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09/12/2019

Sony AG9 im Test: Das OLED-Topmodell zum Totärgern

Von wunderbarer Bildqualität bis zu haarsträubenden Abstürzen: Dieser OLED-Smart-TV spielt alle Stücke.

von Gregor Gruber

Als Sony 2017 mit dem A1 startete, jubelte die OLED-Fraktion. Schließlich setzte damit ein weiterer der ganz Großen auf die Displaytechnologie, die Cineasten und Heimkinofans Freudentränen in die Augen treiben. Der Smart-TV A1 ließ gutes für die Zukunft erahnen. Die Bildqualität war ausgezeichnet, lediglich das Android-TV-Betriebssystem sorgte für Ärger.

Zurück in die Gegenwart: Mit der AG9-Serie brachte Sony dieses Jahr die neuen OLED-Spitzenmodelle. Zwei Jahre sind ausreichend Zeit, um aus einem sehr guten TV, einen spitzenmäßigen TV zu machen. Dachte ich zumindest. Ich habe den Sony AG9 mit 65 Zoll (3.999 Euro UVP, 55 Zoll 2.999 Euro UVP) getestet.

Design

Optisch ist der AG9 so, wie man sie einen teuren TV vorstellt: Elegant und minimalistisch. Durch den flachen, mittigen Standfuß ist die Kante des Rahmens nur 5mm vom Fernsehkasten entfernt. Der Rahmen selbst ist ebenfalls angenehm dünn. Die Rückseite kann mit Plastikabdeckungen verkleidet werden, um die Anschlüsse und Kabel zu verdecken.

Die 3 Haupt-HDMI-Anschlüsse (kein HDMI 2.1) befinden sich links unten. Links seitlich ist ein weiterer HMDI-Anschluss, sowie zwei USB-Anschlüsse. Diese sind leichter zugänglich.

Bei der Fernbedienung setzt Sony leider nicht auf Minimalismus. Auf 23cm Länge sind Zahlentasten, eigene Tasten für Google Play und Netflix, ein Vier-Wege-Pad mit Mitteltaste, die Farbtasten und die Medientasten. Wer kein Fan von mehrfachbelegten Tasten ist, wird sich über dieses Layout freuen. Ich hätte mir eine dezentere Fernbedienung gewünscht, die dem Design des AG9 angepasst ist.

Audio

Wie schon der A1, hat auch der AG9 den Lautsprecher direkt hinter dem Display verbaut. Hier hat sich in den zwei Jahren einiges getan. Der Klang ist kräftig und füllig. Bei bestimmten Inhalten erzeugt er sogar die Illusion eines raumfüllenden Klangs, wie etwa die Strandszene von Saving Private Ryan.

Sehr gut ist der AG9 bei der Wiedergabe von Sprache. Dokumentationen, Stand-up-Comedies und Sitcoms profitieren etwa davon. Bei manchen Inhalten klingt der Sound etwas zu dumpf – das sind dann üblicherweise die, wofür man ohnehin die Surround-Anlage genutzt hätte.

Stichwort Surround-Anlage: Der AG9 hat Boxenanschlüsse an der linken Seite. So kann der eingebaute Lautsprecher als Center Speaker für die Heimkino-Anlage agieren. Dies erfordert allerdings Geduld, um das Soundprofil des AG9 und der Heimkino-Anlage aneinander anzupassen. Wer kann, sollte lieber weiterhin einen richtigen Center Speaker nutzen.

Bild

Die größte Stärke des A1 war, dass er als einer der wenigen TVs ein sehr gutes Bild „out of the box“ lieferte, also ohne stundenlanges Herumjustieren. Beim AG9 ist das bedingt der Fall. Der TV steht ein bisschen auf der Bremse und liefert nicht das brillante Bild, das man von einem OLED-Gerät erwartet.

Mit den Anpassungen von Helligkeit, Kontrast, Schwarzabgleich und Kontrastverstärker wird es besser. Auch bei HDR-Inhalten muss ähnlich nachgebessert werden, damit man nicht ein zu dumpfes Bild erhält. Bei der Wiedergabe von Dolby-Vision-Inhalten auf Netflix ist es etwas besser, aber auch hier kann man mit Nachjustieren mehr rausholen.

Selbst mit Nachjustierungen ist aber klar: Der AG9 ist kein Taglicht-TV. Die maximale Helligkeit reicht bei Weitem nicht aus, um Spiegelungen zu bekämpfen. Selbst bei zugezogenen Vorhängen muss man bei einigen Inhalten das Licht ausschalten. Auch wenn OLED bekannt dafür ist, bei der maximalen Helligkeit hinter LCD zu liegen, ist die schwache Helligkeitsausbeute beim AG9 etwas enttäuschend.

