Start-ups
25.01.2019

„80 Prozent der Start-ups sind vermutlich nur heiße Luft“

Pioneers hat sich vom Eventveranstalter zum Betreiber eines Ökosystems für Start-ups entwickelt. CEO Oliver Csendes erläutert die Details.

Futurezone: Vor zehn Jahren wurde die JFDI GmbH als Organisator des Pioneers Festivals gegründet, 2012 fand das Event erstmals in der Hofburg statt. Wie hat sich die Tätigkeit des Teams seitdem verändert?
Oliver Csendes: Wir haben uns von einem Eventveranstalter zu einem Ökosystem-Betreiber gewandelt, denn zusätzlich zu den Veranstaltungen haben wir andere Geschäftsbereiche entwickelt. Wir beraten zum Beispiel Unternehmen dabei, wie sie Open-Innovation-Initiativen umsetzen und mit der digitalen Transformation umgehen. Dabei geht es stark um das unternehmerische Denken der Mitarbeiter und die Zusammenarbeit mit externen Innovatoren. Außerdem sind wir Investoren, wir können Start-ups also zusätzlich durch Wachstumskapital unterstützen.

Wie viel Geld wird dabei investiert?
Zwischen 10.000 und 150.000 Euro. Wir investieren schon sehr frühphasig. Beim Wettbewerb „Startup Live“ bekommen manche Gewinner zum Beispiel schon 10.000 Euro von uns, obwohl die Unternehmen oft noch nicht gegründet sind. Für diese Start-ups macht es noch keinen Sinn, einen externen Investor zu haben. Wir müssen dort flexibel sein und ihnen zum Beispiel ein Nachrangdarlehen geben, wenn sie das wünschen. In dieser Phase müssen Investoren vorsichtig agieren, um später kein limitierender Faktor zu werden – was leider oft passiert, wenn Investoren am Anfang zu große Anteile für sich beanspruchen.

Und wo werden 150.000 Euro investiert?
Mit Pioneers Ventures investieren wir gemeinsam mit Partnern 100.000 bis 150.000 Euro. Das Schöne ist, dass das Investment nicht das Ende der Zusammenarbeit ist. Wir können weiter unterstützen, zum Beispiel mit unserem Netzwerk aus über 200 Business Angels, die Shareholder der startup300-Gruppe sind (Anm.: Pioneers wurde 2018 von startup300 übernommen). Im nächstes Schritt könnte das Start-up ein Crowdfunding über Conda machen, welches nun ebenfalls zu startup300 gehört, oder die Business Angels investieren weiter. Die Idee ist, dass wir die Start-ups von der Zeit vor der Gründung bis zum Investment durch einen großen Risikokapital-Fonds unterstützen. Und schließlich können wir noch Räumlichkeiten in dem Wiener Coworking Space Talent Garden bieten, in den wir nun eingezogen sind, sowie in der factory300 in Linz. Außerdem bieten wir ein Mentorennetzwerk, zu dem unter anderem die Speaker der Pioneers Events gehören.

Was hat sich bei den Events selbst verändert?
Wir sind nach wie vor das Tech-Event mit den meisten internationalen Gästen: 80 Prozent kommen aus dem Ausland. Aber unter jenen 550 besten Start-ups, die wir auf das Event einladen, sind nun immer mehr Österreicher. Sie werden vorher von einer internationalen Jury ausgewählt. Das zeigt, dass sich auch das hiesige Ökosystem weiterentwickelt hat. Und wir öffnen uns stärker für dieses Ökosystem.

Was ist das Alleinstellungsmerkmal der Pioneers-Events, verglichen mit den zahlreichen anderen großen Veranstaltungen in der gleichen Branche?
Wir haben uns irgendwann die Frage stellt: Was bleibt nach einem Pioneers Event, wenn das Licht ausgeht? Es bleiben die persönlichen Beziehungen, die Partnerschaften, die Inspiration. Darauf verlagern wir nun den Fokus. Dazu haben wir ein Match&Meet-Tool entwickelt, das relevante Kontakte auswählt, mit denen man sich Termine ausmachen kann. Die Termine werden automatisiert an den persönlichen Eventkalender des Nutzers angepasst. Das unterscheidet uns von anderen Veranstaltern: Wir wachsen nicht in der Größe, sondern ermöglichen es, die richtigen Menschen zu treffen. Gleichzeitig wurde mit dem Match&Meet-Tool die Grundlage für eine Datenbank geschaffen, mit der unsere Partner zum Beispiel die richtigen Start-ups identifizieren, ihre Entwicklung beobachten und sie unterstützen können. Derzeit besteht die Datenbank aus Profilen von 16.000 Start-ups und über 60.000 anderen Besuchern unserer Events.

In den vergangenen zehn Jahren wurde in punkto Start-ups öfter von einer Spekulationsblase gewarnt. Gibt es noch Luft nach oben, oder sind die Grenzen des Wachstums erreicht?
Ich sehe keine Gefahr einer Blase. Es stellt sich auch die Frage, wie man den Begriff „Start-up“ definiert. Wir haben hier eine sehr enge Definition: Für uns ist ein Start-up ein junges Unternehmen, das auf der Suche nach einem skalierbaren, auf Technologie basierendem Geschäftsmodell ist. Das ist also abzugrenzen von der Definition eines KMU, und es gibt hier noch viel Luft nach oben – auch wenn man sich die Innovationsquote und den Beitrag der Szene zum BIP ansieht. Es wird ein neues System des Wirtschaftens geben, das stärker auf agile, kleine Einheiten setzt. In Sachen Finanzierung sehe ich ebenfalls keine Blase, ganz im Gegenteil: Es liegt viel totes Kapital in Stiftungen und anderswo, das man mobilisieren sollte. Zugleich muss man aber auch sagen, dass es immer wieder zu einer Bereinigung kommt: Nicht jedes Start-up glänzt. Rund 80 Prozent kann man vermutlich als heiße Luft abtun.

