Der T-64 wird in modernisierter Version immer noch eingesetzt, unter anderem in der Ukraine

Der T-64 wird in modernisierter Version immer noch eingesetzt, unter anderem in der Ukraine

© APA/AFP/GENYA SAVILOV / GENYA SAVILOV

Militärtechnik

Russlands bizarrer T-64 Panzer, der Atomraketen verschießt

In den 50er- und 60er-Jahren nahm der Kalte Krieg Fahrt auf und damit das nukleare Wettrennen. Das brachte eine Vielzahl an gewagten Konstruktionen hervor, die aus heutiger Sicht leicht- bis irrsinnig erscheinen. Das reicht von Luft-Luft-Raketen mit Atomsprengkopf bis zu Mini-Atombomben, die sich Fallschirmspringer um die Beine schnallen sollten.

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Während die westlichen Experimente und Versuche gut dokumentiert sind, ist bis heute viel hinter dem Eisernen Vorhang verborgen geblieben. Einen Blick auf die sowjetischen Versuche liefert eine Skizze eines T-64 Kampfpanzers mit nuklearer Bewaffnung.

T-64 Rezeda

T-64 Rezeda

Kanone im Kaliber 360 mm

Die Idee stammt aus Anfang der 60er-Jahre. Sie basiert auf dem Kampfpanzer T-64. Der T-64 wurde seit den 50er-Jahren entwickelt, erste Prototypen wurden 1958 getestet. Die Produktion von Objekt 432, das später als T-64 in der sowjetischen Armee eingeführt wurde, begann im Jahr 1963.

Projekt 432 im Panzermuseum Kubinka

Projekt 432 im Panzermuseum Kubinka

Der reguläre T-64 hatte eine Kanone im Kaliber 115 mm. Für die atomare Variante war ein Rohr mit 360 mm Durchmesser vorgesehen – also 3-mal so dick. Dieses war dafür ziemlich kurz. Denn mit diesem Durchmesser hätte ein langes Rohr zu viel Gewicht gehabt und die Mobilität und Balance des Panzers eingeschränkt.

Ein kurzer Lauf bedeutet aber weniger Präzision und Reichweite. Das wurde durch 9M24 Rezeda kompensiert - ein Geschoss mit integrierter Treibladung. Die Treibladung beschleunigt das Geschoss, wie ein kleiner Raketenmotor, auch nach dem Verlassen des Laufs. Dadurch ist kein langes Rohr nötig, indem, wie bei einem normalen Panzer-Geschoss, das Pulver der Ladung verbrennen kann, um das Projektil möglichst lange zu beschleunigen.

Nuklearer Mörserpanzer

9M24 wog 150 kg, wovon 90 kg auf den nuklearen Gefechtskopf entfielen. Das Geschoss ist ungelenkt, Flugbahn und Reichweite wurde durch den Winkel des Rohrs bestimmt. Vorgesehen war ein Einsatzbereich von 2 bis 6 km.

Es wurde eher wie ein Mörser als wie eine normale Panzergranate verschossen, weshalb die Präzision nur bei etwa 200 Metern lag. Der Mangel an Genauigkeit wurde mit Sprengkraft weggemacht. Die Atomexplosion hatte eine Stärke von 0,5 kt. Würde man diese Sprengkraft mit normalen TNT erreichen wollen, bräuchte man dazu einen TNT-Würfel, der 4,32 Meter groß ist. Zum Vergleich: Die größte konventionelle Bombe der Welt, die russische ATBIP, hat eine Sprengkraft von 0,044 kt, wiegt aber 7 Tonnen.

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Bei einer Atomexplosion mit 0,5 kt am Boden entsteht ein Feuerball mit 67 Metern Durchmesser, der alles pulverisiert. Die tödliche Druckwelle hat 173 Meter Durchmesser. Bis zu 363 Meter entstehen durch die Druckwelle große Schäden und lebensbedrohliche Verletzungen. Die Strahlung ist bis zu einem Radius von 1,72 km tödlich.

9 Atomgranaten an Bord

Der T-64 Rezeda sollte ein Kampfgewicht von 36 Tonnen haben. Das inkludiert 9 Stück 9M24. 3 befanden sich im Turm und 6 in der Wanne. Weil die Geschosse 2,3 Meter lang waren, war nur Platz für 2 statt der üblichen 3 Besatzungsmitglieder. Der Fahrer war in der Wanne, der Kommandant, der gleichzeitig das Geschütz abfeuerte, im Turm.

Da die 9M24 nicht nur lang, sondern eben auch 150 kg schwer waren, wurde ein Autolader benötigt. Die Technologie war damals noch neu für die Sowjetunion. Der T-64A, die Weiterentwicklung des T-64, hatte als erste sowjetischer Panzer einen Autolader für das 125mm-Hauptgeschütz. Ein erster Prototyp des T-64A wurden 1966 getestet.

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T-64 Rezeda sollte ganze Panzerverbände auf einmal ausschalten

Eine direkte Konfrontation mit anderen Panzern war in dem Konzept des T-64 Rezeda nicht angedacht. Zur Selbstverteidigung war nur ein koaxiales Maschinengewehr vorgesehen, zur Abwehr von Infanterie.

