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T-Shirt ruft bei Stromschlag die Rettung

Eine unvorsichtige Handbewegung auf den blanken, nicht abgeklemmten Schutzleiter und schon fließt Strom durch den Körper. Elektrounfälle sind insbesondere in der Elektrobranche eine permanent lauernde Gefahr. Die Zentralstatistik elektrischer Unfälle des Bundesministeriums für Wirtschaft, Familie und Jugend im Jahr 2017 hat ergeben, dass im Schnitt 187 schwere Elektrounfälle jährlich in Österreich passieren. Das Risiko, dass ein Elektrounfall generell tödlich endet, ist einer Erhebung der Allgemeinen Versicherungsanstalt  AUVA etwa 25 Mal so hoch wie das durchschnittliche Risiko bei anderen anerkannten Arbeitsunfällen.

Laut Ulrich Klapper, Produktmanager beim Salzburger Unternehmen Adresys für Prüfungslösungen in elektrischen Spannungsanlagen, gebe es normalerweise ein paar konkrete Sicherheitsregeln in der Elektrotechnik, die vor einem Unfall schützen. „In der Praxis ist es aber extrem schwierig, sie jeden Tag, jede Stunde und jede Minute einzuhalten“. Meist sei es eine Verkettung unglücklicher Zusammenhänge, die zu einem Elektrounfall führen, etwa ein kaputter Spannungsprüfer und das Hineingreifen in den nicht-abgeschalteten Stromkreis. 

Spannungsmessung zwischen den Oberarmen

Um schwerwiegende Folgen künftig zu vermeiden, hat Adresys ein intelligentes T-Shirt namens "Angel" entwickelt, an dem 4 Jahre geforscht wurde. Es erkennt, sobald ein*e Elektriker*in mit gefährlicher elektrischer Spannung in Berührung kommt oder kritisch stürzt. Ist das der Fall, setzt das Kleidungsstück einen Notruf ab. In die Ärmel sind Elektroden eingebaut, die Hautkontakt herstellen. Kommt man in Berührung mit Strom, werden Spannungsänderungen im Körper gemessen. „Wenn durch den Körper, zumindest durch eine Schulter, Strom fließt, gibt es einen elektrische Spannung zwischen den Oberarmen“, sagt Klapper. 

Stürzt ein*e Elektriker*in in Folge eines Elektrounfalls zu Boden, erkennen weitere eingebaute Sensoren seine Regungslosigkeit. Die Daten werden umgehend an eine App am Handy weitergeleitet, eine vorab festgelegte Kontaktperson sowie eine Notrufzentrale werden über den Unfall per SMS informiert. Damit Hilfe so schnell wie möglich eilen kann, werden auch die jeweiligen GPS-Daten der Elektrikerin oder des Elektrikers mit gesendet. „Es funktioniert ähnlich wie das automatische Notrufsystem eCall beim Auto, das bei einem Unfall selbstständig Hilfe ruft“, so der Experte.

Daten werden anonymisiert gespeichert

Der Standort des T-Shirt-Trägers wird nicht permanent überwacht: „Es ist nicht möglich, herauszufinden, wo diese Person zum Beispiel den Tag davor war, sondern nur, wo sie zuletzt gesehen wurde, um im Notfall Hilfe rufen zu können“, sagt er. Die Daten und Beschreibungen zu Stromberührungen hingegen werden anonymisiert und detailliert gespeichert. Sobald eine Geschäftsbeziehung endet oder sich ein*e Nutzerin deregistriert, würden ihre oder seine personenbezogenen Daten nach einem Jahr gelöscht.

Da Statistiken zu Elektrounfällen generell relativ dürftig sind, hofft das Team rund um Klapper in weiterer Folge auch, mit dem System Stromberührungen künftig auch umfassender zu quantifizieren. Ihm zufolge habe jede*r Elektriker*in pro Jahr im Schnitt eine Stromberührung. Mit dem System ließe sich etwa messen, wie lange die Stromberührung gedauert hat und wie stark der Strom war. „Wir werden in Zukunft Aussagen treffen können, wann jemand nach einer Stromberührung ohne Bedenken weiterarbeiten kann oder wann er umgehend die Rettung rufen sollte“, so Klapper. 

„Wachhund“ am Kabel in Entwicklung

Das System, das seit September auf dem Markt ist, sei für alle Personen gedacht, die mit Strom in Berührung kommen könnten, also neben Elektriker*innen auch  Mitarbeiter*innen von Energieversorgern, Installateur*innen oder Hausmeister*innen. „Selbst in Autowerkstätten, wo an Elektroautos herumgeschraubt wird, ist so ein System denkbar“, sagt er. Eine typische Ausrüstung koste derzeit unter 1.000 Euro.

Im nächsten Jahr will Adresys auch einen Schalter namens „Watchdog“ auf den Markt bringen, der mit dem T-Shirt gekoppelt ist und Stromkreise unterbrechen kann. Aktuell befindet sich das Produkt noch in der Entwicklung. Der Schalter würde beispielsweise an einem Verlängerungskabel, das über einen „Klotz“ in der Mitte verfügt, angebracht. Wenn jemand beispielsweise einen Defekt bei der kaputten Kaffeemaschine sucht, kann er sie nicht ausschalten. „Wenn diese Person dann an einen spannungsführenden Teil ankommt, soll der Stromkreis unterbrochen werden. Der ,Wachhund’, der auf dem Schalter sitzt, wird demnach aktiv, wenn es zu einer Stromberührung kommt“, so Klapper.

Der Schalter könne aber auch an bestehende Notauskreise, etwa in Werkstätten, angeschlossen werden.

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Andreea Iosa

Andreea Iosa beschäftigt sich mit neuesten Technologien und Entwicklungen in der Forschung – insbesondere aus Österreich – behandelt aber auch Themen rund um Raumfahrt sowie Klimawandel.

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