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Google Stadia im Test: Ruckelfreies Cloud-Gaming mit grausiger Grafik

Ab sofort ist Google Stadia auch in Österreich verfügbar. Googles Versprechen: Sofort losspielen, ohne, dass man eine teure Konsole oder ein Spiele-Notebook benötigt. Sogar der Google-eigene Stadia-Controller ist optional.

Klingt zu schön um wahr zu sein – ist es aber. Zumindest in den Grundzügen. Ich habe Google Stadia getestet.

Cloud-Gaming

Stadia ist ein Cloud-Gaming-Service. Die Spiele liegen dabei auf einem Server. Die Eingaben erfolgen durch den Spieler, also mit Controller oder Maus und Tastatur. Die Berechnungen, etwa wie sich die Figur in der Spielewelt bewegt, erfolgen alle auf dem Server.

Der Vorteil: Man muss nichts installieren, sich nicht um Updates kümmern und braucht keine spezielle Hardware. Das Einzige, was benötigt wird, ist eine schnelle und stabile Internetverbindung mit Flatrate. Google empfiehlt mindestens 10 Mbit pro Sekunde für 1080p-Streaming und mindestens 35 Mbit/s für 4K-Streaming.

Google Stadia

Was man zum Spielen braucht

Google meint es ernst damit, dass man für Stadia nichts extra kaufen muss. Am Smartphone und Tablet reicht es die Stadia-App zu installieren, am Notebook oder Computer wird die Stadia-Website im Chrome Browser geöffnet. Man muss nicht mal Googles Stadia-Controller kaufen: Es werden PS4- und Xbox-Controller unterstützt, bzw. Maus und Tastatur am Computer.

Stadia bietet kostenlose Demos und Wochenenden, an denen Spiele gratis gespielt werden können. Außerdem kann man etwa Destiny 2 kostenlos spielen, weil das Game auch für PC kostenlos verfügbar ist. Nach dem Anmelden bei Stadia kann man also sofort loslegen. Und wer will, kann Stadia Pro ein Monat kostenlos testen und die darin enthaltenen Games spielen.

Stadia Premiere Edition: Google Chromecast Ultra und Controller

Spielen am Fernseher kostet

Und jetzt kommt der Haken: Wer die Games nicht nur am Notebook spielen will, sondern auch am Fernseher, benötigt den Chromecast Ultra. Diesen gibt es zurzeit nur in Kombination mit dem Stadia Controller. Diese „Stadia Premiere Edition“ kostet 100 Euro.

Also selbst wenn man bereits einen anderen Chromecast hat und einen Xbox Controller, kann man Stadia nicht am TV nutzen. Google hat aber versprochen, die Stadia-Unterstützung für den „Chromecast mit Google TV“ nachzuliefern.

Spiele zum Vollpreis

Google hat anscheinend nicht vor, Kunden mit günstigen Preisen zu ködern: im Gegenteil. Kauft man sich im Stadia Store ein Spiel, zahlt man mehr, als bei der Konkurrenz. „Star Wars Jedi: Fallen Order“ kostet bei Stadia 70 Euro. Auf Steam ist der reguläre Preis für die PC-Version 60 Euro. Auf Amazon gibt es die PS4-Version um 37 Euro und einen PC-Download-Code um 32 Euro. Die kürzlich erschienenen Spiele „Watch Dogs: Legion“ und „Assassins Creed: Valhalla“ kosten ebenfalls 70 Euro, während der Publisher Ubisoft die PC-Versionen um 60 Euro verkauft.

Insgesamt stehen zum Start von Stadia laut Google mehr als 100 Games zur Auswahl, wovon aber viele Indie-Games und ältere Triple-A-Titel sind. Deshalb sollte man, bevor man sich die „Stadia Premiere Edition“ kauft, das Angebot ansehen. So erspart man es sich, später enttäuscht zu werden, weil man 100 Euro ausgegeben hat und dann nicht die Games kaufen konnte, die man möchte. So fehlt derzeit etwa der Klassiker FIFA – der soll aber nachgereicht werden. Auch Call-of-Duty-Spiele sind momentan nicht vorhanden.

