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Was ist der Unterschied zwischen Impfreaktion und Nebenwirkung?

Müdigkeit, Schüttelfrost, Fieber: Im Zusammenhang mit den Corona-Impfstoffen treten diese oder andere Beschwerden relativ häufig auf. Das ist normal.

Denn jedes Medikament, jede Impfung und jeder andere medizinische Eingriff können neben der gewünschten Wirkung auch milde bis schwerwiegende Reaktionen hervorrufen. Der vielzitierte deutsche Pharmakologe Gustav Kuschinsky hat es einst so ausgedrückt: „Wenn behauptet wird, dass eine Substanz keine Nebenwirkungen zeigt, so besteht der dringende Verdacht, dass sie auch keine Hauptwirkung hat."

Und doch führen die vermeintlich unerwünschten "Nebenwirkungen" bei den derzeit eingesetzten COVID-19-Vakzinen zu Missverständnissen und Angst. Daher ist eine Unterscheidung zwischen Impfreaktionen und Nebenwirkungen wesentlich.

Harmlose Impfreaktionen

„Die Begriffe Impfreaktion und Nebenwirkung werden sehr häufig analog verwendet. Per Definition ist eine Impfreaktion aber eine häufige, normale Reaktion auf eine Impfung, etwa ein lokales Brennen oder eine Rötung an der Einstichstelle sowie Kopfschmerzen oder das Gefühl der Erschöpfung“, sagt der Virologe Lukas Weseslindtner, Facharzt für Virologie an der MedUni Wien, zur futurezone. Die Impfreaktion sei durch die Wirkung des Immunsystems erklärbar – sie entsteht in der Entwicklung einer Immunantwort und ist harmlos.

Neben einer Lokalreaktion könne auch eine systemische Impfreaktion auftreten, wie Fieber, Glieder- oder Muskelschmerzen oder grippeähnliche Symptome. „Auch kurze allergische Reaktionen zählen dazu", sagt der Experte. Sie treten natur- und erwartungsgemäß auf. In einigen Fällen kann die Krankheit, die man bekämpfen will, zudem selbst in abgeschwächter Form als Impfreaktion auftreten.

Schädliche Nebenwirkungen

Im Gegensatz dazu bezeichnet eine Nebenwirkung laut Weseslindtner eine unbeabsichtigte und schädliche Reaktion, etwa eine ausgelöste Fehlbildung bei Ungeborenen, eine Behinderung oder Invalidität. „Schwere Impfnebenwirkungen können auch so gefährlich werden, dass sie in einem Krankenhaus behandelt werden müssen“, sagt er.

Im Gegensatz zu Impfreaktionen können sie also lebensbedrohlich und tödlich sein. Eine im Sprachgebrauch „schwache Nebenwirkung“ bei einer Impfung gibt es also eigentlich nicht - gemeint ist hiermit eine der üblichen Impfreaktionen, wie eben Fieber.

Impfschaden

Treten neurologische Erkrankungen, etwa Lähmungen, oder geistige Behinderungen auf und bleiben auch, spricht man von einem Impfschaden. „Dieser ursächliche Zusammenhang mit der Impfung muss aber bewiesen sein“, erklärt der Fachmann.

Unter anderem wurde dem Impfstoff Pandemrix, der vor etwa 10 Jahren gegen die Schweinegrippe verabreicht wurde, lange Zeit eine schwerwiegende Nebenwirkung beziehungsweise ein Impfschaden nachgesagt. Einige Jahre nach der Verabreichung traten mehrere Fälle von Narkolepsie auf, eine unheilbare neurologische Krankheit, die sich in eine exzessive Tagesschläfrigkeit, Nachtschlafstörung, Halluzinationen oder Schlaflähmung äußern kann. Weltweit wurden 1.300 Fälle bekannt. 

„Inzwischen hat man entdeckt, dass die Erkrankung nicht durch die Impfung ausgelöst wurde, sondern durch Antikörper, die auch im Rahmen einer Infektion gebildet wurden. Eine solche Kreuzreaktion kann im Grunde bei jeder Infektion passieren, wenn das Immunsystem überschießt“, sagt der Facharzt. Die Immunantwort richtet sich dann gegen den ganzen Körper. 

Banale Viren lebensbedrohlich

Im Rahmen der Erprobung von Impfstoffen werde unter kontrollierten Bedingungen sichergestellt, dass möglichst keine Autoimmunreaktionen auftreten, dies gilt auch bei der SARS-CoV-2-Impfung. Laut Weseslindtner können sogar banale, harmlose Viren wie Rhinoviren, die Schnupfen verursachen, für Asthmatiker lebensbedrohlich werden und ihr Asthma verschlimmern. 

„Derartige Auswirkungen von natürlichen Infektionen kommen nicht selten vor – bei Impfungen schaut man aber genauer hin. Im Vergleich zur natürlichen Infektionen ist die Impfung für das Immunsystem und den ganzen Organismus aber viel leichter zu bewältigen“, sagt Weseslindtner.