Der atomare T-64 sollte zusammen mit Panzerbataillonen agieren. Anfang der 60er-Jahre ging man noch davon aus, dass sich große Panzerschlachten in Europa wiederholen werden, so wie im Zweiten Weltkrieg. An der Schlacht von Kursk (1943) waren etwa über 7.000 Panzer beteiligt. Ein gut platzierter Schuss mit der 9M24 hätte auf einen Schlag Dutzende Panzer ausschalten können.

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Konzept erinnert an den deutschen Sturmtiger

Der zweite geplante Einsatzzweck war der Beschuss von militärischen Befestigungen und starken Verteidigungsanlagen. Das erinnert an den Sturmmörser Tiger der Wehrmacht, auch bekannt als Sturmtiger.

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Dieser hatte einen 380mm-Mörser, der ursprünglich für die Marine entwickelt wurde. Die Reichweite betrug 5 Kilometer. Eine spezielle Hohlladungsgranate sollte in der Lage sein, 2,5 Meter Stahlbeton zu durchschlagen. Eingesetzt werden sollte der Sturmmörser, um befestigte Stellungen und Bunker zu zerstören.

Das Geschütz wurde auf Fahrgestellen von beschädigten Tiger-Panzern gebaut, hatte aber keinen drehbaren Turm. Insgesamt wurden nur 10 Sturmmörser gebaut. Einen davon kann man im deutschen Panzermuseum Munster anschauen, das zweite verbliebene Stück ist in Russland im Panzermuseum Kubinka ausgestellt.

Sturmmörser Tiger im Panzermuseum Kubinka

Sturmmörser Tiger im Panzermuseum Kubinka

Panzer wurde nie gebaut

Zum Einsatz kam der T-64 Rezeda nie und wurde nach aktuellem Wissensstand auch nie als Prototyp gebaut. Ursprünglich war vorgesehen, zumindest 9M24 1965 zu testen, was aber nie stattfand. Die offiziellen Gründe für die Aufgabe des Projekts sind nicht bekannt. Vermutlich scheiterte es beim T-64 Rezeda an der Konstruktion des Autoladers und daran, dass die Modifikationen am normalen T-64 zu groß gewesen wären – also eigentlich ein neuer Panzer gebaut hätte werden müssen.

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Stattdessen wurde 1968 mit Taran ein Nachfolgeprojekt gestartet. Die Basis dafür war der T-64A. Er sollte Raketen im Kaliber 300 mm verschießen können, die mit verschiedenen Gefechtsköpfen bestückt sind.

Konzeptgrafik für T-64A Taran

Konzeptgrafik für T-64A Taran

Geplant waren ungelenkte Raketen, Antipanzerraketen mit einem Suchkopf und Raketen mit einem Atomsprengkopf mit einer Stärke von 0,3 kt. Die Reichweite der nuklearen Variante sollte 8 bis 10 km betragen. Taran hat es nie in die Prototypen-Phase geschafft, die Entwicklung wurde in den 70er-Jahren gestoppt.

Künstlerische Darstellung: So hätte der T-64A Taran aussehen können

Künstlerische Darstellung: So hätte der T-64A Taran aussehen können

US-Panzer T-95 sollte Mini-Nukes verschießen

Ein Grund dafür soll gewesen sein, dass auch die USA ähnliche Projekte aufgegeben haben. 1958 gab es einen Entwurf des amerikanischen T-95 Panzers mit einem Rohr im Kaliber 394mm.

T-95 mit Turm für M388

T-95 mit Turm für M388

Dieser sollte eine modifizierte Version der Atomgranate M388 verschießen. M388 wurde für das Waffensystem M28/M29 Davy Crockett gebaut. Die „Mini Nuke“, wie sie von US-Truppen genannt wurde, konnte damit auf bis zu 4 km verschossen werden.

Der T-95 für die M388 wurde nie gebaut. Das M29 Davy Crockett wurde im August 1967 aus Westdeutschland zurückgezogen. Dort war es bei den stationierten US-Truppen und wurde nie im Kampf eingesetzt.

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Sowohl Russland als auch die USA setzten im Verlauf des Kalten Kriegs einen größeren Fokus auf Atombomben und Raketen, statt Projektile für Panzer. Bis zum Ende des Kalten Kriegs wurden allerdings noch nukleare Artilleriegranaten entwickelt und gebaut. So konnte die US-Haubitze M110 und M115 die W79-Artilleriegranate verschießen, die 1,1 kt Sprengkraft hatte.

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Ein russisches Gegenstück war die 2S7 Pion, die die Granate 3BV2 mit 1 kt verschießen konnte. Pion ist immer noch im Dienst, die Nukleargranate wurde aber, im Abkommen mit den USA, am Ende des Kalten Kriegs ausgemustert.

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Gregor Gruber

Testet am liebsten Videospiele und Hardware, vom Kopfhörer über Smartphones und Kameras bis zum 8K-TV.

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Gregor Gruber

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