Türkei fühlt sich von Wikipedia bedroht

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Netzpolitik

Das Frauenproblem von Wikipedia

„Feiere den Frauentag. Hilf diesen März mit, den Rückstand in der Wikipedia im Wissen über Frauen zu verkleinern. Mach mit.“ Dieser Banner war am Weltfrauentag auf der Seite der deutschsprachigen Wikipedia zu sehen. Darunter: Der Löscheintrag eines Eintrags über die österreichische Wirtschaftswissenschaftlerin Judith Kohlenberger. Der Artikel war einen Tag zuvor von einer WU-Mitarbeiterin in ihrer Freizeit angelegt worden.

Sie war dem Aufruf der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien gefolgt, die rund um den Frauentag einen sogenannten „Edit-a-thon“ veranstaltet hat. Dabei bringt der Verein Wikimedia Österreich zusammen mit der WU Wien allen Neu-Autorinnen nahe, wie man richtig recherchiert, um einen Beitrag auf Wikipedia aussagekräftig zu belegen. Und dass es sogenannte „Relevanzkriterien“ gibt, die als Regeln dienen, wenn es um Einträge zu noch lebenden Personen geht.

Relevanzkriterien als Regelbasis

Denn nicht selten landen Beiträge, die nicht ausreichend mit Referenzen bestückt sind oder die Formfehler aufweisen, in der Liste der Löschkandidaten. Das sind nicht selten Beiträge über Frauen. Das Motto „Auf Wikipedia kann jede und jeder mitschreiben“ stimmt zwar im Prinzip, aber drumherum gibt es sehr wohl sehr viele Regeln und eine eigene Kultur.

Oft sind es genau diese sogenannten „Relevanzkriterien“, die Wikipedia-Profilen von Frauen zum Verhängnis werden. Denn diese sind so definiert, dass sie die herrschenden Hirarchien widerspiegeln, in denen weniger Frauen vertreten sind. Künstlerinnen müssen etwa 2 Einzelausstellungen vorweisen, Journalistinnen müssen Skandale in der Dimension von Alfred Worm aufgedeckt haben oder Chefredakteurin sein. Wissenschaftlerinnen müssen eine Professur inne haben oder einen anerkannten Wissenschaftspreis erhalten haben, um als relevant zu gelten.

"Spiegeln Machtverhältnisse wider"

Die Wikipedia-Autorin, die den Eintrag über Judith Kohlenberger angelegt hat, war sich dieser Relevanzkriterien nicht bewusst, wie sie im futurezone-Gespräch sagt: „Es sind 1.000 Sachen auf der Wikipedia, die für mich auch nicht relevant sind. Ich habe den Eintrag angelegt, weil ich Feministin bin“, so die Wikipedia-Autorin, die anonym bleiben möchte.

„Wenn man weiß, dass es in der Gesellschaft weniger Frauen in Machtpositionen gibt und dann legt man Kriterien fest, die diese gängigen Machtverhältnisse widerspiegeln, beeinflusst sich das gegenseitig. Es weiß dann niemand von diesen vielen, wichtigen Frauen, die nicht mit formalen Kriterien zu beurteilen sind“, erklärt die Wikipedia-Autorin. Nachdem sie die Löschdiskussion gesehen habe, sei sie „frustriert“ gewesen. „Ich weiß nicht, ob ich das noch einmal machen werde“, sagt sie.

„Wenn man weiß, dass es in der Gesellschaft weniger Frauen in Machtpositionen gibt, und dann legt man Kriterien fest, die diese gängigen Machtverhältnisse widerspiegeln, beeinflusst sich das gegenseitig."

Anonyme Wikipedia-Autorin

Harte Diskussionen

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Judith Kohlenberger entdeckte den Eintrag über ihre Person gerade in dem Moment, in dem dieser in einen „Löschantrag“ umgewandelt worden war. Sie selbst empfand die Löschdiskussion großteils auf einem „respektvollen Niveau“, wie sie der futurezone erzählt. Doch nicht alle Beiträge waren wirklich so. Es wurde unter anderem darüber diskutiert, ob ihre 2 Bücher, die sie verfasst hat, eine ausreichende Referenz darstellen, weil eines davon - vor wenigen Wochen erschienen - noch keine „umfangreichen Rezensionen“ aufweisen konnte. Eine Diskussion, die eigentlich müssig ist und die es, wäre Kohlenberger ein Mann, wahrscheinlich so nicht gegeben hätte.

„Ich selbst kann nicht beurteilen, ob ich in meinem Wirken relevant genug bin. Was mir aufgefallen ist, dass am Weltfrauentag bei den Löschdiskussion vorwiegend Frauen vorkamen. Da muss man sich schon die Frage stellen, ob die gesetzten Relevanzkriterien nicht Lücken haben, so dass hier besonders Frauen durchfallen“, sagt Kohlenberger.

