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Meinung
06/21/2020

Wir müssen über Unsinn reden

Soll man dumme Verschwörungstheorien entkräften, oder gibt man ihnen dadurch bloß Aufmerksamkeit, die sie gar nicht verdienen?

von Florian Aigner

Das Coronavirus ist in Wirklichkeit eine Biowaffe. Es gibt einen Impfstoff, aber der wird zurückgehalten – von der Regierung, oder von der Pharmaindustrie. Und überhaupt ist Bill Gates Schuld, der uns alle zwangsimpfen möchte, um noch reicher zu werden.

Das ist natürlich Unfug, aber zwischen 7 und 15 Prozent der österreichischen Bevölkerung glauben diese Thesen, wie Analysen der Uni Wien ergaben. Wie gehen wir damit um? Soll man solche Verschwörungstheorien gezielt zum Thema machen und widerlegen, oder verhilft man ihnen dadurch erst recht zu einer Aufmerksamkeit, die sie gar nicht verdient haben? Ist es sinnvoll, sich über Verschwörungstheorien lustig zu machen? Oder soll man das bleiben lassen, weil man damit eingefleischte Vertreter der Aluhut-Fraktion ohnehin nicht erreicht?

Virale Gedanken

Dazu muss man über die Ausbreitungsdynamik solcher Falschmeldungen nachdenken. Verschwörungstheorien und Viren haben einiges gemeinsam: Wenn jemand davon befallen ist, besteht beim Kontakt zu anderen Leuten eine gewisse Ansteckungsgefahr. Je größer die Zahl der befallenen Personen ist, umso mehr weitere kommen Tag für Tag dazu, genau das führt zu exponentiellem Wachstum. Man kann die Ausbreitung von Verschwörungstheorien (oder auch die Ausbreitung von Katzenvideos im Internet) mit genau denselben mathematischen Formeln beschreiben wie eine Corona-Pandemie.

In beiden Fällen hat unsere Technologie die Ansteckungsgefahr erhöht: Viren mussten früher mühsam von Dorf zu Dorf weiterwandern, heute lassen sie sich im Flugzeug innerhalb von Stunden auf die andere Seite der Erde transportieren. Ansteckende Gedanken mussten früher persönlich weitererzählt werden, heute kann der größte Dummkopf im Internet ein Millionenpublikum finden.

Wir wissen heute, dass es aus virologischer Sicht nicht klug ist, abwechselnd Türklinken anzufassen und in der Nase zu bohren. Niemand würde freiwillig die Haltegriffe in der Straßenbahn ablecken. Wir haben uns angewöhnt, Gegenstände in der Öffentlichkeit sicherheitshalber so zu behandeln, als wären sie voller Viren. Genauso sollten wir Nachrichten aus Internetforen oder Boulevardmedien sicherheitshalber so behandeln, als wären sie voller Unsinn. Wer alles in den Mund steckt, was er auf der Straße findet, wird krank. Wer sich alles ins Hirn füllt, was er im Internet findet, wird dumm.

Die Impfung fürs Gehirn

Können wir Verschwörungstheorien dann nicht einfach durch Social Distancing besiegen? Sollten wir uns von diesem Unsinn hermetisch abriegeln und ihn einfach ignorieren, um ihn nicht weiterzuverbreiten?

Das ist keine sinnvolle Strategie, denn manche Fake-News-Verbreiter sind Superspreader, die man nicht aufhalten kann. Gerade wenn sich auch Popstars und Halbpromis mit großer Social-Media-Reichweite in Verschwörungstheorien verheddern, bringt es nichts, diese Theorien totzuschweigen.

Gegen Viren hilft am besten eine Impfung: Abgeschwächte, nicht krankmachende Versionen des Virus werden verabreicht, um die Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Eine ähnliche Funktion hat es, wenn man ruhig und sachlich über Fake News und Verschwörungstheorie redet – oder vielleicht auch, wenn man einfach Witze darüber macht.

Wer danach in freier Wildbahn mit der tatsächlich gefährlichen Variante dieses Unsinns in Berührung kommt, hat bereits Abwehrkräfte entwickelt. Daher ist es gut, wenn auch Qualitätsmedien über Verschwörungstheorien und anderen haarsträubenden Unsinn berichten. Wir brauchen eine Herdenimmunität. Und die erreichen wir nur, indem wir darüber reden.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen

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