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© Sono Motors

Start-ups

Wie das Solarauto Sion am E-Auto-Markt Fuß fassen will

Der Sion sorgt seit vielen Jahren für Applaus bei den Einen, für Kopfschütteln bei den Anderen. Mit einem Elektroauto, das durch Solarzellen auf der ganzen Karosserie beim Parken seinen Akku füllt, will das Münchener Start-up Sono Motors seit 2016 seine Vision von leistbarer, umweltfreundlicher Mobilität verwirklichen. Das Vorhaben stand und steht vor zahlreichen Herausforderungen. Vor einem Jahr schrammte das Unternehmen knapp an einer Pleite vorbei. Trotz Corona-Krise kam es aber an weitere Investitionen.

Lizenz für Solartechnologie

Die jüngste Finanzierungsrunde im Dezember 2020 brachte 45 Millionen Euro. Im Zuge der online veranstalteten Consumer Electronics Show (CES) 2021 hat Sono Motors nun bekannt gegeben, anderen Fahrzeugherstellern die Lizenz anzubieten, die eigene Solarzellen-Technologie zu verwenden. Als Beispiel, was sich mit den in Polymer eingebetteten Zellen anfangen lässt, wurde ein damit übersäter LKW-Anhänger präsentiert.

"Im Grunde kann jedes fahrende Objekt mit dieser Technologie ausgestattet werden", meint Sono-Motors-Mitbegründer und CEO Jona Christians im Gespräch mit der futurezone. "Kühlanhänger von LKWs haben oft einen Dieselgenerator dabei. Mit Solarzellen könnte man den ersetzen." Mit vier Interessenten wurden bereits Absichtserklärungen für eine Lizenzierung unterzeichnet, darunter auch ein Eisenbahn- und ein Schifffahrtunternehmen.

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Die Sono-Motors-Gründer Jona Christians (li.) und Laurin Hahn (re.) vor einem LKW-Anhänger mit Solarzellen

Mehr Mitarbeiter

Rechtzeitig zum fünfjährigen Firmenjubiläum scheint Sono Motors momentan finanziell sorgenfrei zu sein. "Wir sind gut aufgestellt", meint Christians. Derzeit arbeiten knapp über 100 Personen für das Start-up. Es sollen noch mehr werden. "Dieses Jahr werden wir einen massiven Anstieg haben." Vor 3 Jahren belegte die Firma in einem Bürogebäude in München ein Stockwerk. "Jetzt sind es 3 Stockwerke, plus einer großen Industriehalle und einem eigenen Showroom."

Die Entwicklungsarbeit am Sion ist weit gediehen. Noch heuer soll es zu einem so genannten "Design Freeze" kommen. Danach werden keine Anpassungen mehr am Auto vorgenommen, um die passenden Werkzeuge für die Produktion bestellen zu können. "Die Fahrzeugentwicklung ist ein iterativer Prozess, aber wir sind schon sehr final. Im Detail gibt es noch Feinheiten, die man schleifen muss. Im Groben wird es aber keine Änderungen mehr geben", sagt Christians.

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Lebendes Moos soll im Sion-Innenraum die Luftfeuchtigkeit regulieren und Staub aus der Luft filtern

Produktionsstart 2021 geplant

Die Herstellung wird das schwedische Unternehmen NEVS übernehmen, das früher Saab-Fahrzeuge produziert hat. Die vorhandene Produktionslinie auf die Herstellung eines Elektroautos umzustellen, noch dazu mit Solarzellen, sei eine Herausforderung. "Aber NEVS ist extram agil. Wir waren selbst im Werk in Trollhättan, um uns ein Lagebild zu verschaffen. Es herrschen sehr gute Bedingungen dort. Man spürt, was Saab ausgemacht hat. Die Produktionshallen sind durchdrungen von Qualitätsdenken."

Die Produktion des Sion soll noch 2021 beginnen, aber Sono Motors musste den Termin bereits von ursprünglich 2019 auf heuer verschieben. Ob es sich diesmal wirklich ausgehen wird, darauf will sich Christians nicht festnageln lassen: "Von der Corona-Krise wurde die gesamte Automobilindustrie getroffen, also auch unsere Zulieferer. Wir müssen einfach unseren Fokus behalten, die nächsten Prototypen entwickeln. Dann werden wir bekannt geben, was das für unser Timing bedeutet."

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Ein einsamer Sion in den Produktionshallen von NEVS in Trollhättan, Schweden

Unterstützung durch Fans

Über 12.600 Vorbestellungen gibt es unterdessen bereits für den Sion. Die Kosten dafür (ab 500 Euro) trugen einen Teil zur Finanzierung von Sono Motors bei. Dass es bisher noch nicht zu größerem Unmut gekommen ist, sei der engen Einbindung der Interessenten in den Entwicklungsprozess zu verdanken. "Unsere Community ist so eingebunden, wie bei sonst keinem Autohersteller", meint Christians. "Die stehen komplett hinter uns, auch wenn es Rückschläge gibt. Ungeduld ist nichts Schlimmes. Wir sind auch ungeduldig. 'Wann ist es soweit?' fragen uns schon einige, aber das ist kein Punkt, wo wir einen Bruch mit diesen Menschen haben."