Keine Nebenwirkung bei Corona-Impfstoff

Bei den Corona-Impfstoffen seien bislang keine schwerwiegenden Nebenwirkungen aufgetreten. Dennoch bereitet das AstraZeneca-Vakzin vielen Menschen und Institutionen Sorgen. Unter anderem haben 2 schwedische Provinzen die Impfung mit diesem Vakzin vorerst eingestellt. Der Grund: 25 Prozent der Geimpften bekamen als Impfreaktion Fieber – in den klinischen Studien waren es gerade einmal 10 Prozent. 

„Die Wirksamkeit ist nicht bei jeder Impfung gleich“, sagt der Mediziner. Der Impfstoff von AstraZeneca ist ein Vektorimpfstoff. Wie bei der RNA-Impfung wird eine genetische Vorlage verabreicht, wodurch das Spike-Protein entsteht, gegen das Abwehrstoffe gebildet werden. Träger dieser genetischen Blaupause ist beim Vektorimpfstoff allerdings ein modifiziertes Adenovirus. Vermehren kann sich das Virus nicht, man benutzt es lediglich, um die genetische Information in die Zelle einzuschleusen, wodurch wiederum das genannte Spike-Protein erzeugt wird. Das Immunsystem beginnt auch hier als Reaktion darauf mit der Herstellung von Antikörpern.

„Die Auffrischung bei diesem Impfstoff wird vereinfacht gesagt dadurch abgeschwächt, dass auch Antikörper gegen den Vektor gebildet werden. Dies erklärt wahrscheinlich die etwas niedrigere Schutzwirkung als bei der RNA-Impfung. Wichtig ist dabei aber, dass die Schutzrate gegen schwere COVID-19-Verläufe durch eine Vektorimpfung ausreichend hoch ist, um den Verlauf der Pandemie zu unseren Gunsten zu beeinflussen“, sagt er. 

Ende der Pandemie

Ziel der Impfung sei, dass Menschen keine schweren Verläufe mehr haben und dass das Gesundheitssystem nicht mehr überlastet ist. Damit ende auch die Pandemie. „Die Impfung ist unsere einzige Chance, uns aus der Pandemie in unser normales Leben zurück zu kämpfen. Wir wissen, dass die Impfstoffe sehr wirksam sind, um schwere COVID-19-Erkrankungen zu verhindern. Dies zeigen unter anderem die jüngsten israelischen Daten“, sagt Weseslindtner.

Die letztlich harmlosen Impfreaktionen müssten wir in Anbetracht dieser Wirksamkeit in Kauf nehmen. Die größere Gefahr entstehe vielmehr durch das Virus selbst: „Nicht nur für Leib und Leben – es bedroht unser soziales und ökonomisches Leben.“

Das Virus werde aber immer zirkulieren, so wie dies bei anderen respiratorischen Viren wie Influenza- und den anderen saisonalen Coronaviren der Fall ist. Ist die Bevölkerung allerdings umfassend geimpft, werde die SARS-CoV-2-Infektion zu einem „banalen“ respiratorischen Infekt.

„Sterilisierende Immunität“

"Eine Herdenimmunität im eigentlichen Sinn werden wir aufgrund der Eigenschaften dieser Virusinfektion und der Art der Immunität, die man dagegen ausbildet, ohnehin kaum schaffen", sagt der Mediziner. Das liege daran, dass es nach einer SARS-CoV-2-Infektion oder Impfung nicht automatisch zur lebenslangen Immunität gegen jegliche neuerliche Virusvermehrung kommt. Dies wird als „sterilisierende Immunität“ bezeichnet.

„Reinfektionen können und werden also immer auftreten. Diese verursachen dann keine oder nur milde Symptome, das Virus kann aber wieder ausgeschieden werden. Nichtgeimpfte sind daher nicht dadurch geschützt, dass die meisten Personen in ihrer Umgebung geimpft sind. Deshalb sollten sich umso mehr Menschen impfen lassen.“

Bei anderen Viren, bei denen man in der Regel sterilisierende Immunität ausbildet, sei das etwas anders. Sind zum Beispiel gegen Masern 90 Prozent der Kinder einer Schulklasse geimpft, sind die Nichtgeimpften sozusagen auf Kosten der Geimpften geschützt, da die Geimpften das Virus überhaupt nicht mehr ausscheiden können. „Nur wenn das Virus einen Nichtgeimpften erwischt, kommt es zum Ausbruch“, sagt Weseslindtner.

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Andreea Iosa

Andreea Iosa beschäftigt sich mit neuesten Technologien und Entwicklungen in der Forschung – insbesondere aus Österreich – behandelt aber auch Themen rund um Raumfahrt sowie Klimawandel.

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