Zum Vergleich: Oben Assassins Creed Valhalla mit 4K (Stadia Pro am Flat-TV), unten mit 1080p (Desktop-PC mit FullHD-Monitor)

Bessere Grafik kostet 10 Euro pro Monat

Die zweite Möglichkeit an Games zu kommen, ist Stadia Pro. Das kostet 10 Euro im Monat. Derzeit sind 33 Spiele enthalten, die man kostenlos spielen kann, solange man Abonnent ist. Der Großteil davon sind Indie-Games. Die einzigen, klassischen Triple-A-Titel, die dabei sind: Hitman (2016) und Hitman 2 (2018).

Das heißt nicht, dass die Indie-Games schlecht sind: Aber gegen Microsofts Game Pass Ultimate (13 Euro) und Sonys PlayStation Now (10 Euro) wirkt das Angebot lächerlich. Google verspricht aber, dass es monatlich neue Games geben wird.

Außerdem muss man Stadia Pro abonnieren, wenn man die Games mit 4K, in HDR und 5.1-Surround-Sound spielen will. Und wenn man einen 4K-TV hat und den Chromecast Ultra an einen HDMI 2.0 oder 2.1-Anschluss anschließt, sollte man das unbedingt machen, da die Grafik der Games sonst grauenvoll ist.

Zum Vergleich: Oben Ghost Recon: Breakpoint mit 4K (Stadia Pro am Flat-TV) mit Fokus auf Texturenflimmern, unten mit 1080p (Desktop-PC mit FullHD-Monitor)

Kaputt komprimiert

Mit Stadia Pro sehen die Spiele auf einem aktuellen 8K-Premium-TV (Samsung Q950T, hier im Test) akzeptabel aus. Die Qualität ist in etwa auf dem Niveau einer Xbox One oder PS4. Wirklich viel merkt man von der 4K-Auflösung nicht, da die Weitsicht stark eingeschränkt ist.

Hier merkt man zudem die Komprimierung des Videosignals stark. Bei Games mit offenen Welten kann das störend sein. Bei „Ghost Recon: Breakpoint“ kann man etwa bei einem 30 Meter entfernten Gegner nicht mehr erkennen, in welche Richtung er schaut. Bei „Assassins Creed: Valhalla“ ist es ähnlich. Da bei beiden Games das Anschleichen zum Gameplay gehört, ist das störend. Bei Valhalla fällt es überhaupt schwer Feinde zu sehen, da sie im komprimierten Hintergrund untergehen.

Bei Games, die grafisch weniger anspruchsvoll sind, merkt man hingegen kaum oder gar keine Einbuße mit Stadia Pro am TV. Dazu gehören Superhot, Panzer Dragoon und Everspace. Lediglich bei Sundered merkt man bei Farbverläufen im Hintergrund wieder die Komprimierung. Hitman 2 sieht ebenfalls gut aus, wenn man in engen Levels ist. Sniper Elite 4 hingegen ist grafisch ohnehin nicht beeindruckend, hat aber sehr weitläufige Levels und damit viel Komprimierung in der Fernsicht. Hübsch anzusehen ist das nicht.

Zum Vergleich: Oben Sniper Elite 4 mit 4K (Stadia Pro am Flat-TV), unten mit 1080p (Desktop-PC mit FullHD-Monitor)

Schlimmer am PC

Ungut wird es, wenn man auf einem Notebook oder PC mit Monitor spielt, die nicht die 4K-Auflösung unterstützen. Hier wird man von Stadia automatisch auf den 1080p-Stream heruntergestuft – auch wenn man für Stadia Pro zahlt.

Es gibt kein Oversampling, um die Grafik zu verbessern, oder weniger Komprimierung: Die kostenpflichtigen Grafikvorteile von Stadia Pro sind nicht verfügbar. Aber die hätte es dringend gebraucht.

Stadia-Spiele auf 1080p sind grafisch traurig. Die Komprimierung ist sehr stark. Selbst bei grafisch wenig aufwändigen Indie-Games, wie etwa Superhot und Into The Breach. Bei großen Titeln, wie Assassins Creed: Valhalla, wirkt es so, als hätte man die Grafikeinstellungen auf niedrig gedreht und die Auflösung auf weniger als 1080p eingestellt. Es ist ein unscharfer Brei.

