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Age of Empires 4 im Test: Der Klassiker ist zurück

Age of Empires 4 ist soll das totgeglaubte Genre der Echtzeitstrategie wiederbeleben. Ob das gelingen kann ist aber fraglich.

Age of Empires 4 ist tatsächlich da und die Hoffnungen sind groß, dass der neue Teil des Echtzeitstrategieklassikers das Genre wiederbelebt. Wer es nicht kennt, eine kurze Einführung: Man begleitet eine Zivilisation von Feudal- zu Imperialzeit, baut Wirtschaft und Militär auf und bekriegt sich mit dem Gegner, bis einer besiegt ist oder aufgibt.

Seit Teil 3 vor 2005 erschien hatte niemand mehr wirklich an eine Rückkehr geglaubt. Das Genre, das vor allem in den 90er Jahren und frühen 2000ern populär war, verschwand von der Bildfläche. Age of Empires 2 konnte aber bis heute eine Fangemeinde behalten. Immer häufiger wurde das Spiel auf Twitch und YouTube gestreamt, später auch in der HD-Version, die Microsoft 2019 auf den Markt brachte. Am Erfolg von Teil 2 klammert sich auch der neue Teil 4 fest.

 

8 historische Völker

Dementsprechend geht es auch wieder ins Mittelalter. Zu Beginn gibt es 8 historische Zivilisationen: Engländer, Franzosen, Heiliges Römisches Reich, Chinesen, Mongolen, Rus, das Delhi Sultanat und die Abbasiden. Das sind weniger als in den vorherigen Teilen, die Unterschiede sind aber deutlicher.

Die Engländer spielen sich sehr defensiv und glänzen mit ihren Langbogenschützen. Wie die Franzosen bauen die Engländer gern Burgen. Der Unterschied ist aber, dass die Franzosen offensiver agieren. Das Heilige Römische Reich ist sehr auf Religion fixiert und kann mit Reliquien seine Gebäude stärken.

Schnell bauen oder schnell übersiedeln

Die Chinesen hingegen bauen extrem schnell und können beide Wahrzeichen bauen, nicht nur eines. Extra Gold erhalten sie über die Einheit Steuereintreiber, die von Haus zu Haus geht. Ihre Einheiten können mit Feuerlanzen oder Granaten ordentlich schaden machen. Die Mongolen haben im Gegensatz dazu kaum stationäre Gebäude, sondern Jurten. Die können sie schnell einpacken und an einen anderen Ort bringen. Das macht sie flexibel, aber auch angreifbar.

Die Rus sind ein Jagdvolk und erhalten Gold, wenn sie Tiere erlegen. Sie sind am stärksten von Wäldern abhängig, da Holz ihr wichtigstes Baumaterial ist. Schließlich gibt es noch das Delhi Sultanat, das viel Forschung betreibt, da diese nichts kostet. Besonders eindrücklich ist die Einheit der Kriegselefanten, die sehr robust sind. Und schließlich gibt es die Abbasiden, die statt einzelner Wahrzeichen ihr Haus der Weisheit nach und nach ausbauen. Ihre besondere Einheit sind Kamelreiter.

Nostalgie und Stresstest

Das erfordert tatsächlich, dass man sich mit dem jeweiligen Volk auseinandersetzt und seinen Spielstil entsprechend anpasst. Wer Age of Empires kennt, wird sofort und ohne große Fragen in den 4. Teil einsteigen können. Auf den ersten Blick ist alles beim Alten, auch die Tastenkürzel. Krieg funktioniert mit den Einheiten Bogenschützen, Lanzenträgern und Kavallerie weiterhin über das Schere-Stein-Papier-PrinzipIch selbst habe als Kind häufig gespielt und mit der Definitive Edition wieder in AoE 2 hineingefunden. Viele, die wieder Lust haben, das Spiel aufzunehmen und nur noch wenige Erinnerungen daran haben, werden vielleicht erstmal überfordert sein. 

Denn das Spiel muss man lernen, um es und später auch echte Gegenspieler bezwingen zu können. Auch wenn es auf den ersten Blick wie ein langsames Aufbauspiel aussieht, ist es richtig stressig. Vor allem zu Beginn müssen die Abläufe sitzen: Späher losschicken, Schafe sammeln, Holz abbauen, Gold finden, in die Feudalzeit aufsteigen. Und dabei merkt man doch, dass die Entwickler*innen an einigen Stellschrauben gedreht haben.

Früher war die erste Hälfte einer Partie recht repetitiv. In AoE 4 haben Spieler*innen aber mehr Möglichkeiten, individuell zu bauen und es gibt mehr zu tun. Das Aufsteigen in ein neues Zeitalter funktioniert nun z.B., indem man eines von 2 Wahrzeichen baut, die bestimmte Funktionen erfüllen, wie etwa Einheiten in der Nähe zu heilen. Daher muss schon früh Entscheidungen treffen, die für den späteren Spielverlauf entscheidend sein können

Burgen bauen, Burgen zerstören

Vor allem im späten Spiel wird man sich meistens mit dem Verteidigen oder dem Einnehmen einer Burg beschäftigen. Durch die dicken Mauern lassen sich oben praktischerweise Bogenschützen platzieren. Mit Rammböcken, Kanonen und anderen Kriegsgerätschaften muss man sich beim Einnehmen dann gut überlegen, wie und wo man diese am besten durchbricht. Für Anfänger*innen ist der Bau einer Burg eine gute Möglichkeit, sich länger im Spiel zu halten und nicht einfach überrannt zu werden.

