten lässt.

Qualität des Bildschirms

Obwohl es sich um einen beweglichen Bildschirm handelt, der von einer Plastikfolie überzogen ist, ist die Qualität überraschend gut. Im Vergleich mit herkömmlichen Smartphones muss man beim Mate Xs in Sachen Bildschirmqualität kaum bis keine Einbußen hinnehmen. Kaum deshalb, weil der Screen schon nach kurzer Zeit leicht zerkratzt war. Und das, obwohl ich das Gerät sprichwörtlich nur mit Samthandschuhen angefasst habe.

Ein weiteres Manko des Bildschirms im Tablet-Modus sind kleine Unregelmäßigkeiten im Bereich des Scharniers. Ist das Display ausgeschaltet, zeigen sich minimale Falten in der Mitte des Screens - genau dort wo es geknickt wird. Ist das Display aktiviert, werden diese Falten großteils durch farbige Darstellungen am Screen kaschiert, sind aber immer noch leicht sichtbar. Berührt man den Screen genau an dieser Stelle, ist das Scharnier spürbar.

Wie lange hält das Huawei Mate Xs?

Die Frage nach der Langlebigkeit bei faltbaren Handys, konnte im Test nicht geklärt werden. Grundsätzlich gilt: Bewegliche Teile sind einer langen Lebensdauer generell nie zuträglich.

Auch wenn sich die Hersteller darum bemühen und regelmäßig darauf hinweisen, wie oft sich flexible Displays falten lassen, ohne dass das Gerät kaputt wird: Ein faltbares Smartphone wird wohl nie solange halten, wie ein herkömmliches Handy.  

Multi-Tasking am Smartphone

Um das große 8-Zoll-Display entsprechend produktiv nutzen zu können, stellt sich die Frage nach dem Multitasking. Es lassen sich 2 Apps gleichzeitig öffnen und nebeneinander darstellen.

Dabei können Dateien, wie Fotos und Dokumente, zwischen den Apps per Drag & Drop hin- und hergeschoben werden. Gerade bei Kalendereinträgen aus Mails oder dem Versenden von Fotos kann das Multitasking-Feature Sinn machen. Wirklich produktiver oder wesentlich schneller als bei einer herkömmlichen Bedienung war ich damit allerdings nicht.

Android 10 ohne Google

Auf dem Huawei Mate Xs läuft die quelloffene Version von Android 10 mit der Huawei-Benutzeroberfläche EMUI 10. Allerdings sind auf dem Smartphone keine Google-Dienste (GMS - Google Mobile Services) zu finden. Stattdessen kommt Huaweis eigene Lösung (HMS - Huawei Mobile Services) zum Einsatz und dem daran anknüpfenden Huawei-App-Store "App Gallery".

Die Google-Frage kann wie immer in diesen Fällen beantwortet werden: Wer nicht tief im Google-Ökosystem steckt, könnte den Umstieg auf ein Google-freies Handy wagen. Für all jene, die fest im Google-Universum verankert sind, wird ein Umstieg schwerfallen.

Kleiner Hoffnungsschimmer am Horizont: Huawei steckt viel Geld in die Entwicklung seines eigenen Ökosystems und bietet App-Entwicklern zahlreiche Anreize, ihre Apps für HMS zu optimieren. Seit Beginn des Android-Banns vor nicht ganz einem Jahr, hat sich in der App Gallery gerade bei lokalen und regionalen Apps viel getan. An das breite Angebot wie in Googles Play Store kommt Huawei aber noch nicht heran. 

Prozessor und Fingerprint

Beim Prozessor setzt Huawei auf den hauseigenen Kirin 990. Der Arbeitsspeicher beträgt 8 GB und der interne Speicher kommt auf 512 GB. Das Huawei Mate Xs ist 5G-fähig.

Der Fingerabdrucksensor ist in der Power-Taste integriert. So wird er beim Aufwecken des Geräts ohnehin berührt. Auch im Tablet-Modus ist der Sensor, etwa mit dem Zeigefinger, mühelos erreichbar. 

Keine Selfie-Kamera

Huawei hat beim Mate Xs insgesamt 4 Kameras verbaut: 40 MP Hauptkamera, 8 MP Teleobjektiv, 16 MP Ultraweitwinkelobjektiv und ein ToF-3D-Sensor. Die Bildqualität der Kamera ist - wie man es von Huawei-Geräten gewohnt ist - einwandfrei.

Eine Selfiekamera gibt es nicht. Wechselt man beim zusammengeklappten Gerät in den Selfie-Modus, wird das Display auf der Rückseite aktiviert. Auf diese Weise können wie gewohnt Selfies aufgenommen werden - nur eben mit der Hauptkamera.

Schnell geladener Akku

Der Akku des Mate Xs hat eine Kapazität von 4.500 mAh. Wie lange der Akku durchhält, hängt vor allem damit zusammen, wie lange man das Gerät im Tablet-Modus bedient. Ich bin damit leicht über einen Tag gekommen, über Nacht war es dann an der Steckdose.

Beeindruckend ist die Ladeleistung. Diese beträgt satte 55 Watt, die den Akku extrem schnell aufladen können. Bei 15 Prozent Restakku an die Steckdose, zeigte die Akkuanzeige 10 Minuten später bereits 46 Prozent. Nach 36 Minuten war das Smartphone vollständig aufgeladen.

Kein Kopfhöreranschluss, kuriose Handy-Hülle

Da das Gerät keine herkömmliche 3,5mm-Kopfhörerbuchse bietet, sind im Lieferumfang Kopfhörer mit USB-C-Anschluss enthalten. Ein Adapter von USB-C auf 3,5mm-Klinke ist nicht dabei.

Im Lieferumfang ist auch eine Art Smartphone-Cover. Diese zieht sich aber lediglich über den Rahmen des Geräts und schützt daher auch nur die Ränder sowie das Scharnier. Das Kuriose ist, dass das Cover an das Gerät geklebt werden muss.

Fazit

Bei faltbaren Geräten stellt sich unweigerlich die Frage: Was bringts? Während sich der Mehrwert bei faltbaren Klapp-Handys meist in Grenzen hält, macht der flexible Bildschirm beim Mate Xs tatsächlich Sinn. Und zwar deswegen, weil er es ermöglicht, in einem Gerät 2 Produkte zu vereinen: Smartphone und Tablet.

Das Beeindruckende daran ist, dass sich das Mate Xs in beiden Modi so bedienen lässt, wie man es von einem Smartphone beziehungsweise Tablet gewohnt ist.

Bei genauerer Betrachtung, wird dann aber doch recht schnell klar, dass die Technik für faltbare Smartphones einfach noch nicht wirklich ausgereift ist: Anders als Glas, schützt die Kunststofffolie den Bildschirm nicht wirklich vor Kratzern. Falten in der Mitte des Screens sind spür- und sichtbar und die Frage nach der Langlebigkeit kann ohnehin erst in ein paar Monaten geklärt werden.

Bleibt der Preis: Hier zeigt sich am deutlichsten, dass faltbare Smartphones den Durchbruch auf den Massenmarkt wohl noch länger nicht schaffen werden. Mit satten 2.499 Euro ist das Huawei Mate Xs derzeit das teuerste Handy, das es im regulären Handel zu kaufen gibt.

Wer so viel Geld für ein Smartphone ausgibt, will wohl sichergehen, dass das Gerät lange hält und die Kinderkrankheiten von faltbaren Displays ausgebügelt wurden - beides ist aber noch nicht der Fall.