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Meinung

Negative Emissionen: Lösung oder Ausrede?

Ist das jetzt die Rettung oder ein Schritt ins Verderben? In Island wurde „Orca“ eröffnet – eine Anlage, die Kohlendioxid aus der Luft filtert. Das Kohlendioxid wird dann in Wasser gebunden und tief ins Basaltgestein gepumpt. Dort wird der Kohlenstoff aus dem CO2 durch chemische Reaktionen in Mineralien umgewandelt und dauerhaft von der Atmosphäre ferngehalten.

Orca kann also tatsächlich die CO2-Menge in der Atmosphäre verringern, man spricht von einer Negativemissions-Technologie. Das ist großartig, sagen die einen. Es ist ein wichtiges Werkzeug, um vielleicht die schlimmsten Folgen der Klimakatastrophe noch abzuwenden. Das ist furchtbar, sagen die anderen. Das könnte dazu führen, dass wir uns zu sehr auf künftige Negativemissionen verlassen und den nötigen Emissions-Stopp weiter hinauszögern. Welche Seite hat nun recht? Unangenehmerweise ist die Antwort: Beide.

Bäume und Algen

Es gibt verschiedene Ideen, wie man der Atmosphäre Kohlendioxid entziehen könnte. Die allereinfachste ist aufforsten. Wir haben in den letzten Jahrzehnten riesige Waldgebiete abgeholzt. Die Kohlenstoffatome, die früher in den Baumstämmen steckten, befinden sich heute als CO2 in der Luft. Das lässt sich prinzipiell umkehren, wenn man neue Bäume wachsen lässt. Allerdings: Wir blasen in Form von Kohle und Öl auch Kohlenstoff in die Atmosphäre, der viele Millionen Jahre im Boden eingelagert war. Das kann man auch durch Aufforsten nicht ausgleichen. Die Flächen, die wir in Wälder umwandeln können, sind begrenzt. Außerdem wächst Holz recht langsam – bis ein neuer Wald entstanden ist, vergehen Jahrzehnte.

Viel schneller wachsen Algen. Daher gibt es Überlegungen, das Meer gezielt mit Eisen zu düngen, um dadurch das Algenwachstum anzuregen. Wenn die Algen dann absterben und zum Meeresgrund absinken, lassen sich dort theoretisch große Mengen an Kohlenstoff langfristig speichern. Allerdings ist heute nicht ganz klar, wie gut das in der Praxis funktionieren würde und welche schädlichen Nebenwirkungen es haben könnte.

So viel wie tausend Autos

Also doch lieber eine High-Tech-Lösung wie die Orca-Anlage in Island? Das Problem ist: Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu filtern ist teuer, energieaufwändig und nicht besonders effektiv. Die Anlage soll jährlich etwa 4000 Tonnen CO2 abscheiden – ungefähr so viel wie 1000 Autos verursachen, die je 20.000 km weit fahren. Das ist schön, aber sicher noch lange keine Wunderwaffe gegen den Klimawandel. Der gesamte globale Kohlendioxid-Ausstoß liegt bei knapp 40 Milliarden Tonnen pro Jahr – das Zehnmillionenfache der Filterleistung von Orca.

Orca ist noch keine Lösung, sondern bloß ein Experiment. Vielleicht werden dort wertvolle Erfahrungen mit Kohlenstoff-Filterung gesammelt, aber die Technik ist sicher noch nicht gut genug, um damit eine spürbare positive Wirkung auf das Klima erzeugen. Vielleicht hat bald irgendjemand eine geniale Idee, mit der man die Effektivität solcher Anlagen eines Tages um das hundert- oder tausendfache steigern kann. Aber momentan ist das nicht abzusehen. Daher wäre es furchtbar gefährlich, sich auf solche Technologien zu verlassen. Wenn man Negativemissionen jetzt als große Zukunftshoffnung feiert, besteht die Gefahr, dass Regierungen auf der ganzen Welt die zweifellos notwendigen Emissionsstopps nicht mehr ernst nehmen – und dann ist die Klimakatastrophe endgültig nicht mehr aufzuhalten.

Notwendig ist es trotzdem

Andererseits wäre es aber auch falsch, Negativemissions-Technologien mit diesem Argument vollständig abzulehnen. Wir werden sie nämlich brauchen. Auch wenn wir jetzt unsere Emissionen radikal reduzieren, ist das 1,5-Grad-Ziel nach allen realistischen Berechnungen nur dann zu erreichen, wenn wir zusätzlich im Lauf dieses Jahrhunderts viele Milliarden Tonnen CO2 aus der Atmosphäre holen.

Negativemissionen sind keine Wunderwaffe, mit der wir andere Maßnahmen ersetzen können, sie sind eine Notwendigkeit. In den Prognosemodellen des Weltklimarates sind diese Negativemissionen nämlich längst miteingerechnet – auch wenn heute noch niemand weiß, mit welcher Technologie wir sie erreichen. Wer also glaubt, Negativemissionen könnten uns helfen, bei den CO2-Einsparungen doch noch ein bisschen mehr Zeit zu haben, denkt genau falsch herum: Wenn es uns nicht gelingt Negativemissions-Technologien zu entwickeln, müssen wir die CO2-Emissionen noch viel rascher auf null reduzieren als bisher gedacht. Darum müssen wir dringend daran forschen. Wir brauchen beides: Einen raschen Emissionsstopp, ganz besonders in den Bereichen Stromerzeugung und Verkehr, und die Entwicklung von Negativemissions-Technologien.

Es ist, als würden wir mit dem Auto auf eine Mauer zurasen: Eine Vollbremsung ist unverzichtbar, aber sie wird nicht reichen. Wir werden leider zusätzlich auch noch unseren Airbag brauchen. Aber ein Airbag darf sicher nicht als Ausrede dafür dienen, dass wir bloß halbherzig auf die Bremse steigen.

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Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen, schreibt er regelmäßig auf futurezone.at und in der Tageszeitung KURIER.

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