Bewegung

Ist mal alles richtig eingestellt und es nicht zu hell, liefert der AG9 ein sehr schönes Bild ab. Die Farbverläufe sind sehr flüssig, auch bei Grautönen und dunklen Inhalten. Die Farbwiedergabe ist gut, lediglich Rot ist eine Spur zu stark. Es entsteht ein leichter dreidimensionaler Effekt bei manchen Inhalten.

Auffällig ist, dass der Bildverarbeitungsprozessor manchmal mitten in einer Szene aktiv wird. So sieht man in einer Szene, in der sich gerade nichts bewegt, wie sich die Darstellung plötzlich verändert. Meist ist es die Helligkeit, die der AG9 anpasst, obwohl die Helligkeit fix eingestellt und Eco-Modus deaktiviert ist. Dieses Problem gab es auch schon beim A1. Hier hätte Sony nachbessern sollen.

Die größte Stärke des AG9 sind die Bildverbesserungen bei Bewegung. Es gibt keine Artefakte und es ist ein sehr guter Kompromiss zwischen ruckeligen Bewegungen und dem verhassten Soap-Opera-Effekt – es passt einfach. Lediglich bei langsamen Kameraschwenks über strukturierte Objekte bei einem statischen Hintergrund gibt es manchmal unschöne Verzerrungseffekte zu sehen.

Bildmodi

Die Vorliebe der Sony-Ingenieure für ein eher unaufgeregtes Bild, spiegelt sich in den verschiedenen Bildmodi wider. Wie üblich ist „Kino“ ein sehr warmes Farbprofil, das gleichzeitig flacher ist und für ein ruckeligeres Bild sorgt. Das ist durchaus realistisch, da man in den meisten Kinos ähnlich schlechte Bildqualität geliefert bekommt.

Dass beim Bildmodus „Spiel“ ein ähnliches Profil zum Einsatz kommt, das die Farben sogar noch mehr ins Gelblich-Warme verschiebt, ist eigenartig. Alle Spiele sehen dadurch automatisch schmutzig aus. Bei Games wie Tomb Raider oder Dark Souls ist das vielleicht ok, aber bei Sportgames wie FIFA, Rennspielen mit knalligen Farben oder Sci-fi-Games ist es sehr unpassend. Der AG9 hat auch einen etwas höheren Input-Lag als aktuelle TV-Spitzenmodelle von LG und Samsung.

Netflix kalibriert

Und dann gibt es noch den Sondermodus „Netflix-kalibriert“. Dieser kann nur bei Netflix aktiviert werden. Die offizielle Beschreibung: „Schauen Sie sich Netflix mit der ursprünglich beabsichtigten Bildqualität an.“ Im Grunde ist es fast dasselbe wie der Kinomodus. Die Farben werden wärmer und gehen ins Gelb-Grünliche und die Bewegungsoptimierungen werden reduziert – das Bild ruckelt also mehr.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Netflix „beabsichtigt“ hat, seine User mit einer schlechteren Darstellung zu quälen. Dieser Modus ist zudem immer gleich, egal ob man auf Netflix Filme, Serien, Stand-up-Comedy, Cartoons, Animes oder Dokus ansieht. Deshalb macht es auch bei Netflix mehr Sinn, den Standard-Modus zu verwenden und entsprechend zu verfeinern, damit das OLED-Panel zur Geltung kommt.

Der Frust

Zum Schluss kommt leider nicht immer das Beste. Anscheinend hat Sony so viel Energie in die Verbesserung des Sounds gesteckt, dass man auf die Usability vergessen hat. Und die ist beim AG9 eine mittlere Katastrophe. Der Einfachheit halber hier eine Aufzählung der Auffälligkeiten im Testzeitraum, die keine Einzelfälle waren – also mehrmals passiert sind.

