Dani Clode

Dani Clode

© Dani Clode

Science

Wie wir immer mehr zu Cyborgs werden

Dani Clode “wächst” ein zweiter Daumen aus der rechten Hand. Gegenüber ihres echten Daumens hat die Prothesen-Designerin einen mechanischen Daumen angebracht, den sie unabhängig von ihren anderen Fingern bewegen kann. Clode steuert ihn mit ihren Zehen über Druckknöpfe in ihren Schuhen. Der zusätzliche Daumen erlaubt es Clode etwa, eine Tasse zu greifen und mit derselben Hand ihren Inhalt mit einem Löffel umzurühren. 

Für Clode ist die Prothese eine Erweiterung ihrer Fähigkeiten. Menschen, denen Finger abgetrennt wurden, können mit dem Daumen zumindest einen Teil ihrer Handfunktion zurückgewinnen. In beiden Fällen kann man von einem Cyborg sprechen - von einem Menschen, dessen Körper durch maschinelle Teile ergänzt oder vervollständigt wird.

Clode stellte ihre Forschung diese Woche beim Convergence-Symposium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und des Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds vor. Mit dabei waren zahlreiche weitere Forscher*innen - von Biolog*innen, Neurowissenschaftler*innen, Informatiker*innen bis hin zu Philosoph*innen - die sich die Frage stellten: Wie stark werden unsere Leben und Körper in Zukunft mit Technik verwoben sein?

Prothesen gibt es schon seit Tausenden von Jahren. Die älteste, die bisher gefunden wurde, ist etwa 3.000 Jahre alt. Sie ersetzte den rechten großen Zeh einer Frau im alten Ägypten mit einer geschnitzten Holzzehe. Moderne Prothesen sind nicht mehr einfache Holzstücke, sondern technisch hochkomplexe Maschinen, die mehrere Funktionen des verlorenen Körperteils übernehmen können.

Moderne Prothesen sollen fühlen

Handprothesen lassen sich etwa durch das Anspannen der Armmuskeln steuern. Die Technik ist allerdings begrenzt, denn es fehlt “das Gefühl”. “Die Hand ist mehr ein sensorisches, fühlendes Organ, als ein Werkzeug”, erklärt der plastische Chirurg Oskar Aszmann. Das zeige sich auch bei Experimenten. Werden etwa die Empfindungen der Hand unterdrückt, indem man gewisse Nerven betäubt, gehen viele Funktionen verloren. Die Testperson kann kaum noch ein Streichholz anzünden, obwohl die Beweglichkeit nicht eingeschränkt ist.

Eine Lösung besteht darin, die Prothese mit Sensoren und einem Computer auszustatten und diese direkt mit dem Gehirn zu verbinden. Das Gehirn liefert das Signal einen Gegenstand zu greifen. Die Sensoren in der Prothese antworten, wie stark man zufassen muss. Durch den rasanten technischen Fortschritt wird eine solche Kommunikation zwischen Gehirn und Maschine möglich. Künstliche Intelligenz hilft dabei, die Signale vom Gehirn zu entschlüsseln und die Sensorantwort so zu übersetzen, dass unser Gehirn diese versteht.

Mit Mark Zuckerberg und Elon Musk stehen auch 2 Tech-Milliardäre hinter der Forschung. Während Musks Unternehmen Neuralink auf Implantate setzt, die direkt auf die Hirnrinde gesetzt werden, kaufte Zuckerberg 2019 das Start-up CTRL-Labs, das Nervensignale über ein Armband aufzeichnet. Bei beiden Methoden lassen sich Geräte durch Hirn- bzw. Nervensignale steuern. Neuralinks Implantate können gleichzeitig auch Signale direkt an das Gehirn abgeben. Ob diese von einer Maschine, oder - durch das Internet übertragen - von einem anderen Menschen stammen, ist egal. Noch nie war man der Telepathie so nahe wie heute. 

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Die erste Hirn-zu-Hirn-Übertragung eines Signals gelang bereits vor 10 Jahren, als der Forscher Rajesh Rao die Hand seines Kollegen Andrea Stocco "telepathisch" zum Zucken brachte. Damals verwendete man allerdings eine nicht-invasive Methode und zeichnete die Hirnströme mit einer EEG-Haube auf. Das Gehirn des Empfängers wurde indes mit einem starken Magnetfeld durch den Schädel stimuliert. Auch Rao war diese Woche in Wien zu Gast.

Sind wir bereits Cyborgs?

Philosophisch gesehen sind wir laut der britischen Anthropologin Amber Case “bereits alle Cyborgs”. Der Grund sind unsere Smartphones, die wir mehr oder weniger rund um die Uhr bei uns tragen. Durch sie können wir mit anderen Menschen kommunizieren, smarte Haushaltsgeräte steuern oder Erinnerungen in Form von Fotos und Video speichern. Egal, ob angewachsen oder nicht - Technologie ist bereits ein wichtiger Teil unseres Daseins.

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Marcel Strobl

marcel_stro

Ich interessiere mich vor allem für Klima- und Wissenschaftsthemen. Aber auch das ein oder andere Gadget kann mich entzücken.

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