Ihr habt euer Büro in den Talent Garden verlegt – das ist einer von vielen Coworking Spaces, die in den vergangenen Jahren aus dem Boden geschossen sind. Gibt es in Wien zu viele oder zu wenig solcher Gemeinschaftsbüros?
Der Markt wird entscheiden, ob es zu viele oder zu wenige gibt. Ich weiß, dass noch einige Anbieter nach Wien kommen werden und ich begrüße diese Entwicklung. Die besagte Veränderung der Wirtschaft wird auch eine Veränderung unserer Arbeitswelt mit sich bringen. Viele Jobs wird es in der bestehenden Form in 20 Jahren nicht mehr geben. Damit ändert sich auch die Art, wie wir lernen und arbeiten. Die Coworking Spaces bieten dafür sehr spannende neue Möglichkeiten.

Neue Arbeitsverhältnisse auch im Sinn von mehr Kleinstunternehmen und mehr Freelancern?
Mehr Kleinstunternehmer und auch verstärkt Großunternehmen, die dezentral agieren und einzelnen Business Units mehr Freiheiten bieten. Denn es geht nun mehr darum, schnell zu reagieren und aktuelle Entwicklungen mit zu gestalten. Und dafür braucht es agile Einheiten. Es wird so oft darüber geredet, dass wir Bedarf an Entwicklern haben – ja, das stimmt. Aber die Transformation wird nicht von den Entwicklern gemacht, sondern von jenen, die unternehmerisch denken, kleine Einheiten zusammenfügen und diese auf das große Ziel ausrichten können. Deshalb ist das Interesse von Großunternehmen an erfahrenen Gründern so groß – weil sie in der Lage sind, mit Unsicherheit umzugehen und Wachstum durch Iteration zu erreichen.

Wenn also jemand mit seinem Start-up scheitert und in diesem Umfeld der Unsicherheit agiert hat, kann er dann als Führungskraft in einem Konzern einsteigen?
Absolut. Für Unternehmen ist diese Erfahrung viel wert und sie merken dies zunehmend. Der Umgang mit Unsicherheit und die Gestaltung in einem solchen Umfeld werden immer wichtiger. Zugleich braucht man in einem Großunternehmen viel Gefühl dafür, mit den vielen verschiedenen Stakeholdern zu kommunizieren. Es gibt dort unterschiedliche Interessen und ein anderes Risikoverhalten, sowie teils sehr strenge Corporate-Governance-Vorschriften.

Was sind die dominierenden Themen 2019 für das Pioneers-Hauptevent und die hiesige Gründerszene?
Für Pioneers 19 haben wir eine Storyline, die den Lebenszyklus des Menschen abbildet, von der Geburt bis zur Frage, was nach dem Tod passiert. Damit zeigen wir, dass jede Technologie dazu da ist, dem Menschen zu helfen. Wir behandeln Genmanipulation ebenso wie die Frage, wie Krankheiten entstehen. Auch Lebensräume, sowie Veränderungen in Gesellschaftsstrukturen und in der Arbeitswelt, werden Themen sein. Ausbildung wird auch thematisiert: Sollen wir unseren Kindern noch Coding beibringen? Oder ist es wichtiger, dass sie Soft Skills lernen? Vielleicht werden wir künftig auch mehr unterrichten, wie man glücklich wird, als wie man reich wird. Bei vielen dieser Fragen handelt es sich um Wertediskussionen rund um eine Gesellschaft, in der Menschen mit Maschinen koexistieren.

Welche einzelnen Start-up-Branchen sind für diese Entwicklung maßgeblich?
In Wien sehen wir einen Cluster bei Healthcare- und Life-Sciences. Laut Wirtschaftsagentur Wien sind Gesundheitsprodukte das größte Exportgut der Stadt. Außerdem ist das Thema GovTech wichtig, weil sich unsere gesellschaftlichen und demokratischen Systeme verändern werden. Ein weiteres Thema ist der Umgang mit Daten, auch unter dem ethischen Betrachtungswinkel. Und schließlich ist auch AgTech, also alles rund um Landwirtschaft und Ernährung, ein großes Thema.

Was sind die Pioneers-Pläne für die nahe Zukunft?
Wir werden das Ökosystem weiter entwickeln, auch international neue Standorte eröffnen und die Vernetzung von mehreren Städten vorantreiben. Start-ups müssen international denken, um skalierbar zu sein, und das ermöglichen wir ihnen nun mit unserem neuen System. Zudem werden wir unsere Investmentaktivitäten deutlich in die Höhe schrauben. Und im österreichischen Ökosystem wollen wir eine stärkere Zusammenarbeit etablieren. Unser größter Wachstumstreiber ist außerdem unsere Beratungsschiene, dieses Angebot werden wir weiter ausbauen.   

Auffällig ist, dass Sie das Hauptevent gerade mit keinem Wort erwähnt haben.
Ja, das Event ist toll, es inspiriert und bringt die Leute zusammen. Aber es ist nur eine punktuelle Maßnahme. Wir sind hingegen ein Ökosystem, das ganzjährig für die Community da sein soll und das wir jahrelang aufgebaut haben. Das ist der Unterschied zwischen Pioneers 2012 und Pioneers 2019. Das Ökosystem war vor ein paar Jahren noch nicht da, deshalb musste es aufgebaut werden.