Und nein, es lag nicht an meiner Verbindung. Diese lag während der Tests stets zwischen 150 Mbit/s (verkabelt) und 250 Mbit/s (WLAN). Ich habe es mit mehreren Notebooks und einem PC probiert, weil ich nicht glauben konnte, wie schlimm Valhalla aussieht. Bei den etwas älteren Games Ghost Recon Breakpoint und Sniper Elite 4 war es nicht ganz so extrem – vermutlich, weil die weitläufigen Levels weniger Details haben und dadurch die Gegner nicht darin untergehen.

Spielen am Smartphone

Google wirbt damit, dass Stadia auch am Smartphone funktioniert. Korrekterweise müsste man sagen: Auf ein paar Smartphones. Eine Liste der unterstützten Geräte gibt es hier.

Da von Samsung zwar das Note 10 und die S20-Serie, nicht aber das Note 20 unterstützt wird, kann ich Stadia eigentlich nicht am Handy testen. Wer ein Smartphones des zweit- und drittgrößten Handyanbieters weltweit besitzt, Huawei und Xiaomi, kann Stadia ebenfalls nicht nutzen. Zumindest für die Nummer 4 wird es klappen: Stadia soll in Kürze für iOS verfügbar sein.

Es gibt aber einen Workaround. In den Stadia-Einstellungen kann bei den experimentellen Funktionen „auf diesem Gerät spielen“ aktiviert werden. Das klappt bei den meisten neueren Android-Phones, inklusive dem Samsung Note 20.

Auch am Handy bekommt man nur den 1080p-Stream. Da das Display kleiner ist, wirkt es weniger schlimm als am Notebook und PC. Außerdem erwartet man sich von Smartphone-Spielen üblicherweise keine schöne Grafik. Ghost Recon: Breakpoint oder Hitman 2 am Handy zu spielen, hat also durchaus seinen Reiz. Nur bei Valhalla gibt es wieder das bekannte Problem, dass man in dem Brei kaum etwas sieht.

Will man völlig mobil spielen, also per mobile Daten statt WLAN, wird die Auflösung automatisch auf 720p reduziert. Bei einigen Games mit ohnehin simpler Grafik ist das noch ok, bei anderen ist es furchtbar. Außerdem können trotz der furchtbaren Grafik bis zu 2,7 GB an Daten pro Stunde anfallen. Ohne Flatrate sollte man im WLAN bleiben.

Google Stadia Screenshots

Kein Ruckeln, keine Verzögerung

Der Verzicht auf Grafikdetails hat einen großen Vorteil. Das Spielen mit Stadia ist verzögerungsfrei. Im einwöchigen Testzeitraum gab es keine Aussetzer, kein Ruckeln, keine verzögerte Umsetzung der Eingabe. Das ist schon eine große Leistung bei Cloud-Gaming. Bei anderen Anbietern ist das weniger gut. Hier gibt es oft kleine Verzögerungen. Die Eingabe fühlt sich dann schwammig an.

Dank Googles weltweiter Server-Infrastruktur ist das bei Stadia nicht der Fall. Wären da nicht die teils offensichtliche Grafik-Komprimierung, würde man nicht merken, dass das Spiel irgendwo in einem Server-Zentrum rennt, anstatt auf einer Konsole unter dem Flat-TV.

Ladezeiten erspart man sich dadurch aber nicht. Panzer Dragoon braucht 25 Sekunden bis zum Hauptmenü. Bei Assassins Creed Valhalla sind es 57 Sekunden und dann nochmal 21 Sekunden, bis das Spiel geladen ist. Das ist flotter als bei den Last-Gen-Konsolen PS4 Pro und Xbox One X.

Controller-Parade: Stadia, Xbox Series X, PS5

Controller im WLAN

Ebenfalls beteiligt an der verzögerungsfreien Eingabe ist der Stadia Controller. In Gegensatz zu herkömmlichen Controllern kann der nämlich per WLAN verbunden werden. Das heißt er kommuniziert direkt mit den Servern, anstatt über den „Mittelsmann“ Computer, Smartphone oder Konsole.

Dazu muss der Controller aber im selben WLAN wie das Gerät sein, das man verwendet. Ist das nicht der Fall, kann der Controller alternativ per USB-Kabel genutzt werden. Auch in diesem Modus war bei Notebook und PC keine verzögerte Eingabe bemerkbar. Komfortabler ist natürlich das Verbinden per WLAN. Dazu wird lediglich die am Bildschirm angezeigte Kombination aus 4 Tasten eingegeben, um den gerade noch mit dem Smartphone verbundenen Controller am TV mit Chromecast zu verwenden.

