Zwei Männer installieren Solarmodule auf einem Dach

Photovoltaikanlagen zu installieren erfordert unterschiedliche Kenntnisse. Experten dafür gibt es nicht in ausreichender Zahl

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Energiewende: Solarmodul vorhanden, aber niemand montiert es

Bis 2030 sollen in Österreich 27 Terawattstunden Strom mehr als bisher durch Solar-, Wind-, Wasserkraft und Biomasse erzeugt werden. Zur Einordnung: Der jährliche Gesamtstromverbrauch liegt momentan bei rund 75 TWh. Es ist ein gewaltiger Aufwand notwendig, um die Stromversorgung des Landes von fossilen auf erneuerbare Quellen umzustellen. Die Energiewende ist zur Erreichung der Klimaziele absolut notwendig. Viele Privatpersonen und Unternehmen sind auch bereit, das Klima zu schützen und das Land weniger abhängig von Öl- und Erdgasimporten zu machen. Ihre Ambitionen scheitern momentan aber oft daran, dass Produkte wie Solarmodule zwar vorhanden sind, das Personal, um sie zu montieren, aber fehlt.

Beschwerden wegen Überlastung

Die Auftragsbücher von Dienstleistern sind prall gefüllt, es mangelt aber an Elektriker*innen, Installateur*innen, Dachdecker*innen und Fachkräften aus anderen Berufen, um sie auszuführen. "In der Branche sagt fast jeder, er hat zu wenige Arbeitskräfte und bekommt auch keine qualifizierten", schildert Hubert Fechner, Obmann der Technologieplattform Photovoltaik. "Wir bekommen viele Rückmeldungen von Leuten, die lange auf ein Angebot für eine Anlage warten müssen, weil die Firmen überlastet sind."

4 bis 5 Mal mehr Personal notwendig

"Einen Fachkräftemangel gibt es in vielen Bereichen. Das ist generell ein Problem, das nicht nur die Energiewende betrifft", sagt Martina Prechtl-Grundnig, Geschäftsführerin des Verbands Erneuerbare Energien Österreich. In dem Bereich gebe es große planerische Unsicherheiten und Mängel bei der Ausbildung, der Druck sei währenddessen enorm. Alleine bei Photovoltaik soll die Kapazität der Stromproduktion von derzeit 2 Terawattstunden auf 13 TWh pro Jahr erweitert werden. Laut Fechner sei das nur möglich, wenn wesentlich mehr Personal als heute vorhanden wäre.

2030 sollen 100 Prozent des Stroms in Österreich aus erneuerbaren Quellen stammen

Zu wenig Planungssicherheit

In die Ausbildung von Fachkräften können und wollen viele Unternehmen in der Branche nicht investieren, weil sie keine geeigneten, vor allem stabilen, Rahmenbedingungen vorfinden. Es ist etwa immer noch unklar, wie hoch die Förderungen gemäß Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz sein werden. In Österreich gab es in den vergangenen Jahren eine kaum planbare Situation von "Stop-and-Go"-Förderungen. Manchmal gab es Förderungen, manchmal nicht. Unterschiedliche Vergabemechanismen führten zu Chaos. Fechner: "Die Situation war oft unbefriedigend. Als Installateurbetrieb würde ich nicht 10 Leute aufnehmen, wenn ich nicht weiß, ob die Förderung nach einem Jahr ausläuft."

Laut Martina Prechtl-Grundnig sehe man in einzelnen Bereichen, was Sicherheit bringt: "Bei der Raumwärme gibt es durch die Förderaktion 'Raus aus Öl' eine mehrjährige Perspektive. Das führt dazu, dass Firmen selbst aktiv werden bei der Ausbildung, etwa bei der Aufnahme von Lehrlingen."

Multitalente mit Grundwissen gesucht

In der Ausbildung gebe es ein weiteres Problem. Für die Montage von PV-Anlagen benötige man etwa Kenntnisse in verschiedenen Fachbereichen, etwa Elektro- und Heiztechnik, Fassadenbau und Dachdecken. Laut dem Fachverband der Elektro- und Elektronikindustrie (FEEI) gebe es momentan nicht viele Fachkräfte, die mehrere Bereiche beherrschen und gewerberechtlich darin tätig sein dürfen. Hier könnten Zusatzschulungen helfen, die aber erst entwickelt werden müssen.

Auf das reichhaltige Angebot an Arbeitslosen zurückzugreifen, sei nicht so einfach, denn eine Grundausbildung in Elektrotechnik wäre wichtig. "Unser Bereich ist mit Gefahren verbunden. Man muss etwa mit hohen Stromspannungen sicher umgehen können, sonst kann das gefährlich werden", meint Fechner. Laut FEEI sei es die Vorstellung, bei jedem Wetter im Freien zu arbeiten, für viele Menschen unattraktiv.

Viele Jobangebote

Politisch gebe es jedenfalls dringenden Handlungsbedarf, sind sich die Experten einig. Zu den Klimaschutzplänen käme der Krieg in der Ukraine dazu. "Jeder, der irgendeine Möglichkeit sieht, Gas abzudrehen, versucht das jetzt. Dadurch spitzt sich die Lage zu", meint Fechner und richtet einen Appell an die Jugend: "Der Energiesektor und speziell der Strombereich wird wesentlich wichtiger in der Zukunft. Man kann nur jedem jungen Menschen raten, da einzusteigen. Man kann da nichts falsch machen und findet in den kommenden Jahren jedenfalls viele Jobangebote."

Erneuerbare-Ausbau-Gesetz

Klimaneutralität
Das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz ist einer der Grundpfeiler, um Österreich bis 2040 klimaneutral zu machen. Im Juli 2021 ist es in Kraft getreten, allerdings sind manche Punkte, die per Verordnung geregelt werden, noch nicht finalisiert

Vollversorgung
Laut EAG soll Österreich bis 2030 mit 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Quellen versorgt werden. Rechtliche Rahmenbedingungen dafür sollen ausdrücklich ein stabiles Investitionsklima schaffen

Gemeinschaftlich
Das EAG soll auch die Bildung Erneuerbarer-Energie-Gemeinschaften erleichtern. In der Praxis gibt es dennoch viele bürokratische Hürden, was für Kritik sorgt

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David Kotrba

Ich beschäftige mich großteils mit den Themen Mobilität, Klimawandel, Energie, Raumfahrt und Astronomie. Hie und da geht es aber auch in eine ganz andere Richtung.

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