„Es ging um Frauen, die sich durch herausragende Leistungen ausgezeichnet haben - und es wurden sofort Löscheinträge gestellt. Das ist natürlich nicht angenehm, wenn man neu ist."

Sonja Lydtin, Gender und Diversity Policy Officer an der WU Wien

Keine Regeln für Podcasterinnen

Während es für manche Personen relativ klare und strenge Regeln gibt, gibt es für andere gar keine: So fehlen etwa Regeln, wann eine Influencerin oder ein Influencer auf Wikipedia vorkommen dürfen, oder ab wann eine Unternehmerin oder ein Unternehmer. Dasselbe gilt auch für Podcasterinnen und Podcaster.

Das traf die Podcasterin Beatrice Frasl, die auf Twitter über 10.000 Follower hat und einen feministischen Podcast betreibt. Es betraf aber auch Profile über Unternehmerinnen, die im Zuge des Wikipedia Edit-a-Thons auf der WU angelegt werden sollten, wie Sonja Lydtin, Gender und Diversity Policy Officer an der WU Wien, erzählt.

„Es ging um Frauen, die sich durch herausragende Leistungen ausgezeichnet haben - und es wurden sofort Löscheinträge gestellt. Das ist natürlich nicht angenehm, wenn man neu ist“, sagt Lydtin. 19 Schreiberinnen legten Einträge im Zuge des Edit-a-Thons auf Wikipedia an. „Es reicht nicht zu schreiben, sondern man muss gewappnet sein für das, was danach passiert. Deshalb muss ein Beitrag immer mit gesichertem Wissen entstehen, und man muss die Grundprinzipien von Wikipedia einhalten“, so die Gender-Beauftragte Lydtin der WU Wien.

Claudia Garad bei einem Edit-a-Thon, als diese noch "live" stattfanden

"Den Menschen zuhören, die die Arbeit machen"

Doch wird es nicht Zeit, diese Relevanzkriterien radikal aufzubrechen, wenn sie die patriachal geprägte Gesellschaft mitsamt den gängigen Machtstrukturen widerspieglen, um etwas zu ändern? „Wenn man alles radikal aufbricht, es breiter aufstellt und es größer macht, gibt es viel mehr Arbeit, alles zu überprüfen. Wenn es keine Relevanzkriterien mehr gibt, die man mit ja oder nein abhaken kann, braucht jeder einzelne Eintrag mehr Zeit und Diskussion“, warnt Claudia Garad, Geschäftsführerin von Wikimedia Österreich.

„Die Community der Wikipedianer will sauber und strukturiert arbeiten und braucht Regeln. Man muss auch den Menschen zuhören, die diese freiwillige, ehrenamtliche Arbeit machen“, sagt Garad. „Die meisten sind keine antifeministischen Trolle, sondern pragmatische Menschen.“

Edit-a-Thons als erster Schritt

Dass die Wikipedia ein Frauenproblem hat, weiß man im Verein Wikimedia natürlich seit langem - und tut auch aktiv etwas dagegen. Mit den vom Verein organisierten Edit-a-Thons will Wikimedia dazu beitragen, dass sich auch mehr Frauen auf der Wikipedia beteiligen. Denn es fehlen nicht nur viele Profile über wichtige Frauen, sondern im Schnitt beträgt auch die Zahl der Autorinnen nur rund 12 Prozen. Unter den neuen, aktuell Mitwirkenden, beträgt der Frauenanteil rund 22 Prozent.

Wikipedia-Projekte wie „Frauen in Rot“ für biografische Artikel und Kampagnen rund um den Frauentag sollen gezielt Frauen ansprechen. Für Garad ist es natürlich bitter, wenn derartige Löschanträge gerade am Frauentag gestellt werden. „Ich verstehe, dass man sich über so einen Löschantrag ärgert. Aber man regt sich lieber über eine Handvoll Löschanträge auf, anstatt sich über die vielen neuen Artikel zu freuen, die in diesen Tagen über Frauen entstanden sind“, sagt Garad, die nun auf Twitter Beiträge von Frauen über Frauen sammelt, die im Zuge der Edit-a-Thons entstanden sind. Der Wikipedia-Beitrag über Judith Kohlenberger hat die Löschdiskussion übrigens „überlebt“ - und wurde im Zuge dessen mit vielen, wertvollen Referenzen ergänzt.

Auch die Edit-a-Thons gehen weiter: Am Freitag, 19. März 2021, findet im Rahmen von #WikiGap ein Workshop in Zusammenarbeit mit dem Schwedischen Außenministerium sowie den Schwedischen Botschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz statt.

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Barbara Wimmer

shroombab

Preisgekrönte Journalistin, Autorin und Speakerin. Seit November 2010 bei der Kurier-Futurezone. Schreibt und spricht über Netzpolitik, Datenschutz, Algorithmen, Künstliche Intelligenz, Social Media, Digitales und alles, was (vermeintlich) smart ist.

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