Start-ups

Warum es KI-Start-ups in Österreich schwer haben

Alle 3 Jahre fährt ein Auto durch Wien, um Daten zu sammeln. Daten, zu folgenden Fragen: Wie kaputt sind die Straßen? Sind noch alle Bodenmarkierungen sichtbar? Sind die Mülleimer noch alle dort, wo wir sie aufgestellt haben? Das aufgenommene Bildmaterial wurde bisher großteils händisch ausgewertet. Menschen zeichneten auf Karten die Stellen ein, bei denen es Abweichungen gibt.

Das österreichische Start-up EnliteAI hat ein Programm mit einer künstlichen Intelligenz (KI) entwickelt, mit dem man diesen Prozess automatisieren kann. Doch das System kann noch viel mehr erkennen: „Man kann damit auch neue Objektklassen definieren, wie: Grünraum, wie gesund die Bäume sind, oder wie der Zustand der Radwege ist“, erklärt Clemens Wasner, einer der Gründer von EnliteAI, im Gespräch mit der futurezone.

Die Stadt Wien setzt bereits auf diese moderne Lösung. Doch für EnliteAI angefangen hat alles mit internationalen Kund*innen. „Wenn wir keine internationalen Partner*innen gefunden hätten, würde es uns nicht geben“, sagt Wasner. Dabei hat die Lösung ein Riesenpotential. Wasner schätzt das Marktvolumen auf 50 bis 60 Milliarden.

Clemens Wasner, EnliteAI Gründer

Automatisierung des Stromnetzes

Auch das zweite Produkt, das EnliteAI mit Forschungsförderungen aus und in Österreich entwickelt hat, stößt ausgerechnet am heimischen Markt auf weniger Interesse als im Rest der Welt. Damit lassen sich Stromübertragungsnetze automatisiert steuern. Die KI trifft dann selbstständig Entscheidungen über den Zustand des Stromnetzes. Dadurch lassen sich teure Kosten, die bei einer manuellen Schaltung mit Zukäufen am Strommarkt erfolgen, vermeiden.

Das System basiert auf „Reinforcement Learning“, einer Form von Machine Learning, mit der Computer lernen, Aufgaben durch wiederholte Interaktionen in einer dynamischen Umgebung auszuführen. EnliteAI hat jahrelang daran geforscht und auch den Staatspreis Innovation dafür in Österreich erhalten.

Es ließen sich damit bis zu 60 Prozent der derzeit entstehenden Kosten einsparen, in Österreich wären das 80 bis 120 Millionen Euro pro Jahr, so Wasner. Das System müsste jetzt in der Praxis erprobt werden. Interessent*innen finden sich in Österreich trotz des großen Potentials jedoch nicht. „Wir haben jetzt einige Pilotprojekte mit internationalen Stromnetzbetreibern gestartet, unter anderem mit dem französischen Netzbetreiber RTE“, sagt Wasner. „Mich macht das sprachlos, dass wir in Österreich hören: Pilotprojekt gerne, aber wir wollen nichts dafür zahlen. Dabei reden wir hier nicht einmal von sechsstelligen Beträgen“, so der Gründer des KI-Start-ups.

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Stefan Engl, Gründer von Deep Opinion

"Nehmen Widrigkeiten auf uns"

Auch Stefan Engl vom KI-Start-up Deep Opinion berichtet Ähnliches. „Österreich ein super Land, aber als Umgebung, um ein schnell wachsendes Technologieunternehmen aufzubauen, ist es im internationalen Vergleich relativ schlecht“, sagt Engl. Und dabei spricht er nicht nur vom Silicon Valley, sondern auch von Deutschland, Frankreich, Großbritannien oder der Schweiz. „Ich will es aber von hier aus machen und dafür nehmen wir Widrigkeiten auf uns. Das Gute ist: Seit Covid-19 ist die Welt remoter geworden“, so Engl.

Das 2021 gegründete Start-up Deep Opinion automatisiert wiederkehrende kognitive Aufgaben mit Hilfe einer KI. „Das können Tätigkeiten sein wie E-Mails von einem allgemeinen Postfach in andere Folder zu verschieben, oder an andere Zielpersonen zu versenden, oder das Verbuchen von Rechnungen“, so Engl. „Menschen sollen stattdessen wieder für wichtige Dinge eingesetzt werden können. Etwa zum Treffen von Entscheidungen oder für strategisches Denken“, sagt der Gründer von Deep Opinion. „Die Jobs, die sich um repetitive Aufgaben drehen, das waren sowieso keine schönen Jobs. Sie haben niemandem Spaß gemacht.“

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Auf internationaler Kapital- und Kund*innenjagd

Doch die Herausforderungen für das KI-Start-up sind gewaltig. „Wir sind nicht gerade mit Investor*innen gesegnet, die breite Masse sitzt in London, Berlin oder den USA. Auch die österreichischen Betriebe agieren nicht super schnell, wenn es darum geht, das Risiko einzugehen, mit einem Start-up zusammenzuarbeiten. Deshalb müssen wir international sowohl auf Kapital- als auch auf Kund*innenjagd gehen“, erklärt Engl. Auch die Mitarbeiter*innen in dem Bereich, die Talente, seien großteils im Ausland zu finden. „Und plötzlich sitzt nur noch das Kernteam hier in Österreich, und der Firmensitz. Aber wenn du erfolgreich sein willst, musst du diese Schritte setzen“, erklärt Engl.

Beide Start-up-Gründer sind sich einig, dass Österreich hier großes Potential verspielt. Wasner von EnliteAI sieht noch „Aufholbedarf auf Investor*innenseite“. „Es handelt es sich bei KI um eine Kern-Zukunftstechnologie, die die nächsten 10 bis 30 Jahre prägen wird“, sagt Engl. Dafür würde in Österreich „viel zu wenig Geld“ in diese Technologie gesteckt. „Wir leisten einen kleinen Beitrag und versuchen auch, das Bewusstsein dafür zu schaffen, aber letztendlich hängt es an den Entscheidungsträgern“, erklärt Engl.

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Barbara Wimmer

shroombab

Preisgekrönte Journalistin, Autorin und Vortragende. Seit November 2010 bei der Kurier-Futurezone. Schreibt und spricht über Netzpolitik, Datenschutz, Algorithmen, Künstliche Intelligenz, Social Media, Digitales und alles, was (vermeintlich) smart ist.

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