  • Der AG9 springt gelegentlich von selbst in den vorigen Menüpunkt zurück
  • Im Home-Menü bei den Bravia-Lernprogrammen werden Videos zum Auspacken des TVs vorgeschlagen – von anderen TV-Modellen
  • Die eingebaute Hilfefunktion verweist auf Menüpunkte, die es im TV nicht gibt
  • Mit der AG9-Fernbedienung kann die Magenta-Set-Top-Box nicht gesteuert werden, obwohl sie Infrarot und Bluetooth beherrscht (Samsung TVs beherrschen das seit Jahren)
  • Nach dem Pausieren in Netflix war manchmal der Ton weg. Man musste ins Netflix-Menü gehen und dann wieder auf den Film/die Serie, damit der Ton wieder da war
  • Das Umschalten zwischen Heimkino-Receiver und TV funktionierte nicht immer richtig. Manchmal war einfach der Ton weg, bis der TV neu gestartet wurde
  • Die Lautstärken-Anzeige von TV und Receiver ist nicht synchronisiert – der Receiver wird mit AG9-Fernbedienung viel sprunghafter lauter und leiser gedreht
  • Der AG9 hat sich komplett aufgehängt. Ich musste ihn vom Strom nehmen und wieder anstecken, damit er wieder reagierte
  • Wiedergabe von Medien auf USB: Beim Drücken der Pause-Taste lief das Video ohne Ton weiter, ein Pausieren war nicht möglich, bis das Video neu gestartet wurde
  • Amazon Prime: Nach 9 Minuten schauen war der Ton weg, wenn mit Receiver geschaut wurde. Nur ohne Receiver funktionierte die Wiedergabe störungsfrei
  • Beim Öffnen des USB-Mediums wurde „Bitte Warten“ angezeigt, auch nach 5 Minuten passierte nichts. Das Trennen und Neuverbinden des USB-Mediums änderte daran nichts. Lösung: TV vom Strom nehmen und wieder anstecken
  • Beim Öffnen des USB-Mediums blinkte der ganze Bildschirminhalt für ein paar Sekunden, danach wurde man ins USB-Menü zurückgeschmissen, wenn man in einem Unterordner war
  • Amazon Prime: Bei pausierter Wiedergabe wurde ich manchmal zurück ins Amazon Prime Hauptmenü geschmissen, wenn der Bildschirmschoner dazwischen aktiv wurde
  • Wiedergabe von UHD-Video auf USB-Stick: Nach einer Stunde brach die Wiedergabe ab. Beim Versuch das Video abzuspielen kam die Fehlermeldung: „Video kann nicht abgespielt werden.“ Nach dem vom Strom nehmen des TVs ging es wieder für eine Stunde, dann dasselbe Spiel. Der Fehler war unabhängig vom Timecode des Videos, er passierte immer nach einer Stunde Abspieldauer

Ergänzend dazu: Der für den Test genutzte Heimkino-Receiver ist ein Pioneer VSX-1131, der auch schon mit Modellen anderer TV-Hersteller getestet wurde und dort problemlos funktioniert hat. Dasselbe gilt für die USB-Trägermedien, die genutzt wurden.

Einige dieser Probleme sind womöglich nicht auf Sony, sondern das verwendete Betriebssystem Android TV zurückzuführen. Es hat wohl einen Grund, dass Samsung und LG bei deren TV-Spitzenmodellen auf eigene Betriebssysteme setzen. Aber immerhin: Beim AG9 funktioniert die Sprachsteuerung mit „OK Google“ dank Android TV sehr gut. Die Mikrofone dazu sind übrigens nicht nur in der Fernbedienung, sondern auch im Fernseher selbst verbaut. Wer nicht ständig vom Smart-TV belauscht werden will, kann diese Funktion deaktivieren.

Aufgrund der doch vielen Probleme, habe ich Sony vor Erscheinen dieses Tests um eine Stellungnahme dazu gebeten. Man werde die Punkte überprüfen und sei bemüht mit App-Anbietern zusammenzuarbeiten, um die korrekte Funktion zu gewährleisten.

Fazit

In dem mehrwöchigen Testzeitraum gab es keinen Tag, an dem ich mir nicht mindestens einmal dachte: „Hätte ich 4000 Euro für diesen Fernseher gezahlt, würde ich mich furchtbar ärgern.“ In dieser Preisklasse, im Jahr 2019, darf es einfach nicht sein, dass solche Bugs laufend auftreten und vom Hersteller auf vermeintliche Kleinigkeiten nicht geachtet wird.

Der Knackpunkt ist die Usability. Bei der ist Samsung, selbst mit dem Vorjahresmodell Q9FN, um Klassen besser. Die Stärken des AG9 reichen für mich nicht, um darüber hinwegzusehen. Bei 4K-HDR-Inhalten ist die Bildqualität bei Spitzenmodellen von LG und Samsung der des AG9 relativ ähnlich. Je nach Nutzerpräferenz können diese sogar als besser empfunden werden, weil sie eine deutlichere Weißdarstellung haben. Die geringere Helligkeit des AG9 verhindert zudem, dass er ein echter Allrounder ist. Bei Tag- und Kunstlicht liefern aktuelle LG-OLEDs und Samsung-QLEDs bessere Leistung.

Das heißt nicht, dass der AG9 völliger Mist ist. Wer eine solide Hardware sucht, die an die Heimkino-Präferenzen angepasst werden kann, ist mit dem AG9 gut bedient. Allerdings bekommt man bei der Konkurrenz vergleichbare Qualität, zu einem entweder geringeren Preis oder mit einer Usability, bei der man nicht permanent zähneknirschend auf der Couch sitzt.

Technische Daten auf der Website des Herstellers