Schwergewicht

Der Controller selbst ist mit 265 Gramm recht schwer und größer als ein normaler Xbox-Controller. Für Kinderhände ist er damit kaum geeignet. Der Schwerpunkt ist durch den fix verbauten Akku eine Spur zu weit vorne, weshalb man das Gefühl hat, ihn mit dem Daumen auf den Analogsticks in Balance halten zu müssen.

Um mit dem Smartphone unterwegs zu spielen, kann optional die „Power Support Claw“ für unter 20 Euro gekauft werden. Damit kann das Handy direkt an den Controller geschnallt werden. Auf Dauer ist das aber nicht angenehm: Mit dem Samsung Galaxy Note 20 Ultra wiegt das Gesamtpaket 511 Gramm.

Die Tasten

Die Tasten, Trigger und Analogsticks des Controllers haben ein leicht „klebriges“ Gefühl: Sie lösen beim Drücken nicht so klar aus, wie etwa der PS5- und Xbox-Controller. Es ist zwar besser als bei vielen Billig-Controllern, aber bei einem UVP von 70 Euro fallen solche Kleinigkeiten trotzdem negativ auf.

Der Controller hat eine Taste für den Google Assistant. Mit dem eingebauten Mikrofon können Sprachbefehle gegeben werden. Wer will kann über den 3,5mm-Klinkenanschluss auch ein Headset direkt am Controller anschließen. Außerdem gibt es eine Share-Taste. Einmal drücken speichert einen Screenshot ab, gedrücktlassen die vergangenen 30 Sekunden des Spiels.

Bis zu 500 Videoclips und unendlich Screenshots lassen sich derzeit abspeichern. Diese werden in der Cloud abgelegt und sind in der Stadia-App bzw. im Browser abrufbar. Dort können sie auch heruntergeladen oder ein Link zum Teilen abgerufen werden.

Fazit

Google macht mit Stadia viel richtig, aber nicht alles. Google argumentiert damit, dass man Menschen Gaming bringen möchte, ohne, dass diese extra Hardware kaufen müssen. Tatsächlich könnte man einfach einen kompatiblen Controller mit dem alten Notebook verbinden, um 70 Euro Assassins Creed Valhalla im Stadia Store kaufen und loslegen. Schnelles Internet und geringe Ansprüche an die Grafik vorausgesetzt.

Will man aber Valhalla in bestmöglicher Qualität am TV spielen, braucht man das Spiel selbst (70 Euro), die Stadia Prestige Edition (100 Euro) und das Stadia-Pro-Abo. Geht man davon aus, dass man das Game ein halbes Jahr spielt, ist man bei 230 Euro – die Kosten für einen eventuell teureren Internettarif mit mehr Bandbreite nicht eingerechnet.

Natürlich ist das weit weniger, als wenn man sich jetzt eine PS4 Pro (335 Euro plus 70 Euro für das Spiel) oder gar eine PS5 Digital Edition (400 Euro + 70 Euro Spiel) kauft. Dafür ist dort die Grafik besser und man hat mehr Spiele zur Auswahl, wenn man PS Now (10 Euro pro Monat) abonniert.

Sinn macht Stadia, wenn man öfters zwischen Geräten wechselt. Ist der Fernseher durch Kinder/Lebensgefährten/Mitbewohner blockiert, schnappt man sich den Controller und spielt am Handy oder Notebook.

Ein weiterer potenzieller Anwendungsfall: Man hat keinen Fernseher und Computer/Notebook sind zu leistungsschwach für aktuelle Games. Wenn dieses eine Spiel, das man unbedingt spielen will, tatsächlich im Stadia Store ist und man es so dringend spielen will, dass man dafür auf schöne Grafik verzichtet, ist Stadia eine Option.

Wenn Google schnell Kunden für Stadia gewinnen will, müssen die Preise für die Games sinken (etwa durch regelmäßige Sonderangebote), viel mehr Spiele angeboten werden und mehr Triple-A-Spiele in Stadia Pro aufgenommen werden. Denn selbst wenn man mit reduzierter Grafik leben kann: Schlussendlich dreht sich alles um die Games. Und die sind bei Stadia derzeit knapp.

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Gregor Gruber

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