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Life is Strange True Colors im Test: Empathie-Girl rettet den Tag

Mit einer ungewöhnlichen Superkraft macht Protagonistin Alex den 3. Teil der Life-is-Strange-Reihe zu einem gelungenen Adventure-Game.

Die Spielereihe Life is Strange hat eine ganz bestimmte Lücke gefüllt. Hier werden Geschichten erzählt, die sich an ein diverses Publikum richten, filmische Techniken anwenden und übernatürliche Elemente nutzen, um Bedürfnisse und Probleme sichtbar zu machen. Das wird verpackt in eine Art Murder-Mystery und das gelingt auch im neuesten Abenteuer, True Colors gut. Diesmal ist die Superkraft von Protagonistin Alex Chen: Empathie. Das klingt erstmal ziemlich langweilig, ist aber vielschichtig und geht überraschend gut auf.

Dabei fängt das Spiel ein bisschen holprig an. Waisenkind Alex kommt im bezaubernden Örtchen Haven (engl. Hafen) an und trifft nach 8 Jahren wieder auf ihren Bruder. Sämtlichen Menschen in Haven sind wahnsinnig freundlich und / oder hübsch. Und alle sind verzaubert von der schönen, coolen, tollen Alex – einige Spieler*innen werden unangenehme Flashbacks von Twilight und Gilmore Girls bekommen. Getoppt wird das mit viel gefühlvoller Singer-Songwriter Gitarrenmusik. Damit muss man klarkommen (und auch, dass an einer Stelle unironisch "Thank you" von Dido spielt).

Wut, Angst, Trauer

Hat man sich damit abgefunden, dann wartet ein Adventure, das nicht durch seine einfallsreiche Geschichte glänzt, sondern wie sie erzählt ist. Alex fühlt die Emotionen anderer. Ist ihr Gegenüber besonders wütend, traurig oder verängstigt, überträgt sich das auf die junge Protagonistin. Das führte in der Vergangenheit dazu, dass sie unfreiwillig in die ein oder andere Schlägerei verwickelt wurde. Über das Spiel hinweg schafft sie es aber mithilfe ihrer neuen Freunde, diese zu Beginn sehr rohe Fähigkeit in eine Superkraft zu entwickeln. Und so entstehen mehrere magische und emotionale Momente.

Fühlt jemand in Alex' Nähe eine bestimmte Emotion sehr stark, können wir die Gedanken dieser Person lesen und die Spielwelt verändert sich. Wir sehen die Welt so, wie die Person, in deren Gefühlswelt wir abtauchen. Wir sehen plötzlich Monster in der Dunkelheit lauern oder werden paranoid, weil wir von allen Seiten angestarrt werden.

So löst man Rätsel, aber manchmal macht man einfach nur Menschen glücklich. Das können Kleinigkeiten sein, wie den richtigen Song aufzulegen oder jemandem durch nette Worte mehr Selbstbewusstsein zu geben. In schwierigen Fällen können wir in die Vergangenheit der Personen blicken und wir müssen herausfinden, wie man ihnen helfen kann. Die Emotionen sind dann an Gegenstände geknüpft, die Erinnerungen hervorrufen.

Superheldin oder Gossip Girl?

Das ist eine interessante Mechanik und sie ist nicht ganz unproblematisch. Während des Spielens habe ich mehrfach gedacht: Warum muss ich hier eigentlich alle Probleme lösen, nur weil die alle ihr Leben nicht auf die Reihe bekommen? Dann ist mir aufgefallen, dass ich das gar nicht muss, weil das Spiel auch funktioniert, wenn ich niemandem helfe. Tatsächlich entstanden so aber die besten und emotionalsten Momente.

Die Gefühle sind komplex, die Charaktere und ihre Geschichten vielschichtig und glaubhaft. An einigen Stellen gab es Entscheidungen, die mir tatsächlich schwerfielen. So kann man sich spät im Spiel dazu entscheiden, Personen eine besonders starke, belastende Emotion einfach abzunehmen. Aber die Frage ist, tut man damit irgendjemandem einen Gefallen? Gleichzeitig ist es jedes Mal übergriffig, einfach die Nase in die Gefühls- und Gedankenwelt der anderen Figuren zu stecken, insbesondere wenn diese vielleicht einfach gar keine Hilfe wollen. Das wird thematisiert, für meinen Geschmack aber nicht ausreichend.

Trödeln erwünscht

True Colors erscheint nicht wie seine Vorgänger episodisch, sondern ist ein zusammenhängendes Spiel mit 5 Kapiteln. Das ist in 10 bis 12 Stunden erledigt, je nachdem wie schnell man spielt. Es empfiehlt sich aber, nicht zu schnell durchzuhuschen, sondern man sollte sich wirklich genau umschauen. Überall sind kleine Details versteckt. So kann man ein eigens entwickeltes Arcade-Game spielen und wer beim Spaziergang durch Haven gut zuhört, kann einigen NPCs aushelfen.

So schließt man die Figuren wirklich ins Herz (okay, nicht alle, aber die meisten). Das liegt nicht zuletzt an den gewohnt überzeugenden und ausdrucksstarken Sprecher*innen, die aus den 3D-Modellen glaubhafte Figuren machen.

Fazit

Fans der Reihe werden sich gar nicht fragen, ob sie Life is Strange: True Colors kaufen sollen. Sie haben es vielleicht schon durchgespielt (es erschien am 10. September). Und ich kann mit recht großer Sicherheit sagen, dass es ihnen gefallen wird. Für mich war die Geschichte ein wenig durchschaubar, aber eben sehr gut erzählt. Kapitel 3 hat mir dabei am meisten Spaß gemacht (Spoiler: Wir spielen ein sehr liebevoll gestaltetes Life Action Roleplay, das sehr clever geschrieben ist, viel Spaß macht und mich im besten Sinne an die großartige Community-Folge "Advanced Dungeons and Dragons" erinnert). Leider hat sich gerade das letzte Kapitel für meinen Geschmack anfänglich zu stark gezogen, nahm dann aber rechtzeitig wieder Fahrt auf.

Ich hatte zu keinem Zeitpunkt Langeweile und wollte alles in Haven erkunden. Aus "Puh, ich muss jetzt schnell in 2 Tagen dieses Spiel durchspielen und eigentlich bin ich gar nicht in der Stimmung dafür" (ja, das Leben von Spielejournalist*innen, es ist ein schweres) wurde wirkliche Freude. Wer Lust hat, in eine schöne Geschichte abzutauchen, ein paar Entscheidungen zu treffen und Detektivin zu spielen, kann getrost zugreifen.

Life is Strange: True Colors (diesmal nicht von Dotnod, sondern von Deck Nine entwickelt) ist für PS5 / PS4, Xbox One / Xbox Series X/S, Nintendo Switch, Steam und Stadia erschienen.

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Franziska Bechtold

frau_grete

Liebt virtuelle Spielewelten, Gadgets, Wissenschaft und den Weltraum. Solange sie nicht selbst ins Weltall kann, flüchtet sie eben in Science Fiction.

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