Unübersichtlich

Sehr nervig ist, dass man auf offensichtliche Hilfsmittel verzichtet hat. Es gibt keine globale Übersicht über Produktion, Einheiten und Gebäude. Die Informationen sind stark reduziert, überall verteilt oder gar nicht vorhanden. 

Außerdem ist das Steuern von Einheiten nicht immer intuitiv. So ist es manchmal sehr mühsam, seine ganzen Einheiten zu kontrollieren. Anstatt die Stellung zu halten (auch wenn man sie dazu anweist) rennen sie wie die aufgescheuchten Hühner ohne Koordination übers Schlachtfeld, sobald sie von einem einzelnen Pfeil getroffen werden. Ich hätte mir auch gewünscht, dass der Späher automatisch auf Erkundungstour geht, aber nein – ich muss jeden Klick einzeln setzen. Das ist mühsam, weil natürlich alles gleichzeitig passiert.

Ich empfehle jedem, egal ob Veteran*in oder Anfänger*in, mit den Kriegskunst-Runden zu beginnen. Die sind gar nicht so einfach, wie man vermutet und sie motivieren dazu, sie zu wiederholen und den Wert zu verbessern. Dafür gibt es Medaillen – so lernt man das Spiel kennen ohne dass es sich wie ein Tutorial anfühlt. Anschließend hilft die Kampagne, sich ins Gameplay hineinzufinden.

Gelungene Kampagne

Die Kampagne ist meiner Meinung nach sehr gut gelungen. Sie wurde aufwendig produziert und liefert geschichtliche Hintergründe. Nach jeder der insgesamt 35 Missionen werden Videos freigeschaltet. Dabei gibt es einen Mix aus den Schauplätzen in der heutigen Zeit mit animierten Overlays und Informationsvideos, wie verschiedene historische Waffen funktionierten. Mir hat das sehr gut gefallen und ich habe mir wirklich mit Freude alle Filme angesehen, die man durch Absolvieren der Kampagne nach und nach freischaltet. Für mich war das eine große Motivation, sie durchzuspielen.

Sie besteht aus Kapiteln: Die Normannen, Der Hundertjährige Krieg, Das mongolische Reich und der Aufstieg Moskaus. Dabei stehen historische Schlachten im Mittelpunkt wie der Battle of Hastings, die Belagerung von Paris und die Schlacht an der Kalka. das bietet viele Stunden Singleplayer-Spielspaß.

 

In einem Video wird die Funktionsweise einer historischen Armbrust erklärt

Mäßige Grafik

An die Grafik, die im Vorfeld einige Kritik erntete, gewöhnt man sich rasch. Viele Fans waren mit dem eher comichaften-Look nicht zufrieden. Allerdings finde ich das Design insgesamt übersichtlicher und in Kombination mit den Animationen ist es sofort als Age of Empires erkennbar. Für ein Spiel, das 2021 erscheint, ist das größere Problem der fehlende Detailreichtum. Es sieht nicht richtig schlecht aus aber eben auch nicht gut. Es wirkt als hätte man die Einstellungen heruntergedreht, damit es auf einem schlechten Rechner läuft.

Dazu sei gesagt, dass es mir zwar aufgefallen ist, aber bei einem Spiel, das so stressig und hektisch ist wie AoE, rückt die Grafik schnell in den Hintergrund. Da ist man froh, wenn man den Überblick behält und schnell reagieren kann.

Fazit

Ich finde Age of Empires 4 ist ein gelungener Nachfolger des beliebten 2. Teils (den 3. überspringen wir mal, der war nur ok). Das gewohnte Spielgefühl stellt sich sofort ein. Für Einsteiger*innen gibt es viele Möglichkeiten, das Spiel zu lernen. Um gegen andere zu bestehen, muss man sich aber auskennen und das vermittelt das Spiel nicht vollständig. Da muss man sich im Internet informieren. Dafür erhält man mit der Kampagne aber gute Unterhaltung und die Grundlagen.

Fans werden anfänglich begeistert sein, gerade weil alles ein bisschen schneller geht, als sie es von AoE 2 gewohnt sind. Langfristig werden sie aber merken, dass sich beim Gameplay nicht so viel getan hat. Einige Profis werden vielleicht sogar weiterhin bei Teil 2 bleiben. Trotzdem macht AoE 4 insgesamt ganz viel richtig, macht Spaß und ich bin sicher, es wird über viele Jahre eine feste Strategiegröße bleiben.

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Franziska Bechtold

frau_grete

Liebt virtuelle Spielewelten, Gadgets, Wissenschaft und den Weltraum. Solange sie nicht selbst ins Weltall kann, flüchtet sie eben in Science Fiction.

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