App in der Beta-Phase

Abgesehen von der Hardware soll der Sion auch durch Software neue Wege beschreiten. Herzstück ist eine App, mit der Besitzer aus der Ferne diverse Fahrzeugfunktionen steuern, den Sion aber auch der Allgemeinheit zur Verfügung stellen können. Car Sharing, Ride Pooling und Power Sharing soll jeder Sion beherrschen. Man soll sein Auto also verleihen, fremde Passagiere auf bestimmten Reiserouten mitnehmen oder anderen Elektroautos etwas von der eigenen Akkuladung abgeben können.

"Bei der Softwareentwicklung sind wir viel freier als bei der Fahrzeugentwicklung. Die App gibt es bereits, sie ist in der Beta-Phase und wird bereits getestet. Wir spielen dabei genau unsere Use Cases durch. Wenn der Sion rauskommt, wollen wir die beste App anbieten." Die App sei ein Schlüssel dazu, die eigene Vision von nachhaltiger Mobilität umzusetzen. "Wir sehen, dass der Sion allein nicht die Lösung des Problems ist. Fahrzeuge stehen den Großteil der Zeit herum." Für einen Fahrzeughersteller sei es ungewöhnlich, die Mitnutzung zu erleichtern und damit Autobesitz teilweise obsolet zu machen, aber das sei nun mal der Weg, den man gehen wolle.

3 Wartungsmodelle

Den Besitz eines Sion will Sono Motors unterdessen möglichst komfortabel machen. Für Bastler will das Start-up künftig etwa Ersatzteile in einem Online-Shop und dazu passende Einbauanleitungen anbieten. Außerdem werden Werkstatthandbücher offengelegt. Das soll es ermöglichen, den Sion bei jeder freien Werkstätte reparieren zu lassen. Als dritte Schiene will Sono Motors gemeinsam mit Partnern einen Dienst anbieten, bei dem ein defekter Sion abgeholt wird und repariert zurückkommt.

Während bei der Wartung auf unterschiedliche Bedürfnisse eingegangen wird, soll es bei der Ausstattung der Fahrzeuge keine Wahlfreiheit geben. Es wird weder verschiedene Innenraum-Designs geben, noch mehrere Batteriegrößen zur Auswahl. "Wir bieten nur eine Variante an, weil wir nur damit in das Preissegment kommen, das wir anvisieren", meint Christians. Die 35 kWh-Batterie mit rund 250 Kilometer Reichweite ist also fix.

Kompromisse beim Preis

Der Sion soll laut derzeitiger Planung für rund 25.500 Euro in den Handel kommen. Für ein Elektroauto mit der Akku-Größe und Reichweite, 120-kW-Motor, 50 kW Schnelllademöglichkeit (CCS), einem vergleichsweise großen Kofferraum mit 650 Liter Fassungsvermögen und einer Kupplung für Anhänger bis 750 Kilogramm ist das ein günstiger Preis. Dazu kommt, dass man durch die Solarzellen im besten Fall Strom für 35 Kilometer Reichweite pro Tag gratis dazubekommt. Dennoch musste Sono Motors seine ursprünglichen Vorstellungen hier bereits stark anpassen. 2018 war noch von einem Preis um 16.000 Euro die Rede.

"Natürlich gibt es den Punkt, wo man Kompromisse machen muss", meint Christians. "Aber wir haben Prinzipien, etwa die Verwendung von 100 Prozent grünem Strom in der Produktion oder die Verwendung von fair gewonnenem Kobalt. Wir sind noch nicht in allen Bereichen perfekt, aber wir sehen den Weg."

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Das stürmische Meer der Automobilbranche wird zu einer großen Herausforderung für Sono Motors

"Schwieriges Unterfangen"

"Sono Motors ist ein Start-up, das interessante Neuerungen im Programm hat", meint Stefan Bratzel, der Direktor des Center of Automotive Management, den die futurezone um eine Lageeinschätzung gebeten hat. "Um in der Autoindustrie Fuß zu fassen, braucht es aber mehr als das." Hunderte Millionen Euro Kapitaleinsatz seien notwendig, um Fahrzeuge in einträglicher Stückzahl an den Start zu bringen. Gerade im niederpreisigen Segment sei der Einstieg schwierig, denn dort seien nur geringe Gewinnmargen zu erwarten.

"Gerade wenn man einsteigt, droht man den einen oder anderen Kostenaspekt zu vernachlässigen. Ein Geschäftsmodell bricht da schnell zusammen, so wie wir es bei e.GO erlebt haben", sagt Bratzel. Der Aachener E-Auto-Hersteller e.GO Mobile hat im April 2020 Insolvenz angemeldet, fand im September 2020 aber einen Investor und will weiterhin kleine E-Autos auf den Markt bringen. Erschwerend komme hinzu, "dass die großen Hersteller gerade massiv dabei sind, neue E-Auto-Modelle auf den Markt zu bringen. Es geht hier um große Stückzahlen, die am Markt zu geringen Kosten pro Stück landen werden." Zusammenfassend meint Bratzel: "Für Sono Motors wird es ein schwieriges Unterfangen werden."

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David Kotrba

Ich beschäftige mit großteils mit den Themen Mobilität, Klimawandel, Energie, Raumfahrt und Astronomie. Hie und da geht es aber auch in eine ganz andere Richtung.

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